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„Für Gaslighting-Opfer ist Beziehung Manipulation“

Betroffene verdrängen oft, dass sie vom Partner manipuliert werden. Und tun alles, um den Zustand beizubehalten, erklärt Dr. Bärbel Wardetzki.
Interview von Melanie Wolfmeier
  • cydonna
    Foto: cydonna / photocase

Oft dauert es ziemlich lange, bis man merkt, was bei Gaslighting mit einem passiert: Man wird von Menschen, die einem nahestehen, manipuliert. Und zwar so sehr, dass es schwere, psychische Erkrankungen hervorrufen kann. Darüber haben wir mit der Psychologin Dr. Bärbel Wardetzki, Autorin des Buches "Nimm's bitte nicht persönlich", gesprochen.

Jetzt: Was versteht man unter Gaslighting?

Dr. Bärbel Wardetzki: Das ist eine Form des psychologischen Missbrauchs, bei dem die andere Person so manipuliert wird, dass sie ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr traut. Das kann so weit gehen, dass derjenige denkt: "Ich bin völlig wahnsinnig geworden." Und das Gefühl hat, sein eigenes Leben nicht mehr in der Hand zu haben.

 

Woran erkenne ich, dass ich betroffen bin?

Das ist manchmal gar nicht so einfach. Denn viele Opfer zweifeln oft permanent an sich selbst. Es dauert mitunter Jahrzehnte, bis man kapiert, dass man nicht derjenige ist, der etwas verkehrt macht. Sondern dass der Andere einen manipuliert. Auch sind mehr Frauen davon betroffen als Männer.

 

Ein Kriterium für Betroffene wäre, dass man unter einer permanenten Verwirrung leidet. Man hat immer das Gefühl, nichts richtig machen zu können – egal, was man tut. Ein zweiter Punkt wäre, dass man sich völlig ausgeliefert und wehrlos fühlt. Außerdem stellt man sich noch mehr in Frage als sonst. Das kann so weit gehen, dass man anfängt, sich für egal was zu entschuldigen. Dazu kommt, dass man Unstimmigkeiten in der Beziehung nicht mehr wahrnimmt. Die Probleme, die man hat, verheimlicht man vor Freunden und tut so, als ob alles in Ordnung sei. Das ist bei Missbrauchsopfern ganz oft so: dass sie das Problem so beschönigen, dass es aushaltbar wird.

 

Was kann man tun, wenn man merkt, dass man manipuliert wird?

Der erste Schritt ist wahrzunehmen, dass einen der Partner in die Irre führt. Wenn man so Sachen erkennt wie „Mensch, ich war doch früher ganz anders und jetzt bin ich plötzlich so elend und unsicher“, kann man sich therapeutische Hilfe suchen oder an einen Freund oder Freundin wenden. Die Außenwelt kann einem klarmachen, in welcher schwierigen Situation man steckt. Man selbst begreift das Ausmaß oft nicht.

 

Wie kann es sein, dass einem geliebte Personen so etwas antun?

Eigentlich ist es ein Mechanismus: nämlich Macht zu haben und zu halten. Wenn ich derjenige bin, der die Umwelt manipuliert, habe ich die Fäden in der Hand. Ich kontrolliere alles, was passiert. Das ist an sich nichts Untypisches. Aber wenn Menschen sehr unsicher sind, kann es eben auch perverse Formen annehmen. Denn Angst führt dazu, dass wir alles kontrollieren wollen, um wieder Sicherheit zu erlangen. Man den Spieß um und macht den Partner durch Gaslighting so unsicher, dass man sich selbst als der Starke fühlen kann. Das passiert oft unbewusst und gar nicht böswillig.

 

Was soll man tun, wenn man selbst derjenige ist, der manipuliert?

Das ist eine der schwierigsten Geschichten. Denn: Wer gibt schon gerne seine Macht auf? Keiner. Was passieren kann: dass dem Ausübenden die Augen aufgehen, wenn er verlassen wird. Und er dann kapiert: Da ist was ganz schiefgelaufen. Dann beginnt er zu leiden und läuft vielleicht los, um sich Hilfe zu holen. Aber ohne dieses Leid zu erfahren, wird es keine Besserung geben. Wenn das fehlt, werden diese Leute immer weitermachen. Weil sie wenig Gefühl für die eigene Problematik haben.

 

 

Wenn man als Außenstehender eine betroffene Freundin oder einen Freund hat – wie soll man sich dann verhalten?

