Dann halt nicht, Deutschland!

Matar durfte hier nicht bleiben - und macht jetzt einen Waschsalon in seiner Heimat im Senegal auf. Eine Geschichte über Selbstbestimmung.
Von Nadja Schlüter
Foto: Juri Gottschall

Neulich hat Matar seinem Vater in Dakar ein Foto geschickt, und der hat gefragt: „Bist du krank?“ Weil Matar so dünn ist. „Das macht der Stress“, sagt er. Vor zwei Tagen hat der Ramadan begonnen – aber diesmal fastet Matar nicht, damit er nicht noch mehr abnimmt. Er will gut aussehen, wenn er in einem Monat zum ersten Mal seit sechs Jahren vor seinem Vater steht.

In einem Monat wird Matar Deutschland verlassen und in den Senegal zurückkehren, wo er 1987 geboren wurde und aufgewachsen ist. Sechs Jahre war er jetzt in Europa, eineinhalb davon in Deutschland. Eineinhalb Jahre, in denen er einen Asylantrag gestellt, in einer Massen- und dann in einer Sammelunterkunft gelebt hat. In denen er bei einem Tanzworkshop seine Freundin kennengelernt hat. In denen seine Mitschüler in der Berufsschulvorbereitungsklasse ihn aus dem Stand zum Klassensprecher gewählt haben. In denen er Luis aus Ecuador getroffen hat und mit ihm zu einem unzertrennlichen Duo zusammengewachsen ist. In denen er ständig auf Partys eingeladen war, weil jeder ihn gern dabeihaben wollte.

Eineinhalb Jahre aber auch, in denen er das tun musste, was er am schlechtesten kann: warten. Das Warten hat jetzt ein Ende. Vor ein paar Monaten hat Matar die Ablehnung seines Asylantrags bekommen. Das heißt: Er muss ausreisen, und wenn er nicht ausreist, wird er abgeschoben.

Also wird er ausreisen. Und wenn er das tut, wird er dabeihaben: vier gebrauchte Waschmaschinen, mehrere Bügeleisen, einen Industriestaubsauger und einen Hochdruckreiniger. Und dazu einen Geschäftsplan und ein kleines Startkapital. Matar will in Dakar einen Waschsalon eröffnen.

Foto: Juri Gottschall

Matars Geschichte ist damit einerseits eine von vielen. Von sehr vielen, denn durch die starke Zuwanderung im vergangenen Jahr gibt es jetzt auch viele Abschiebungen und Ausreisen. Laut Bundesinnenministerium (BMI) wurden im Jahr 2015 20 888 Menschen aus Deutschland abgeschoben. 37 220 haben – wie Matar – das Land mit einer „geförderten freiwilligen Ausreise“ verlassen. In den ersten drei Monaten 2016 waren es bereits 14 095. Die wenigsten bekommen jedoch so viel Startkapital wie Matar.

„Geförderte freiwillige Ausreise“ bedeutet, dass die Rückkehrer vom staatlich finanzierten und von der Internationalen Organisation für Migration koordinierten Programm „REAG/GARP“ unterstützt werden, meist mit einem Flugticket, einer Reisebeihilfe von 200 Euro und einer Starthilfe von maximal 500 Euro. Nicht erhoben hat das BMI, wie viele von ihnen wirklich aus freien Stücken gegangen sind, und wie viele „erzwungen freiwillig“, weil sie so die Abschiebung vermeiden.

Matar wird in der Statistik 2016 also einer von denen sein, die wieder gegangen sind. Solange er in Deutschland ist, gehört er zu der Gruppe, die oft mit dem umstrittenen Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet wird, weil er nicht vor Krieg oder Diskriminierung geflohen ist. Matar hat keinen Schutz gesucht, sondern nur eine bessere Zukunft. Und weil er die noch immer sucht, sagt er jetzt: „Wenn ihr mich schon wegschickt, dann will ich wenigstens nicht mit leeren Händen gehen.“

„Ich zahle hier keine Miete - dabei könnte ich arbeiten und alles selbst finanzieren.“

Das klingt nach einem dieser Sätze, über die sich Menschen hermachen, die AfD-Ortsverbände auf Facebook liken: „Da sieht man’s mal wieder: Fauler Sack! Will nur unser Geld!“ Aber Matar ist nicht faul. Er hat immer gearbeitet und er will auch jetzt arbeiten – aber Deutschland erlaubt es ihm nicht. Arbeitsverbot. Das hat die Bayerische Staatsregierung im März 2015 gegen alle Asylbewerber verhängt, die wie Matar aus sogenannten sicheren Herkunftsländern stammen. „Ich zahle hier keine Miete, kein Wasser, keinen Strom – dabei könnte ich arbeiten und alles selbst finanzieren!“, sagt Matar dazu, und wenn er es sagt, klingt er nicht frustriert. Eher so, als würde er sich ratlos bis entsetzt an den Kopf fassen, weil die Regierung eine so dumme Entscheidung getroffen hat.

