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Das hier ist 1 Text

Der sich fragt, woher die 1 kommt, die im Internet gerade alle verwenden
Von Nadja Schlüter
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    Foto: kallejipp / photocase.de

Das hier ist 1 Text. Geschrieben von 1 Autorin. Der aufgefallen ist, dass immer mehr Menschen im Internet die Ziffer „1“ statt der Wörter „ein“ oder „eine“ verwenden. Hauptsächlich in eher lustigen Kontexten, wenn sie also irgendwo ironisch oder witzig gemeinte Kommentare drunterschreiben („Mir alles egal, ich kaufe mir jetzt 1 Eis!“). Facebook und Twitter sind plötzlich voller Einsen. Und irgendwo müssen die ja hergekommen sein. 

Klar, das ist das Internet, und im Internet kürzt man gerne ab. Vor allem seit es Twitter gibt, das jede Aussage auf 140 Zeichen begrenzt und darum zu Abkürzungen zwingt. Da ist die 1 schon immer gerne statt des Zahlwortes "eins" verwendet worden, wenn man ausdrücken wollte, dass es von etwas genau eins oder eine gibt. Also zum Beispiel: „Heute habe ich nur 1 Eis gegessen, weil mir von 2 gestern schlecht geworden ist.“ Aber seit einiger Zeit wird die 1 eben auch dann verwendet, wenn es nicht um die Anzahl geht, sondern sie ersetzt den unbestimmten Artikel. Wenn man versucht herauszufinden, wer damit angefangen hat und seit wann die 1 gehäuft auftaucht, landet man sehr schnell bei Money Boy. Der österreichische Rapper ist 2010 mit „Dreh den Swag auf“ bekannt geworden und hat eine Art Kunstsprache entwickelt. Die 1 statt Artikel ist darin ein wichtiger Bestandteil:

Seine Fans und Anhänger ahmen diese Art nach. Im Moneyboy-Swag-Rap-Kosmos wird viel mit der 1 hantiert: 

Es scheint also so, als habe Money Boy die 1 ins deutsche Internet gebracht. Aber wo hat er sie her? Es ist ja nicht so, als seien Zahlen statt Wörtern, Zeichen oder Buchstaben in der Schriftsprache etwas ganz Neues. Ein noch jüngerer Witz ist das Vertauschen von Ausrufezeichen und Einsen, weil die auf der gleichen Taste zu finden sind, und das dann noch um Zahlwörter zu ergänzen, also zum Beispiel: "Jemand hat mein Eis aufgegessen!!!111einself". Damit wird Empörung als ironisch gekennzeichnet. 

 

Ganz unironisch und vielmehr sinnvoll ist das arabische Chat-Alphabet, das es schon seit den Neunziger Jahren gibt und mit dem es möglich ist, Arabisch mit lateinischen Buchstaben zu schreiben – indem arabische Buchstaben, die es im lateinischen Alphabet nicht gibt, zum Teil durch (meist den Buchstaben ähnelnde) Ziffern ersetzt werden (zum Beispiel 3 für das arabische ﻉ). Ein Facebook-Freund hat schon vor ein paar Monaten die These aufgestellt, dass die Money-Boy-1 vielleicht auch aus dem Leetspeak kommen könnte. Leetspeak ist ebenfalls eine Netz-Schriftsprache, in der bestimmte Buchstaben durch ähnlich aussehende Ziffern ersetzt werden, ursprünglich als eine Art Code oder Geheimsprache, damit Texte nicht von Computern gelesen und gefiltert werden können. Es gibt kein einheitliches Leet-Alphabet, die 1 kann also zum Beispiel mal für ein L, mal für ein I stehen – aber auch ganze Wörter oder Ausdrücke ersetzen, zum Beispiel „one“ oder „someone“ oder „nice one“. Allerdings wird sie nicht für den unbestimmten Artikel verwendet, der im Englischen, in dem Leetspeak seinen Ursprung hat, ja auch keine Ähnlichkeit zum Zahlwort „one“ hat.

Also mal direkt zur Quelle: Wenn man Money Boy 1 Mail schreibt und ihn einfach selbst fragt, woher er das hat, antwortet er sehr schnell und sehr nett so:

Hallo! Ich habe die "1" einfach erfunden. Ich habe viel Slang & neue Sprache erfunden oder verbreitet. Auch etwa das vertauschen von "t" durch "k" zB. "Skrasse" statt "Strasse" (ss statt ß auch absichtlich).  Oder "m" statt "n" und "i" statt "ich". Aber "i" nicht wie englisches "I" sondern deutsch., "i bim's" statt "ich bin's". "1 Video shootem" statt "shooten"

Gibt keine Hintergründe meist ausser die Sprache immer fresh und neu und different zu keepen. Und im Falle von "1" um bei Twitter wo nur begrenzte Zeichen möglich sind Buchstaben zu sparen. Lg Money Boy aka Why SL Know Plug

Zusammengefasst hat Money Boy die 1 also erfunden, weil’s Spaß macht und um Platz zu sparen. Money Boy, der bürgerlich Sebastian Meisinger heißt und einen Magisterabschluss hat, ist mittlerweile fester Bestandteil des deutschsprachigen Popkultur-Diskurses – wo man ja vor allem hinkommt, wenn einer mal die Frage gestellt hat, wie viel ernst gemeint und wie viel ironische Brechung ist. Und das ist wohl auch der Grund, warum Money Boys Sprache und damit seine 1 mittlerweile immer häufiger im ironisch-lustigen Internet-Sprech auftauchen (Beweis Nr. 1: zum Beispiel gerade erst bei den Kollegen von PULS, mit dem ebenfalls aus dem Money-Boy-Umfeld stammenden und mittlerweile schon berühmten Satz "Was ist das für 1 Life?"; Beweis Nr. 2: einfach mal bei Twitter nach "1" suchen). So häufig, dass manche schon genervt sind:

Das hat sich übrigens bestätigt, als das Thema heute morgen in der jetzt-Konferenz aufkam. Da war nämlich aus einer Ecke des Konferenzraums ein genervtes Stöhnen zu hören: „Oar, ja, das ist jetzt wirklich überall!“ Es folgte die Anekdote, dass ein Bekannter oder besser: 1 Bekannter der genervten Kollegin mittlerweile sogar so spricht. Mal abwarten, ob sich das genauso durchsetzt. Die Gefahr besteht zumindest, denn auch aus anderen Quellen hat man schon davon gehört:

Update:

 

Mittlerweile (4. Mai, 15 Uhr) haben sich über verschiedene Kanäle mehrere Leser mit Ergänzungen und Korrekturen zum Thema gemeldet:

 

1. Die Facebook-Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ verwendet die 1 auch häufig. Ein Leser glaubt, dass sogar diejenigen, die dort parodiert werden, sie schon vorher benutzt haben.

 

2. Im Englischen ersetzt man ja schon lange Wörter durch Zahlen („4 you“, „come 2 me“). Der Vorreiter war hier, wie ein aufmerksamer Leser weiß: Prince!

 

3. Der „!!!111einself“-Witz ist gar nicht jung. Sondern alt. Ein Leser hat ihn sogar schon um die Jahrtausendwende im QuakeNet gelesen.

 

4. Besonders schöne These eines Lesers: Das Internet besteht aus Einsen und Nullen – und das Ganze ist quasi eine Rückkehr zum Ursprung!

 

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