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Wir sollten uns nicht mit anderen vergleichen

Ist nämlich meist deprimierend. Aber wie kommt man davon los?
Von Mercedes Lauenstein

In meiner Schulzeit wollte ich immer die Schulbrote der anderen essen. Ich fand sie viel interessanter als meine eigenen. Also habe ich meine weggeworfen und stattdessen von denen der anderen abgebissen. Irgendwann musste ich damit aufhören. Man kann nicht für immer an den Broten der anderen abbeißen, wenn man einmal ernst genommen werden möchte. Man muss sich eigene machen, und zwar am besten welche, die man essen möchte.

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    Illustration: Lucia Götz

Außerdem waren es nicht nur die Brote, die ich anderen neidete. Es waren auch Dinge, an denen man nicht abbeißen kann und es auch besser nicht versucht: Ihre Familien, ihre Hobbys, ihre Klamotten, ihre Wanddekoration im Kinderzimmer, ihre Ideen im Kunstunterricht, ihre Aufsätze im Deutschunterricht, ihre langjährigen Snowboardskills, gegen die meine Anfängerkursskills nicht ankamen, ihre hübscheren Stimmen, ihre dickeren Haare, ihre sowieso ganz anders gelagerten Talente, ihre eigenen Entscheidungen, ihre finanziellen Vorteile, ihre Glückssträhnen, manchmal sogar ihr Liebeskummer oder ihre sonstigen Lebensdramen. Die waren zwar mitunter schrecklich, aber von außen betrachtet eben auch schrecklich romantisch oder zumindest sehr aufregend.

 

Der Vergleich mit anderen bleibt nicht aus. Besser man beherrscht ihn, bevor er einen beherrscht 

 

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn er es nicht mehr ist, ist er tot, gestorben an Hospitalismus, dem Entzug jeglicher Zuwendung und äußeren Reizen. Lernt man schon in der fünften Klasse im Ethikunterricht: Man wird nur man selbst durch die Spiegelung im Anderen. Der Vergleich mit anderen bleibt also nicht aus. Doch besser man beherrscht ihn, bevor er einen beherrscht.

 

Leider ist das im Einzelnen sehr kompliziert. Wieviel Mit-anderen-vergleichen ist gesund? Mit wem soll man überhaupt und mit wem auf gar keinen Fall? Und welche Konsequenzen draus ziehen?

 

Zwei Sachen lassen sich festhalten. Erstens: Es ist der Selbstzufriedenheit kurzfristig enorm zuträglich, sich mit Menschen zu vergleichen, die weniger erreicht haben / ärmer / dümmer / unglücklicher / hässlicher sind, als man selbst. Langfristig allerdings hilft das gegen höhere Ambitionen in etwa so gut wie der Satz: „Iss deinen Teller auf, andere Kinder haben gar nichts zu essen“, wenn einem nun mal ums Verrecken nicht schmeckt, was man auf dem Teller hat. 

 

Zweitens: Sich mit Menschen zu vergleichen und zu umgeben, die mehr erreicht haben / reicher / klüger / glücklicher / schöner sind als man selbst, ist langfristig genauso deprimierend. Die Leute sagen zwar, man wachse daran. Erfolg ernte, wer sich nach oben orientiere. Immer weiterstreben, hohe Ziele stecken, am Scheitern wachsen. Aber wer dauernd das Gefühl hat, hinter seinen Ansprüchen zurückbleiben, findet halt auch keinen Seelenfrieden. Und was, wenn nicht Seelenfrieden ist sonst Sinn und Zweck des ganzen Generves?

Man kann sich an den Vergleichen mit anderen kaputt denken und in chronischen Selbsthass verfallen. Ich bin zum Glück nicht mehr 14, sondern 29 und im Vergleich zu früher mittlerweile froh, ich zu sein und niemand anders. Ein sehr erhebendes Gefühl. Vielleicht erledigt also allein das Älterwerden viel.

 

Abgesehen davon, dass man selbst schon eine hat, kann man Biographien nicht kopieren

 

So ganz im Griff habe ich es aber immer noch nicht. Nachts um drei sitze ich manchmal bleich und krumm vor meinem Laptop und google wie eine Besessene Leute, die so alt sind wie ich und ähnliche Dinge machen wie ich oder sich für Lebenswege entschieden haben, die ich mir auch vorstellen könnte.  „Was, die hat zwei Kinder, ist erst 30 und arbeitet schon am siebten Film?“,„Die hat’s richtig gemacht, einfach ausgewandert“, „Und wenn ich doch einfach Malerei studiert hätte?“, „Oh Gott, ich hätte einfach promovieren / ein Restaurant aufmachen / Medizin studieren sollen“-Momenten.