Weil er diese Entscheidung aber nun mal nicht ändern kann, will Matar das Angebot des Münchner Büros für Rückkehrhilfe nutzen und etwas aus Deutschland mitnehmen, mit dem er sich in seiner Heimat eine Existenz aufbauen kann. Und damit das klappt, hat er bis zu seiner Abreise noch einiges zu tun. Aber jetzt erst mal essen, Reis mit Rindfleisch, Tomaten und viel, viel Erdnusspaste. In der Gemeinschaftsküche seiner Unterkunft steht Matar am Herd, im rot-blau-weiß karierten Hemd, nur knapp 1,70 Meter groß und – da hat sein Vater schon recht – sehr schmal. Er rührt hektisch, der Reis brennt nämlich gerade an.

Foto: Juri Gottschall

Matar flucht kurz in sich hinein, dann muss er lachen – ob über sein Missgeschick oder darüber, dass er „Scheiße“ gesagt hat, ist nicht ganz klar. Er koche nicht so oft, sagt er, weil er nicht oft zu Hause sei. Mit acht anderen Senegalesen teilt er sich das flache Haus zwischen Autowerkstatt, Baumaschinenhandlung und leer stehenden Hallen im Gewerbegebiet Hohenbrunn, etwa 20 Kilometer von München entfernt. Man kann verstehen, dass er lieber in die Stadt fährt. Hier gibt es sehr wenig zu tun. Und das, wo Matar sowieso schon weniger zu tun hat, als ihm lieb ist.

 

Matars Weg bis nach München war lang. Als er davon erzählt, spricht er mehr als eine Stunde am Stück – und trinkt dabei nur einen einzigen Schluck Wasser. 2010, Matar ist damals 22, macht ihm ein Freund, der in Spanien lebt, ein Angebot: Sie könnten gemeinsam Autoteile kaufen und in den Senegal verschiffen. Er hält das für eine gute Chance, mehr und eigenes Geld zu verdienen. Bisher hat er in Dakar in der Autowerkstatt seines Vaters gearbeitet. Über Kontakte kauft er ein polnisches EU-Visum, für 7000 Euro. Viel Geld, aber er ist sich sicher: Der Job in Europa wird das in ein, zwei Jahren wieder einbringen. Über Marokko und Italien fliegt er nach Spanien. Sein Freund holt ihn ab und bringt ihn in einen Ort südlich von Madrid.

 

Das Haus, in dem er sich mit vier anderen Männern ein kleines Zimmer teilen muss, ist völlig runtergekommen, in seinem Viertel leben die, auf die selbst die Armen noch herabschauen. Viele handeln mit Drogen, die Straßen sind voller Müll. Und sein Freund vertröstet ihn immer wieder: Er müsse noch etwas warten. Bald könnten sie aber mit der Arbeit anfangen. Als Matar ihn bittet, auf sein restliches Geld aufzupassen, da er den anderen Männern im Haus misstraut, verschwindet der Freund und taucht erst nach vier Wochen wieder auf. Ohne Geld. Und ohne Job für Matar.

 

Von da an schlägt Matar sich alleine durch. Als Spanien Fußballweltmeister wird, verkauft er auf der Straße Trikots und Kappen, dann bietet er Leuten in Bars gebrannte DVDs an. Am ersten Tag verdient er damit zwei Euro, setzt sich auf die Straße und weint. Dann macht er weiter, verdient mal zehn, mal 20 Euro am Tag, nebenher besucht er einen Spanischkurs. Von 2011 bis 2014 lebt er in Lugo, im Nordwesten Spaniens, und nimmt jeden Job an, den er kriegen kann, in Bars, auf dem Flohmarkt. Dann meldet sich ein anderer Freund, der mittlerweile in Deutschland ist. Er solle auch kommen, sagt er, und Asyl beantragen. Davon hat Matar noch nie gehört. Aber er will es versuchen. Was hat er schon zu verlieren?