Man kann dann sagen: „Du, ich glaube, bei euch läuft was schief. Wie denkst du darüber?“ Und dann kann man Hilfe anbieten. Im ersten Moment wird die Person das ablehnen. Aber dadurch, dass man es anspricht, setzt man ein Samenkorn in den Kopf des Betroffenen. Und das ist ganz wichtig! Denn dieses kann jetzt aufkeimen, weil der andere merkt: „Dem anderen fällt wohl auch schon was auf. Vielleicht stimmt ja wirklich was nicht.“ Auf keinen Fall sollte man aber Druck ausüben, sonst macht man etwas kaputt. Man muss Geduld haben und warten, dass die Freundin oder der Freund von selbst draufkommen. Und ihnen die Freiheit lassen, etwas dagegen zu tun oder nicht. Man soll eben das tun, wozu Freunde da sind: Unangenehmes ansprechen, selbst wenn das Überwindung kostet. Und unterstützen, indem man Hilfe anbietet und die Person dazu ermutigt, die eigenen Zweifel anzunehmen, die bestimmt schon bei ihr selbst vorhanden sind.

 

Wenn man einmal erkannt hat, dass man von einer anderen Person manipuliert wurde, ist man dann immun dagegen?

Da muss man schon sehr an sich arbeiten. Die Falle ist ja, dass man selbst sehr abhängig ist von einem anderen Menschen und sehr schnell unsicher wird in einer Beziehung. Die Täter haben ja auch eine Seite der Verführung. Sie geben einem Dinge, die man braucht – Blumen, Komplimente. Und wer auf so etwas anspringt, ist sehr gefährdet, in der nächsten Beziehung wieder auf solche Verführungen reinzufallen.

 

Die Opfer von Gaslighting sind auch häufig Menschen, die in der Kindheit schon manipuliert wurden. Sie kennen nichts Anderes. Für sie ist Beziehung Manipulation. Betroffene müssen  lernen, dass es andere Strukturen als diese gibt, um ihre Anfälligkeit für Gaslighting loszuwerden. Durch Freundschaften kann dies zum Beispiel gelingen. Es kommt aber auch auf die eigene Flexibilität an, ob man die anderen, gesunden Strukturen gegen die alten eintauschen kann.

 

Gaslighting scheint einige Ähnlichkeiten zum Stockholm-Syndrom zu haben. Wo genau liegt die Grenze?

Wenn ich mich bedroht fühle von meinem Gegenüber kann ich entweder gehen, mich wehren oder, wenn ich wie beim Kidnapping abhängig von meinem Entführer bin, ich tue alles, um diese Beziehung so positiv wie möglich zu gestalten. Beim Stockholm-Syndrom kommt hinzu, dass sich das Opfer mit dem Täter identifiziert. Das ist bei Gaslighting nicht unbedingt der Fall. Aber es steckt bei Beiden ein ähnlicher Wirk-Mechanismus dahinter. Wir wehren uns weder beim Gaslighting noch im Falle einer Entführung, weil wir unseren Überlebensmechanismus anschalten. Dann tun wir alles, damit es gut wird und bleibt. Von außen wird man dafür oft verurteilt – aber dabei hat das gar nichts mit Schuld zu tun. Denn man versucht ja nur, zu überleben und ist eben davon überzeugt, dass dies der beste Weg ist.

 

Das Thema Gaslighting kommt plötzlich immer öfter vor. Ist es denn so, dass die Fälle zunehmen?

Nein, das gab es schon immer, nur der Begriff ist neu. Die emotionale Ausbeutung und Einschüchterung ist bestimmt so alt wie die Menschheit selbst. Wir nehmen es jetzt nur vermehrt war, weil häufiger darüber gesprochen wird. Dadurch denkt man, dass es immer schlimmer wird. Aber das ist wie bei dem Narzissmus-Thema auch. Da es eine lange Zeit nicht im Fokus gestanden hatte, hat die Mehrheit auch nicht darüber nachgedacht. Aus Gaslighting wird nun auch so ein Mode-Thema. Wir sollten da auch aufpassen, wie wir damit umgehen – sonst denkt jeder plötzlich: "Ich könnte doch auch ein Opfer sein."

 

Ganz wichtig ist jedoch, die Jugend dafür zu sensibilisieren. Denn als junger Mensch ist man viel anfälliger für Manipulation. Man ist konfrontiert mit der Zukunftsangst und beschäftigt mit dem Erwachsenwerden – da ist man viel unsicherer. Es ist also gut, wenn man darüber aufgeklärt wird, dass es Gaslighting gibt. Und dass man sich dagegen wehren kann.

 

 

Hier geht's zu einem Erfahrungsbericht: 

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