 

Es ist hirnrissig, ernsthaft eine andere Person sein zu wollen. Abgesehen davon, dass man selbst schon eine hat, kann man Biographien nicht kopieren und will es meistens auch gar nicht eins zu eins. Sich lediglich Details einer Person zum Vorbild zu nehmen ist aber auch nicht besonders hilfreich. Mit Schreibstilen ist es ganz schlimm. Ich lese Bücher oder Texte und denke: „So müsste man schreiben!“ Dann lese ich einen anderen und denke: „Nein, so!“ Wieder einen anderen: „Nein so!“ Und so weiter. Und dann fange ich einen Text an und kann ihn doch nur so schreiben, wie ich ihn halt schreibe.

 

Das Gute ist, dass sich spätestens hier der Teufelskreis des Mitanderenvergleichens endgültig als große Dummheit zu entlarven beginnt: Die Menschen, Biographien, Talente, die ich beneide und die ich auch gern hätte und mit denen ich mich während meiner Vergleichsanfällen kläglich scheiternd messe, widersprechen sich.

 

Selbst wenn man mit jemandem tauschen könnte, wäre man dann ja wieder irgendjemand anders nicht

 

Wenn ich Schreibstil Nummer 1 beneide und mir vornehme, ab jetzt nur noch so zu schreiben, kann ich nicht gleichzeitig wie beneideter Schreibstil Nummer 2 schreiben, dann ist es nämlich kein Stil mehr und erst recht nicht meiner. Genauso kann ich mich nicht darüber ärgern, dass ich nicht die erfolgreiche Unternehmerin bin, die schon mit 21 zwei Kinder hatte und trotzdem alles auf die Reihe kriegt, und gleichzeitig die 31-jährige Singlefrau sein wollen, die ein crazy vogelfreies Leben als Künstlerin führt. Egal, mit wem ich tauschen könnte, ich wäre dann wieder irgendjemand anders nicht. Person AB beneidet Person BC beneidet Person CD und so weiter. Niemand ist das ganze Alphabet.

 

Manchmal kommt es einem aber fälschlicherweise so vor und vielleicht besteht auch darin das Problem. Man liest nachts um halb drei all die tollen Wikipedia-Artikel, Interviews, Nachrufe, Essays, Lebensläufe, Klappentexte der Menschen, die es viel früher als man selbst zu etwas gebracht haben, sei es zu einer Großfamilie, dem literarischen Weltruhm oder der ehrlichen Einsicht, dass nur ein Leben als Tai-Chi-Mönch inmitten von Reisfeldern das Wahre ist.

 

Im ewigen Vergleich mit anderen wird man wieder zu der fünf Jahre alten Trotzversion seiner selbst und denkt Sachen wie „Die haben alle immer alles und ich nie irgendwas!“

 

Irgendwann wirkt das ähnlich verblendend, wie das stundenlange Durchscrollen des Instagram-Feeds: In der Scroll-Trance verschmilzen all die Bilder der vielen, vielen Anderen zu einem einzigen großartigen Superleben, das nur eins nicht ist, und zwar das eigene. Man wird dann wieder zu der fünf Jahre alten Trotzversion seiner selbst und denkt Sachen wie „Die haben alle immer alles und ich nie irgendwas!“.

 

Und was man dabei sowieso gern vergisst, ist, dass Erzählungen immer glamouröser sind als die Wirklichkeit. Dass das Leben der anderen sich von innen wirklich soviel besser anfühlt als das eigene, gar so glänzend, wie es auf den Fotos aussieht oder in den Texten klingt, ist in 98 Prozent der Fällen vor allem eins: Fake News.

 

Was eigentlich schön wäre: Sich selbst einmal anonym vorgeführt zu bekommen, sich ziemlich heiß und innig für vieles zu beneiden und dann würde jemand den Vorhang runterreißen und sagen: Aber das bist doch du!

 

Geht aber irgendwie nicht. Oder nur manchmal, auf dem Höhepunkt des sommerlichen Weißweinschorlenrauschs, in kurzen, schönen Momenten, genannt Glück, sehr selten gesehen, aber wenn, dann krass. Meistens hängt man doch nur ganz normal in der Gegenwart rum, Seite an Seite mit dem treuesten aller Freunde, dem chronischen Selbstzweifel.

 

Das Gute ist, den meisten geht es genauso. Vielleicht sogar noch viel schlimmer. Vielleicht genau denen, von denen man es nie gedacht hätte. Daran denken hilft sehr.

 

Wenn es immer noch nicht hilft, muss man die Aspirin unter den Medikamenten gegen Selbstzweifel einwerfen und einfach an Leute denken, der weniger drauf haben als man selbst. Dagegen ist man doch mal wer! Und dann gilt natürlich sowieso immer der alte Opa-Spruch: Sei einfach du selbst, denn die anderen gibt es ja schon. 

 

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