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Im Buch hat Harry Potter aber grüne Augen!

Wir haben uns von einer Psychologin erklären lassen, warum wir mit dem Cast von Literaturverfilmungen nie zufrieden sind.
Interview von Miriam Pontius
  • movie vs buch
    Illustration: Federico Delfrati

In unserer modernen Welt kann man sich darauf verlassen, dass auf jeden Bucherfolg mit Sicherheit seine Verfilmung folgt. Die Frage ist dann: Sehen die Figuren im Film so aus, wie wir sie uns vorgestellt haben?

 

Fans legen im Vorhinein Listen mit ihrer Wunschbesetzung an. Einschlägige Foren werden von laienhaften Paint-Collagen überschwemmt, die zeigen, wie mögliche Filmplakate aussehen könnten. Ich kann mich erinnern, wie groß der Aufschrei war, als Summit Entertainment vor einem guten Jahrzehnt seinen Edward nominierte. Man war empört, man war verstört, man akzeptierte Robert Pattinsons schiefe Nase und ging ins Kino.

So oder so ähnlich läuft das bei jeder Literaturverfilmung ab. Die Vorstellung, die wir von den fiktiven Charakteren haben, ist uns heilig. Und etwas ganz Individuelles. Glauben wir zumindest. Die Psychologin Stefanie Miketta ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Sozialpsychologie der Universität des Saarlandes und forscht unter anderem dazu, wie wir uns Figuren vorstellen, wenn wir ein Buch lesen. Am Telefon erzählt sie uns, wie diese Bilder im Kopf funktionieren.

 

Jetzt: Wie entstehen unsere Vorstellungen von Charakteren und ihrer Umgebung beim Lesen?

Stefanie Miketta: Wann immer wir etwas wahrnehmen, verwenden wir mentale Strukturen. Diese Strukturen sorgen dafür, dass wir das Wahrgenommene schneller verarbeiten können. Wir haben eine ungefähre Vorstellung davon, wie ein Lichtschalter aussieht. Deswegen erkennen wir einen solchen auch in einem fremden Gebäude, obwohl wir diesen spezifischen Lichtschalter natürlich nie vorher gesehen haben. Müssten wir uns das immer erst Schritt für Schritt erschließen, wäre das unglaublich anstrengend und zeitintensiv für unser Gehirn. Deswegen verwendet es Abkürzungen, auch beim Lesen. Stereotype sind solche Abkürzungen. Sie füllen Leerstellen, die wir nur mit großem Aufwand mit realen Informationen stopfen könnten. Wenn wir von einem Automechaniker lesen, dann stellen wir uns einen typischen Automechaniker vor, egal ob er als typischer Automechaniker beschrieben wird oder nicht. Diesen automatischen Prozess nennt man einen Inferenzschluss.

Und von welchen Faktoren hängt es ab, wie ich mir einen typischen Automechaniker vorstelle?

Zum einen von persönlichen Erfahrungen – zum anderen Teil aber von unserem kulturellen Vorwissen. In diesem kulturellen Vorwissen sind Stereotype, aber auch räumliche Anordnungen und zeitliche Abläufe abgespeichert. Wenn ich jetzt zum Beispiel lese, dass jemand mit einem Kaffee in München in den Zug gestiegen ist und beim Aussteigen in Hamburg einen Schluck getrunken hat, dann weiß ich, dass der Kaffee kalt ist, ohne dass es erwähnt wird. Dieses Wissen ist verankert in meinem kulturellen Vorwissen. Genauso verhält es sich, wenn wir uns Menschen vorstellen. Wir verwenden Stereotype, die wir kulturell gelernt haben. Das hilft uns, ein fiktives Buch zu verstehen. Wir benutzen Vorstellungen von den Figuren, um sie besser unterscheiden zu können. Bei einem Buch mit einer Handvoll Charaktere mag das noch unwichtig erscheinen, aber lesen Sie mal einen russischen Roman mit 34 Figuren. Da wird schnell klar, dass man ein eindeutiges Bild der Figuren vor Augen haben muss, um sie zuordnen zu können.

  • miketta
    Foto: privat

Kann es überhaupt sein, dass jemand sich eine Figur genau so vorstellt wie ich?

