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Foto: Emoji / photocase

„Mein Leben kommt mir vor wie eine Lüge, die ein anderer ersonnen hat, zu einem mir unbekannten Zweck oder um mich zu quälen. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe, aus dieser Lüge ein Stück Wahrheit zu formen, doch gleich wie viel Kraft ich aufwende, wie sehr ich mich anstrenge und es versuche, stets verwandelt sich alles in das Gegenteil dessen, was es hatte sein sollen, wird aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Antwort eine Frage.

Ich steige aus dem Bus und erkenne die Häuser, weiß, dass ich sie schon einmal gesehen habe, aber es ist, als hätte sie jemand neu angeordnet, durcheinandergewürfelt, diese Leuchtreklame vom Schlüsseldienst und das meterhohe Schild des Ärztehauses, die Straßenbahnhaltestelle, der Zebrastreifen, das Baustellenschild, als hätte all das ein Eigenleben entwickelt, und sei dann, als ich aus dem Bus stieg, an der Stelle erstarrt, an der es sich eben gerade befand, so wie früher, als wir als Kinder „Ochs, Esel, hinterm Berg“ gespielt haben, dieses Spiel, bei dem sich ein Kind mit dem Rücken zu den anderen stellt und das Sprüchlein aufsagt und sich dann umdreht und die anderen versuchen müssen, so weit wie möglich vorwärts zu kommen, aber sobald sich der, der ganz vorne steht, umdreht, müssen alle verharren, sonst fliegt man raus. Ich bin diejenige, die vorne steht, und hinter deren Rücken sich die Welt ständig neu anordnet, verändert, wie es ihr gefällt, wo alle bemüht sind, vorwärts zu kommen, schnell, schnell, schnell, voran, und wann immer ich es wage, mich umzudrehen, einen Blick auf die Welt zu werfen, die mir doch ohnehin so fremd ist, da sieht schon wieder alles anders aus und nie, nie, nie weiß ich, wo ich bin oder wer.“ 

Das habe ich einmal, als es mir nicht besonders gut ging, in mein Tagebuch geschrieben. Ich finde, es verdeutlicht ganz gut, wie es sich anfühlen kann, wenn man dem eigenen Verstand nicht mehr traut beziehungsweise das Gefühl hat, keinen Anspruch auf eine eigene Realität zu haben – denn genau das sind die Folgen von Gaslighting.

Es ist gar nicht lange her, dass ich selbst mit diesem Begriff zum ersten Mal in Berührung kam. Zu diesem Zeitpunkt war ich Mitte 30 und hatte schon ein Jahrzehnt lang nach einer Bezeichnung gesucht für das, was mir passiert ist. Gaslighting geschieht so oft und häufig geradezu beiläufig, dass viele es gar nicht richtig wahr- oder ernstnehmen. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen verstehen, worum es hierbei geht.

Was ist Gaslighting und warum heißt es so?

Gaslighting ist eine Form von psychischem Missbrauch. Der Begriff wurde geprägt durch den 40er-Jahre-Film “Das Haus der Lady Alquist”, im Original “Gaslight”. In diesem Film manipuliert ein Ehemann gezielt Gegenstände, um seine Frau in den Wahnsinn zu treiben. Er streitet ihr gegenüber ab, etwas von den merkwürdigen Vorgängen (beispielsweise flackernde Gaslampen) zu bemerken oder schiebt ihr die Schuld für verschwundene Gegenstände (die er zuvor entwendet hat) in die Schuhe – er macht das so lange, bis seine Frau tatsächlich an ihrem Verstand zweifelt. Da der Film halt irgendeinen Plot haben muss, geht es letztlich (Achtung, Spoiler!) darum, dass der Mann seine Frau deshalb in den Wahnsinn treiben möchte, damit er sich ungestört mit ihren Juwelen aus dem Staub machen kann.

Das ist natürlich alles sehr plakativ, verdeutlicht aber ganz gut, worum es sich beim Gaslighting handelt – auch wenn die Motive in echt wohl eher selten so offensichtlich, sondern im Gegenteil nur schwer zu ergründen sind. Es geht dem*der Täter*in darum – warum auch immer –, den Glauben des Opfers an die eigene Wahrnehmung zu zerstören. Wie oft es nun in der Realität vorkommt, dass jemand tatsächlich wie im erwähnten Film gezielt Gegenstände manipuliert oder Ähnliches, weiß ich nicht. Ich glaube, dass Gaslighting oft wesentlich subtiler ausgeführt wird und es kann lange dauern, bis Betroffene dahinterkommen, was ihnen passiert (ist).