 

An der französischen Grenze wird er festgenommen und sitzt mehrere Wochen im Gefängnis, bevor sie ihn endlich gehen lassen. Ende 2014 stellt er in München einen Asylantrag – und hat erst ein Jahr später sein Interview beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bekannte raten ihm, sich eine Geschichte auszudenken, weil sein Anliegen nicht als Asylgrund zählt. Aber Matar will nicht lügen. Er erzählt frei heraus, warum er gekommen ist: weil er arbeiten und sich eine Zukunft aufbauen will. Matar ist trotz der Rückschläge all die Jahre in Europa geblieben, weil er ehrgeizig ist. Aber auch, weil er stolz ist. Sein muss. „Ich bin der älteste Sohn“, sagt er. „Der Älteste muss immer aufrecht sein und immer arbeiten. Er muss der Familie helfen. Wenn du in Europa warst und ohne Geld zurückgehst, ist das eine Katastrophe!“

 

In Mali gibt es sogar Spottlieder über gescheiterte Migraten, die faul sind und ihre Familie nicht achten.

 

Stephan Dünnwald kennt dieses Problem. Dünnwald, ein hagerer Mann Mitte 50 mit grauem Bart, arbeitet beim Bayerischen Flüchtlingsrat und hat vor einigen Jahren eine Studie über Rückkehrhilfen gemacht. Er weiß, dass Familien von ihren Migranten oft erwarten, dass sie regelmäßig Geld schicken. Viele wissen nicht, dass es an der europäischen Gesetzgebung liegt, wenn das nicht klappt. Stattdessen glauben sie, der Einzelne habe es vermasselt. „Wenn einer dann mit leeren Händen zurückkehrt, ist das eine Schande“, sagt Dünnwald. Im schlimmsten Fall wird der Rückkehrer sogar verstoßen. In Ländern, in denen es keine Sozialversicherung oder staatliche Unterstützung gibt, hat man dann gar nichts mehr. In Mali, erzählt Dünnwald, gibt es sogar Spottlieder über gescheiterte Migranten, die faul sind und ihre Familie nicht achten.

 

Als Matar seinen Ablehnungsbescheid bekommt, ist also nicht nur seine Zukunft in Gefahr, sondern auch sein Ruf. Und noch dazu ist er mittlerweile so verdammt müde. Die Jahre in Europa haben ihn Kraft gekostet. Und viel, viel Zeit. „Als ich gegangen bin, war ich noch so jung – jetzt bin ich 28, und was habe ich? Nichts! Ich kann so nicht weitermachen“, sagt er. Von Freunden erfährt er vom Münchner Büro für Rückkehrhilfe und vom EU-geförderten Projekt „Coming Home“, über das er einen Existenzgründungszuschuss beantragen kann. Mit bis zu 3000 Euro unterstützt „Coming Home“ Rückkehrer, die in ihrem Heimatland einen Betrieb aufbauen oder sich an einem bestehenden Geschäft beteiligen wollen.

Foto: Juri Gottschall

Auf die Waschmaschinen kommt Matar, indem er darüber nachdenkt, welches Geschäft in Dakar gebraucht wird. Er weiß, dass die meisten Menschen dort ihre Kleidung mit der Hand waschen. Eine eigene Maschine oder andere Reinigungsgeräte hat fast niemand, und es gibt auch kaum Waschsalons. Seine Marktlücke. Nachdem die Idee da ist, rast Matar wie ein Rennpferd mit Scheuklappen los. Er sucht im Internet nach Reinigungen in Dakar, ruft eine an, spricht mit dem Eigentümer über die Geschäfte, die Kosten, worauf er achten muss.

 

Er erstellt einen Geschäftsplan. Er rechnet aus, wie viel Geld er für die ersten drei Monate seines Ladens braucht: Lohn, Maschinen, Ladenmiete, Strom, Wasser, Möbel. Ergebnis: 6500 Euro. Sein Bruder findet in Dakar ein freies Ladenlokal. Seine Freunde starten eine Crowdfunding-Kampagne. Er macht ein einwöchiges Praktikum in einer Wäscherei, baut mit einem Spezialisten eine Waschmaschine auseinander und wieder zusammen.

 

Matar, der sowieso nie stillhält, muss endlich nicht mehr stillhalten. Nur manchmal kommt die Angst. Angst, er könne wieder aufgehalten werden. Angst, endgültig bei null zu stehen. Vor allem, wenn er erneut  warten muss. Und solche Momente kommen. Eines Nachmittags ruft er an, wie immer erst mal im Small-Talk-Modus: „Hallooo“, ein Lachen, „wie geht es dir?“ Dann erzählt er, dass er im Büro für Rückkehrhilfe war. Seine Stimmlage wird höher, gepresst. Es steckt viel Stress in ihr. Er hat schon unterschrieben, dass er Deutschland verlässt. Aber es steht noch nicht fest, ob er über die Reisekosten und die Starthilfe hinaus auch das Geld von „Coming Home“ bekommt. Der Antrag muss noch geprüft werden – und das dauert. „Ohne das Geld gehe ich nicht“, ruft Matar in den Hörer. „Das ist mein ganzes Leben!“