Das ist sogar eher wahrscheinlich! Personen aus dem gleichen Kulturkreis stellen sich Figuren vermutlich sehr ähnlich vor, weil sie sehr ähnliches kulturelles Vorwissen besitzen. Das war bisher noch gar nicht geklärt. In meiner Forschung konnte ich jedoch zeigen, dass sich unterschiedliche Personen das Aussehen einer fiktiven Figur selbst dann sehr ähnlich vorstellen, wenn sie nur einen wenige Sätze langen Text gelesen haben. Dieser Text musste nicht einmal Hinweise zum Aussehen der Figur enthalten. Wenn Testpersonen aus mehreren Fotos eines auswählen sollen, das ihrer Vorstellung der fiktiven Figur am ähnlichsten ist, dann wählen sie häufig tatsächlich genau dasselbe.

 

Also sind alle Menschen in ihrer Vorstellung von fiktiven Figuren verbunden?

Das kann man so nicht sagen. Das gilt nur für die Menschen, die im gleichen Kulturkreis aufgewachsen sind. Eine Person, die auf einem anderen Kontinent aufgewachsen ist, wird andere Stereotype gelernt haben als wir. Beim Lesen wird sie sich die Figuren diesen Stereotypen entsprechend vorstellen. Die „Harry Potter“-Charaktere wird ein Asiate sich dann nicht mit asiatischen Gesichtszügen vorstellen, sondern eher wie typische Engländer. Wie ein stereotyper Engländer für einen Asiaten aussieht, muss sich wiederum nicht mit unserem westlichen Stereotyp eines Engländers überschneiden.

 

Also kommt unser Leseerlebnis daher, dass wir Unbekanntes mithilfe unseres kulturellen Vorwissens schnell kategorisieren können. Warum haben wir dieses Kategoriensystem überhaupt? 

In unserem Alltag ist es oft wichtig, Dinge und Personen schnell und automatisch in verschiedene Kategorien einzuordnen. Wer immer erst lange Informationen über alles sammelt, hat im Gefahrenfall zu wenig Zeit, um zu reagieren. Alles, was automatisch abläuft, spart Zeit und mentale Ressourcen. Diese Art von Kategorisierung haben Menschen wahrscheinlich schon vor sehr langer Zeit vorgenommen, beispielsweise um schnell zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Ein Produkt dieses Systems sind dann auch die eben erwähnten Stereotype, die unser Leseerlebnis beeinflussen. 

 

Kann man sich eigentlich etwas ausdenken, das man noch nie so oder so ähnlich gesehen hat?

Prinzipiell schon. Sich etwas aktiv auszudenken erfordert aber mentale Anstrengung, insbesondere, wenn es etwas Neues und Einzigartiges sein soll. Mentale Anstrengung ist allerdings etwas, was das Gehirn nicht gerne mag, auch nicht beim Lesen. Da passiert daher alles automatisch und bezieht sich stark auf kulturelles Vorwissen.

 

Gibt es Menschen, die sich beim Lesen gar nichts vorstellen können?

Menschen unterscheiden sich zumindest darin, wie gut sie sich Dinge vorstellen können. Einerseits gibt es Unterschiede in der Geschwindigkeit der mentalen Prozesse und andererseits haben manche Menschen ein ausgeprägteres Vorstellungsvermögen als andere. Je nachdem, wie das zusammenspielt, hat man eine mehr oder weniger detailreiche Vorstellung der Charaktere und Vorgänge.

 

Was, wenn man die Verfilmung sieht, bevor man das Buch liest? Kann man sich die Figuren dann überhaupt noch so vorstellen, wie sie im Buch beschrieben sind oder hat man da immer das Filmbild vor Augen?

Meine Erfahrung ist, dass man sich weniger am Cast stört, wenn man den Film gesehen hat, bevor man das Buch liest. Es ist also plausibel anzunehmen, dass der Film das mentale Bild beeinflusst. Wer bei Literaturverfilmungen das Buch vorher gelesen hat, der ist hingegen oft enttäuscht. Castingdirektoren haben natürlich auch ähnliche mentale Vorstellungen wie die Zuschauer aus dem gleichen Kulturkreis, aber sie müssen schließlich genügend andere Dinge bei der Auswahl der Schauspieler beachten. Womöglich wissen sie auch einfach nicht, dass ihre eigene Vorstellung von den Figuren den Geschmack der Zuschauer ganz gut treffen würde. Allen, die unzufrieden im Kino sitzen, ist es dann vielleicht zumindest ein kleiner Trost, dass es den meisten anderen Bücherfans im Kinosaal gerade ähnlich geht.

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