Gaslighting kann zum Beispiel so aussehen:

Der*die Täter*in

  •  spricht den Gefühlen der*des Betroffenen ihre Berechtigung ab
  • behauptet, man hätte etwas getan, woran man sich nicht erinnern kann
  • leugnet, selbst etwas getan oder gesagt zu haben
  • bestreitet, dass ein bestimmtes Ereignis wirklich stattgefunden hat
  • gibt betroffener Person die Schuld, zum Beispiel für Streit, Schwierigkeiten in der Beziehung, das Scheitern von Freundschaften oder Probleme am Arbeitsplatz
  • dreht einem*einer die Worte im Mund um und/oder legt einem*einer Worte in den Mund
  • wirft unangemessene(s) Verhalten / Körpersprache / Bekleidung vor
  • redet betroffener Person ein, dass diese etwas nicht kann, nicht gut genug ist, unqualifiziert ist

"Na ja", denkt sich jetzt vielleicht jemand, "kann das wirklich so schlimm sein? Hat doch jede*r schon mal erlebt." Erstens: Ja, das haben viele schon erlebt und das macht es nicht besser. Zweitens: Doch, es ist schlimm. Es ist schlimm, wenn es permanent geschieht. Es ist schlimm, wenn es durch jemanden geschieht, der*dem man vertraut. Es kann gravierende Folgen haben.

Gaslighting ist real, auch wenn es durch Außenstehende nur schwer zu erkennen ist. Die für Unwissende oft überzogen wirkende Reaktion Betroffener auf scheinbar harmlose Handlungen oder Aussagen von Täter*innen können dazu führen, dass genau das geschieht, worauf es die Täter*innen abgesehen haben: Betroffene werden als „überempfindlich“ oder sogar als „verrückt“ abgestempelt. (Auch wenn man vielleicht über jemanden im ersten Moment denkt, „Was für ein Sensibelchen!“, ist es gut, innezuhalten und den Gedanken zu korrigieren: „Wenn sie*er auf eine bestimmte Art und Weise reagiert, dann hat das eine Berechtigung und es wäre anmaßend von mir, darüber zu urteilen.“)

Gaslighting ist wie das Eindringen in das Gehirn eines anderen Menschen

Wenn ein Mensch einem anderen über einen längeren Zeitraum immer wieder weismacht, dass das, was er*sie für wahr hält, nicht stimmt, dann setzt sich das irgendwann im Gehirn fest und man beginnt, die eigene Wahrnehmung infrage zu stellen. Ich stelle es mir so vor, dass sich die Botschaft langsam ins Unterbewusstsein frisst. Täter*innen dringen regelrecht in die Gedankenwelt der Betroffenen ein.

Das Perfide ist, dass Gaslighting oft durch eine Person zugefügt wird, der man vertraut, die man liebt und/oder von der man in irgendeiner Weise abhängig ist. Daher ist es nicht leicht, sich dem zu entziehen oder überhaupt festzustellen, dass ein Missbrauch geschieht. Schon gar nicht, wenn man noch ein Kind und existenziell von dem*der Täter*in abhängig ist. Aber auch später, in Partnerschaften, Freundschaften oder am Arbeitsplatz, erlebt man den Missbrauch oft lange Zeit nicht bewusst. Man geht ja zunächst einmal nicht davon aus, dass ein geliebter/geschätzter Mensch einem so etwas antut. Eher sucht man den Fehler bei sich selbst.

Die Folgen dieses psychischen Missbrauchs machen sich aber durchaus bemerkbar und als Betroffene*r hat man oft erst mal überhaupt keine Ahnung, was da eigentlich geschieht oder warum. Betroffene vertrauen ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mehr. Nicht den eigenen Gefühlen, den eigenen Sinnen, dem eigenen Verstand, der eigenen Erinnerung. Man beginnt, sich selbst permanent zu hinterfragen, entwickelt Selbstzweifel und ist allgemein stark verunsichert.

In schlimmen Fällen kann Gaslighting zu diversen psychischen Erkrankungen führen, von Angststörungen und Panikattacken über Depressionen und dissoziativen Zuständen bis hin zu psychotischen Phasen.