 

Mit seiner Unterschrift bestätigt Matar auch die Klausel, dass er Deutschland „dauerhaft“ verlässt und dass er, sollte er doch wieder herkommen, die erhaltene Förderung zurückzahlen muss. Unter anderem, weil dieser Rückkehrbegriff so endgültig ist, gibt es immer wieder auch Kritik an der Hilfe. „Das widerspricht jeder Art von globalisiertem Migrationsdenken“, sagt Stephan Dünnwald vom Flüchtlingsrat. Während von uns verlangt wird, mobil zu sein und für einen Job umzuziehen oder ins Ausland zu gehen, wird vielen Migranten genau das verwehrt. Dünnwald findet dafür deutliche Worte: „Wirtschaftlich gesehen ist das völlig idiotisch!“ Und inhaltlich? Generell findet er, dass Rückkehrhilfe gut und sinnvoll sein könne. Programme wie „REAG/GARP“, „Coming Home“ oder die Angebote von Wohlfahrtsverbänden wie Caritas oder Diakonie könnten aber nur sehr beschränkt Hilfe leisten: Sie setzten meist zu kurzfristig vor der Ausreise an, hätten zu wenig finanzielle Mittel und organisatorische Hilfe. Nachbetreuung im Heimatland gebe es so gut wie nie. „Strukturell defizitär“ nennt Dünnwald das.

 

Salopp könnte man sagen: Die Rückkehrhilfe wird ein wenig halbherzig gehandhabt. An sich ja gut, dass jemand sich kümmert, dass den Menschen unter die Arme gegriffen wird. Und für jemanden, dem eine Abschiebung droht, ist diese Art der „freiwilligen Rückkehr“ sicher die bessere Variante, weil eine Abschiebung immer mit Leid und einer Ohnmachtserfahrung verbunden ist. Andererseits ist das staatliche Angebot auch nicht gerade uneigennützig: Auch mit Rückkehrhilfe geförderte Ausreisen kommen ihn in den meisten Fällen wesentlich günstiger als Abschiebungen, für die zum Teil Flieger gechartert und Sicherheitsbegleiter gestellt werden müssen.

 

Dünnwald wünscht sich für die Rückkehrhilfen durchdachtere Modelle, die „alternative Migrationskarrieren“ möglich machen: Statt Menschen mit einer Abschiebung zu drohen und so in die „freiwillige Rückkehr“ zu drängen, fände er es sinnvoller, Migranten ohne langfristige Bleibeperspektive eine Arbeitserlaubnis für ein Jahr zu geben, in dem sie Geld verdienen und ihre Rückkehr vorbereiten können. „Aber diese Idee passt natürlich nicht in das normative Konzept von ‚Wer als Flüchtling anerkannt ist, darf bleiben, alle anderen müssen gehen‘.“

 

Matar muss zwar gehen, aber er hat Glück: Nach langen Wochen teilt seine Beraterin ihm mit, dass er die Existenzgründungshilfe bekommt. Sogar – und das ist selten – das Maximum von 3000 Euro. „Juhuuu“, schreibt er auf Whatsapp. Über das Crowdfunding sind außerdem noch mal mehr als 2000 Euro zusammengekommen. Das gibt ihm Sicherheit. Der Ausreisetermin kann kommen. Aber bis dahin ist noch viel zu tun.

 

Zehn Tage vor der Abreise sitzt Matar deshalb auf der Rückbank eines Autos, um sich bei Anderwerk, einem sozialen Unternehmen, das gebrauchte Waschmaschinen verkauft, zwei weitere auszusuchen und in den Senegal vorauszuschicken. „Ich bin aufgeregt“, sagt er und lässt eine Hand in einem Bogen nach oben fliegen wie ein startendes Flugzeug. „Aber auch traurig. Ich kann nicht weinen, aber in meinem Herzen weine ich sehr.“ Die Flugzeughand landet sanft auf seiner Brust. 

Foto: Juri Gottschall

Dann hat Matar erst mal keine Zeit mehr, traurig zu sein. In der großen Werkstatt in Feldkirchen wird er wieder zielstrebig – und zum Geschäftsmann. Er umrundet die Waschmaschinen, prüft sie durch seine schwarze Hornbrille, bespricht mit einem Mitarbeiter, wie viele Kilo sie fassen, wie lang ihre durchschnittliche Laufzeit ist, wie lange sie Garantie haben, lässt sich die Anschlüsse zeigen. Dann lehnt er mit gekreuzten Beinen an einer der Maschinen, sein gestärkter Hemdkragen schaut aus dem Pullover, er hat das Handy am Ohr und spricht mit seiner Freundin, die die Marken und Preise der Maschinen recherchiert. Am Ende kauft er zwei für zusammen 200 Euro. Einige Tage später schickt er ein Foto, wie sie zusammen mit anderen verpackten Geräten im Laderaum eines Lieferwagens stehen. „Alles meine Sachen :)“, schreibt er.

