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Warum mich Messenger-Dienste überfordern

Und warum unsere Autorin am entspanntesten ist, wenn sie ihr Ladekabel fürs Smartphone vergisst.
Von Lou Zucker
  • sozialphobie handy cover
    Illustration: Katharina Bitzl

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Heute: die lange Liste unbeantworteter Nachrichten auf Facebook und Co.

 

Meine Cousine fiel neulich fast in Ohnmacht, als sie zufällig auf meinen Handy-Bildschirm schaute. Alles voller roter Zahlen: 104 ungelesene SMS, 60 ungelesene E-Mails, 143 ungelesene Whatsapp-Nachrichten. 26 neue Facebook-Benachrichtigungen, 16 neue Nachrichten bei Messenger. Fünf bei Couchsurfing, sechs bei OkCupid. Sie meint, ich hätte besser in die Achtzigerjahre gepasst, als man sich noch auf dem Festnetztelefon anrief und Briefe schrieb.

Ich bin in meinem Freundeskreis bekannt dafür, dass ich schwer erreichbar und eine Niete im Kontakthalten bin. Vor allem mit Freunden und Verwandten, die in anderen Städten oder Ländern leben. Oder wenn ich selbst im Ausland bin. Deshalb muss ich mir ständig Beschwerden anhören. Selbst meine Oma ist bei Telegram aktiver als ich.

 

Den ganzen Messenger-Diensten einfach abschwören? Bekomme ich nicht hin

 

Ich schwöre an dieser Stelle hoch und heilig, dass ich keinen dieser Menschen vergessen habe und dass sie mir wichtig sind! Wenn wir uns wiedersehen, komme ich jedes Mal um vor Freude und zwischen uns ist alles wie immer. Sich aber regelmäßig bei Facebook über die Eckdaten der letzten Monate upzudaten, fühlt sich für mich meistens nach Arbeit an. Es gibt mir einfach mehr, über die Dinge zu sprechen, die mich in diesem Moment gerade beschäftigen und dabei nicht vor einem Bildschirm zu sitzen, sondern vor einem Menschen. Ich kann mit Mimik mehr anfangen als mit Emojis – und mit Körperkontakt mehr als mit Touchscreens. Wenn das jemand altmodisch findet, tut es mir leid.

 

Den ganzen Messenger-Diensten einfach abzuschwören, bekomme ich aber nicht hin. Einerseits ist da der Gruppenzwang: Ohne Telegram würde ich nicht mitbekommen, was es diese Woche in meiner Politgruppe zu tun gibt. Slack brauche ich, um mit meinem Journalismuskollektiv zu kommunizieren. Zu Whatsapp und Facebook zwingen mich meine Freunde aus dem Ausland. Andererseits sehe ich ja auch selber das Lustige oder Praktische an Sprachnachrichten, GIFs und Gruppenchats und freue mich über ein tränenüberströmtes Ich-vermiss-Dich-Emoji einer guten Freundin.

 

Ich will auch keine unzuverlässige Freundin sein. Ich will ja antworten! Manchmal will ich mir dafür nur gebührend Zeit nehmen. Manchmal wird das schlechte Gewissen auch immer größer, je länger ich nicht antworte. Das Antworten wird damit immer schwieriger. Oder ich bin vom Anblick der roten Zahlen auf meinem Handy einfach derart überfordert, dass ich lieber gar nicht draufgucke.

 

Dann passiert sowas: Ich lese erst am nächsten Morgen, dass mich gestern jemand spontan zum Abendessen einladen wollte. Mir fällt am Montag auf, dass die Freundin einer Freundin für das Wochenende einen Schlafplatz in Berlin gebraucht hätte. Die Spontan-Demo gegen die AfD-Wahlparty – verpasst, weil ich nicht bei Facebook war.

 

So was ist ärgerlich für mich selbst und nervig für alle anderen. Das verstehe ich. Wofür ich aber kein Verständnis habe, ist die Erwartungshaltung, auf jede Nachricht innerhalb von fünf Minuten eine Antwort zu erhalten. Ebenso wenig verstehe ich, wie Menschen, die das tatsächlich schaffen, noch gleichzeitig mit Studium, Lohnarbeit oder Körperpflege hinterherkommen. Ganz zu schweigen davon, sich zu entspannen.

 

Der soziale Druck gibt mir das Gefühl, nicht mehr frei über meine Zeit verfügen zu können

 

Der ständige Griff zum Handy nimmt selbst bei jemandem wie mir schon suchtähnliche Züge an. Es ist schwierig für mich geworden, einem Vortrag zu folgen oder an einem Text zu arbeiten, ohne in regelmäßigen Abständen den Touchscreen unter den Fingern zu spüren. Meine Aufmerksamkeitsspanne war im Kindergarten wahrscheinlich größer. Wenn ich dann beschließe, mich also doch zu konzentrieren und dafür ein paar Stunden lang nicht aufs Handy zu gucken, kann ich mir schon ausrechnen, wie oft ich mich danach werde entschuldigen müssen, dass ich diese und jene Nachricht erst jetzt beantworte. Dieser soziale Druck gibt mir das Gefühl, gar nicht mehr frei über meine Zeit verfügen zu können. Es hat Gründe, dass Leute dafür bezahlt werden, sich um die Social-Media-Präsenz anderer Leute zu kümmern. Neulich war ich für ein paar Tage bei meiner Oma auf dem Land und hatte mein Ladekabel vergessen. Wie viel Zeit ich auf einmal hatte!

 

Das Gute ist: In dem Maße, wie wir Erwartungen erfüllen – oder eben nicht –, verändern sich diese Erwartungen auch. Ich kriege oft Facebook-Nachrichten, die mit „Ich weiß zwar dass du nicht oft hier reinguckst, aber falls du das hier ließt...“ anfangen. Wer mich länger kennt, hat sich an meinen persönlichen digitalen Rhythmus gewöhnt und nimmt es mit Humor.

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