Als ich mich näher über das Thema Gaslighting informierte, stieß ich auf so einige Berichte von Frauen, die erzählen, dass ihr (Ex-)Partner Gaslighting angewandt hat. Dabei wird, wie man auch an den genannten Beispielsätzen erkennt, gern mit dem ohnehin leider noch in vielen Köpfen verankerten Bild der “hysterischen Frau“ gearbeitet. Ein bequemes Mittel, um jemanden mundtot zu machen, die*der unbequeme Themen anspricht und ihr*ihm die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Gerade wenn man versucht, sich mit feministischen Themen Gehör zu verschaffen, dürfte diese Taktik nur allzu vertraut sein. Weibliche Meinungen als “Hysterie” abzutun führt dazu, dass sich viele nicht mehr trauen, entsprechende Ansichten zu äußern beziehungsweise “gibt es das Recht”, sich mit diesen Ansichten nicht auseinandersetzen und die eigene Haltung nicht hinterfragen zu müssen.

Auch in Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt ist Gaslighting oft anzutreffen: Mit Sätzen wie “Ein kleiner Klaps auf den Po wird ja wohl noch erlaubt sein, sieh es doch als Kompliment!” versuchen Täter, ihre Handlungen zu verharmlosen und der betroffenen Person eine Sichtweise und Interpretation der Situation aufzunötigen: “Du kannst einfach nicht richtig beurteilen, ob das, was ich mit dir mache, gut oder schlecht ist, deshalb sage ich dir, wie es sich verhält.” Gaslighting ist also ebenso die Basis für die Aufrechterhaltung einer patriarchalen, auf Sexismus basierenden Gesellschaftsordnung.

Meine persönliche Geschichte – oder zumindest ein Teil davon

Ich möchte anhand meiner persönlichen Erfahrungen veranschaulichen, wie Gaslighting in einem extremen Fall aussehen kann – und hoffentlich damit anderen Betroffenen helfen zu verstehen, dass sie nicht allein sind.

Die Täterin ist meine Mutter. Auf ihre Gründe (oder das, was ich darüber weiß beziehungsweise erahnen kann) möchte ich nicht im Detail eingehen. Nur so viel: Sie wuchs selbst unter sehr schwierigen Bedingungen auf und hat in ihrer Kindheit und Jugend nie Liebe oder eine enge Bindung an eine Vertrauensperson erfahren. So, wie ich sie erlebt habe, ist sie auch selbst kaum in der Lage, Gefühle und Liebe für andere Menschen zu empfinden, auch nicht für ihre eigenen Kinder. Da sie sich deshalb vermutlich (bewusst oder unbewusst) für eine schlechte Mutter hielt, musste sie eine Welt erschaffen, in der ihre Lieblosigkeit eine Berechtigung hatte. Das ist zumindest meine persönliche Interpretation der Ereignisse.

Meine Mutter konstruierte das Märchen vom „schrecklichen Kind“: Es fing schon an, als ich noch klein war. Sie behauptete mir gegenüber immer wieder, die Erzieher*innen im Kindergarten hätten ihr erzählt, wie merkwürdig ich sei und dass niemand mit mir spielen wolle. (Später fand ich heraus, dass das nicht so war.) Daraufhin begann ich, mich im Kindergarten unwohl zu fühlen und entwickelte Angst vor den anderen Kindern. Schon damals brachte mich meine Mutter das erste Mal zu einer Therapeutin, da mit mir ja „etwas nicht stimmte“. Die Therapeutin fand zwar nichts heraus, aber die Verunsicherung bei mir saß tief.

Die Angst wurde zu meinem ständigen Begleiter, auch als ich schon längst in der Schule war. Wenn ich so eigenartig war (und das musste ich ja wohl sein, warum sonst sollte meine Mutter es behaupten?), war es doch wohl mehr als wahrscheinlich, dass sich andere Kinder über mich lustig machen würden. Ich achtete peinlich genau darauf, immer „korrekt“ gekleidet zu sein, alles musste zusammenpassen, ich erlaubte mir keinerlei „Auffälligkeiten“ – trotz der perfekten Fassade war ich, wann immer mich jemand ansah, überzeugt davon, dass diese Person direkt sehen würde, dass mit mir „etwas nicht stimmte“.