 

Was heißt eigentlich noch „zu Hause“ - nach sechs Jahren, die man nicht mehr dort war?

 

Noch fünf Tage bis zur Abreise. Matar hat seine Freunde zur Abschiedsparty ins „Provisorium“ eingeladen, eine Bar in der Münchner Lindwurmstraße. Etwa 20 Gäste kommen, bringen Kuchen und Geschenke mit. Matar posiert mit einem Freund aus Syrien grinsend für ein Foto. Viele fragen ihn, wie es ihm gehe. Und wenn sie das tun, dann sagt er jedes Mal: „Heute bin ich glücklich!“ Aber irgendwann, als gerade alle tanzen, sitzt er einen Moment lang im Tanktop auf einem Stapel Bierkisten, hält seine Brille in der Hand und schaut in die Leere.

 

Der Tag vor der Abreise. Heute hat Matar seinen letzten Termin bei „Coming Home“. Im Büro von Diem-Tu Tran, seiner Betreuerin, steht ein Stapel Umzugskartons in der Ecke. Die Beratungsstelle zieht selbst kommende Woche um. Die große Afrikakarte hat Frau Tran auch schon abgehängt und zusammengerollt. Tran, 28, eine zierliche Frau, die in ihrem Blusenkleid, den schwarzen Leggins und den weißen Slippern nicht sehr beamtenmäßig aussieht, strahlt eine freundliche Sicherheit aus, als sie Matar seine Unterlagen aushändigt: die Flugverbindung, ein Reisedokument als Passersatz, eine Grenzübertrittsbescheinigung, die Bestätigung, dass er die 3000 Euro bekommt.

 

Matar hört konzentriert zu und stellt Nachfragen, denn es fallen Begriffe wie „Kostenvoranschlag“ und „Vollmacht“, die er nicht kennt. Tran erklärt, dass das Geld in drei Raten über Western Union gezahlt wird. „Dafür müssen Sie mir aber erst Nachweise schicken“, sagt sie: Bilder vom Laden- lokal und den Maschinen zum Beispiel, auf denen Matar auch mal selbst zu sehen ist. Als Frau Tran den Raum verlässt, um einige Dokumente zu kopieren, streckt Matar sich auf seinem Stuhl. Die vergangenen Wochen waren anstrengend. Er sagt, dass er zu Hause im Senegal eigentlich erst mal zwei Wochen Ruhe braucht. „Aber ich muss ja weitermachen. Immer Power geben.“ Er pumpt mit einem Arm in der Luft.

 

„Zu Hause“ – was heißt das eigentlich noch, nach sechs Jahren, die man nicht mehr dort war? Nachdem man angekommen ist in einer Umgebung, die mittlerweile doch auch Heimat ist – oder zumindest hätte werden sollen. Matar nimmt ja nicht nur einen Plan, das Geld und die Waschmaschinen mit. Er nimmt auch Teile einer neuen Kultur mit, die ihn geprägt hat. Stephan Dünnwald jedenfalls hält es für falsch, sich eine Rückkehr als „Heimkehr in den Schoß der Familie“ vorzustellen. „Das ist Bullshit“, sagt er, „denn Rückkehrmigration ist wieder eine neue Migration.“ Das heißt: Sie ist schwer. Und sie kann misslingen. „Aber jemand, der hier die Möglichkeit hatte, soziales, kulturelles und wirtschaftliches Kapital zu sammeln, hat auch eher Erfolg, wenn er wieder zurückkehrt.“

 

Und dann ist der Tag da. Zwei Freundinnen und sein bester Freund Luis bringen Matar zum Flughafen und teilen sich dort in einem Mini-Biergarten mit Fußballarena-Optik an der Wand zwei Muffins. Matar albert mit Luis herum: Sie tun so, als würden sie schrecklich weinen, dann rammt Matar sich laut röchelnd ein imaginäres Schwert ins Herz – dorthin, wo er jetzt sicher wieder weint. Morgen um diese Zeit wird er im Senegal sein, bei seiner Familie. Seine Mutter hat ihm ein Foto von seinem Bett geschickt, das seit sechs Jahren auf ihn wartet. 

 

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