 

Es kam auch vor, dass Gegenstände in unserem Haus kaputt gingen, Gläser zerbrachen, und meine Mutter steif und fest behauptete, sie habe gesehen, wie ich das Glas heruntergeworfen hatte – obwohl ich mich daran überhaupt nicht erinnern konnte. Bis heute bin ich immer in Sorge, wenn irgendwo etwas kaputt geht, dass ich in irgendeiner Weise daran schuld sein könnte.

 

Als ich älter war, sah die Verdrehung der Wahrheit zum Beispiel so aus: Einmal kam ich nachts nach einer Party zur vereinbarten Zeit nach Hause – meine Mutter war noch wach und begann sofort zu schreien, als ich zur Tür hereinkam. Sie behauptete steif und fest, wir hätten eine andere Uhrzeit vereinbart gehabt und machte mir schlimme Vorwürfe, da sie aufgrund meines unverantwortlichen Verhaltens schlimme Ängste habe ausstehen müssen.

 

Dabei war ich ein fürchterlich angepasster, unrebellischer (und tatsächlich immer pünktlicher) Teenager – um Zusammenstöße dieser Art möglichst zu vermeiden. Aber es war einfach nicht möglich. Egal, wie sehr ich mich bemühte, es „richtig“ zu machen, meine Mutter verdrehte die Wahrheit stets so lange, bis sich herausstellte, dass ich etwas falsch gemacht hatte, dass ich „schuld“ war. Da mir stets die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben wurde, glaubte ich auch selbst, an allem schuld zu sein. Ich kann mich gut erinnern, dass ich, wenn meine Eltern stritten, reflexartig zu überlegen begann, was ich falsch gemacht haben könnte.

 

Meine Mutter redete mir zudem ein, man könne mir nicht über den Weg trauen („Ich konnte dich nie allein lassen mit deinen Geschwistern, ich hatte Angst, du tust ihnen was an.“) oder ich sei schuld an diversen psychischen Störungen meiner Geschwister („Kein Wunder, dass es deinen Geschwistern schlecht geht, du treibst ja alle in den Wahnsinn.“).

 

Im familiären Umfeld und im Freundeskreis verbreitete meine Mutter falsche Geschichten über mich – wie schwierig ich sei, wie anstrengend und sie wurde nicht müde, mir zu sagen, wie sehr andere Menschen sie dafür bewunderten, dass sie mit mir „schrecklichem Kind“ überhaupt fertig würde.

 

Durch ein solch fein gesponnenes Lügenkonstrukt, das beim Gaslighting häufig zu finden ist, wird es für Betroffene schwierig bis unmöglich, sich Gehör zu verschaffen (falls man es überhaupt versucht) – die Glaubwürdigkeit wurde ja bereits weitgehend untergraben. Die Verwandten, Freund*innen oder Kolleg*innen „wissen“ bereits, dass die*der Betroffene „schwierig“ ist oder eine psychische Störung hat. (In Therapien werden ja oft Angehörige zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen, wenn das sinnvoll erscheint. Bei der Frage, ob es okay wäre, wenn meine Mutter mal dazukommt, wurde mir jedes Mal schlecht. „Nein, bitte nicht!“ Ich war überzeugt davon, dass meine Mutter selbst entsprechend qualifizierten Personen ohne mit der Wimper zu zucken weisgemacht hätte, dass ich alles nur erfunden habe und ohnehin ein schreckliches Kind sei.)

 

Die Folgen: Unsicherheit, Panikattacken, Todesangst

 

Irgendwann war ich völlig außerstande, noch einzuschätzen, ob ich etwas falsch gemacht hatte – dadurch wurde jedes Treffen mit anderen Menschen zu einer Qual, und ich war mir anschließend stets sicher, man würde mir die Freundschaft kündigen – aufgrund irgendeines unmöglichen Verhaltens, von dem ich selbst noch nicht mal etwas wusste. Ich hatte auch Angst, man würde mich eines Tages verhaften und eines Verbrechens bezichtigen und ich müsste dann wohl oder übel sagen, „Ja, also, ich weiß davon zwar nichts, aber wenn Sie es sagen, dann wird es sicher so gewesen sein.“

 

An meinem 18. Geburtstag hatte ich die erste Panikattacke: Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Zittern, trockener Mund, Übelkeit, Atemnot, das volle Programm. Es folgten Jahre – meine gesamte Studienzeit –, die geprägt waren von täglicher Todesangst (aufgrund der mit den Panikattacken einhergehenden schweren körperlichen Symptome), unzähligen Arztbesuchen, dem Gefühl „verrückt“ zu werden, Flucht aus Seminarräumen, Verkriechen in meinem Zimmer im Wohnheim, Therapieversuchen – also nicht gerade ein unbeschwertes Studentinnenleben. Ich befürchtete sogar, meine Mitbewohner*innen würden Drogen in meinem Zimmer verstecken, dann die Polizei rufen und ich wüsste nicht mal, ob ich nicht vielleicht tatsächlich selbst die Substanzen in meinem Zimmer gelagert hatte.

 

Auf dem Höhepunkt dieser Krisenjahre konnte ich oft nicht mehr unterscheiden, was „innen“ und was „außen“ ist. Ich hörte beispielsweise Bremsen eines Autos quietschen und dachte, es sei meine Lunge, die pfeift, und dass ich gleich sterben würde. Einmal hatte ich rote, warme Flecken auf beiden Knien und dachte, ich hätte eine fürchterliche allergische Reaktion auf irgendetwas – weil ich vergessen hatte, dass ich mich kurz zuvor mit beiden Beinen gegen eine warme Heizung gelehnt hatte. Ich spürte das Haus wackeln und wanken, ich rechnete jederzeit mit Erdrutschen (ich lebte nicht mal in der Nähe eines Hügels), Monsterwellen (nein, ich wohnte nicht am Meer), dem Einschlag eines gigantischen Meteoriten oder der Entwicklung eines alles verschlingenden schwarzen Lochs.

 

Die Orientierung wiederfinden

 

Aufgrund dieser Symptome und Zustände unternahm ich mehrere Therapieversuche (ambulant, Tagesklinik, einzeln, in Gruppen). Aber da ich bis etwa Mitte 20 überhaupt nicht offen für den Gedanken war, dass meine Eltern irgendetwas damit zu tun haben könnten, brach ich jede Therapie ab, sobald das Gespräch in diese Richtung gelenkt wurde.

 

Es dauerte lange, bis ich ahnte, dass ich von meiner Mutter psychisch missbraucht worden war. Ehrlich gesagt machte es das aber zunächst mal nicht besser. Gaslighting ist so schwer greifbar, dass ich mich überhaupt nicht traute, meine Vermutung irgendjemandem gegenüber auszusprechen – es würde ja ohnehin niemand glauben.

 

Im bereits erwähnten Film “Gaslight” taucht am Ende ein Scotland-Yard-Detective auf, der die flackernden Lichter, welche die Ehefrau sieht, ebenfalls wahrnimmt – und sie dadurch davon überzeugen kann, dass sie nicht „verrückt“ ist. In meinem Fall waren das meine Geschwister. Lange Zeit hatte ich nicht gewagt, mit ihnen über meine Vermutungen zu sprechen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sie mir glauben würden. Eines Tages ergab sich dann doch ein solches Gespräch und ich erfuhr, dass sie Ähnliches mit meiner Mutter erlebt hatten. Das war extrem hilfreich und ich war unglaublich erleichtert zu wissen, dass eben nicht alles nur meiner Einbildung entsprungen war.

 

Als ich der Wahrheit somit ein Stück näher gekommen war, dachte ich, es sei eine gute Idee, mit meiner Mutter darüber zu reden. Sie hatte mir sogar von sich aus ein solches Gespräch angeboten und mir versichert, was immer ich zu sagen hätte, würde sie sich gern anhören. Anschließend hatte ich das dumpfe Gefühl, ihr in die Falle gegangen zu sein. Ich erhoffte mir ein vernünftiges, konstruktives Gespräch und bekam stattdessen Vorwürfe und Anschuldigungen zu hören, ich sei selbst schuld an meinem Zustand, sie drehte mir die Worte im Mund um, lachte mich aus und beschimpfte mich, bis ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste, als zu heulen und zu schreien. Und bestätigte so letztlich das, was sie bestätigt haben wollte: dass mit mir etwas nicht stimmte.

 

Das kam nicht nur einmal vor. Mag von außen betrachtet seltsam erscheinen, dass man es wieder und wieder versucht, aber da ist so eine komische Hoffnung, der*die andere möge zugeben, was geschehen ist, möge sagen, dass man nicht „verrückt“ ist. In den meisten Fällen wird das aber vermutlich nicht geschehen.

 

Gaslighting erkennen – und dann an sich selbst glauben

 

Gaslighting zu erkennen und anderen glaubhaft zu machen, was passiert ist, ist verdammt schwierig. Ich habe oft erlebt, dass mir selbst Menschen, die mir nahestanden, nicht geglaubt haben – was für mich sehr verletzend war. Heute gehe ich anders damit um: Ich muss niemandem beweisen, was passiert ist. Ich weiß es und das genügt mir. Lass dich nicht in die Ecke drängen und dir einreden, es sei nicht passiert, nur weil dir die Worte fehlen, um es „glaubwürdig genug“ zu beschreiben. Das Wichtigste ist, dass du dir selbst glaubst – und das ist oft schon schwierig genug.

 

Werde hellhörig, wenn jemand dir gegenüber häufig folgende (oder ähnliche) Sätze verwendet (vor allem wenn du ihnen gegenüber Kritik äußerst, sie zur Rede stellen möchtest oder ähnliches):

 

  • „Du hast so eine lebhafte Fantasie!“
  • „Mit dir stimmt was nicht.“
  • „Du warst schon immer sehr schwierig.“
  • „Musst du immer so empfindlich sein?“ beziehungsweise „Ach, nun sei doch nicht so empfindlich.“
  • „Reg dich ab, das ist doch nicht so schlimm.“
  • „Darüber muss man sich nun wirklich nicht aufregen.“
  • „Du bist so eine Drama Queen.“
  • „Du bist schuld daran, dass wir immer streiten.“
  • „Immer machst du aus einer Mücke einen Elefanten.“
  • „Was sollen meine Freunde denken, wenn du dich so aufführst?“
  • „Du verhältst dich kindisch.“
  • „Du übertreibst schon wieder maßlos.“
  • „Stell dich nicht so an!“
  • „Du siehst Gespenster.“
  • „Du bist doch paranoid.“

 

Vertraue deiner eigenen Wahrnehmung! Wenn du etwas fühlst, dann hat dieses Gefühl seine Berechtigung und niemand hat das Recht, dir etwas anderes einzureden. Erlaube niemandem, ein Urteil über deine Gefühle zu fällen, gestatte keinem Menschen, deine Gefühle abzuwerten oder für falsch zu erklären. Lass dir von niemandem weismachen, es sei deine Schuld, wenn etwas schiefläuft. Lass dir nicht einreden, etwas getan/nicht getan zu haben, wenn du es besser weißt. Deine Realität ist deine Realität und damit hat sie ihre Berechtigung.

 

Erst als ich mich von der Idee befreit hatte, als ich nicht mehr darauf hoffte, von meiner Mutter etwas zu bekommen, was sie mir nie geben würde, geriet mein Leben langsam in geordnetere Bahnen. Was mir dabei auch half, ist Verhaltenstherapie: lernen, der eigenen Wahrnehmung (wieder) zu vertrauen, triggernde Situationen zu identifizieren und mit ihnen besser umzugehen.

 

Mein Fall ist möglicherweise besonders schwerwiegend, da das Gaslighting schon so früh begann, in einer Phase, in der ich noch keinerlei Eigenständigkeit entwickelt hatte – meine Geschichte stellt eben ein Extrem des Spektrums dar. Gaslighting findet aber auch in vielen Alltagssituationen statt und muss nicht immer so gravierende Folgen haben. Nichtsdestotrotz ist es nie in Ordnung, wenn ein Mensch versucht, einem anderen Menschen dessen Realität abzusprechen oder sie zu verzerren.

 

 

Dieser Text erschien zuerst auf kleinerdrei.org .

 

Das ist ein Gemeinschaftsblog, das 2013 von Anne Wizorek gegründet wurde. Zehn feste Autor_innen und sieben Kolumnist_innen schreiben hier regelmäßig über alles, was ihnen am Herzen liegt. Daher auch der Name kleinerdrei, der im Netzjargon für ein Herz steht: eben ein <3. Die Themen reichen dabei von Politik bis Popkultur und werden stets aus einer feministischen Perspektive betrachtet. Im Jahr 2014 wurde kleinerdrei in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” für den Grimme Online Award nominiert. Die Autorin ist der Redaktion bekannt, möchte aber anonym bleiben.

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