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"Sie haben uns völlig falsch aufs Studium vorbereitet!"

In der Schule hat man ihr gesagt, es sei wichtig, Zusammenhänge zu verstehen - dann kam unsere Autorin an die Universität. Ein Brief an den Lehrer von einst.
Von Charlotte Haunhorst
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    Foto: cydonna/photocase.com

Sehr geehrter Herr Bode,

 

dreieinhalb Jahre ist es nun her, dass Sie mein Lehrer in Geschichte und Deutsch waren. In der Zwischenzeit habe ich ein komplettes Bachelor-Studium absolviert. Ich sehe gerade vor meinem inneren Auge, wie Sie dieses Wort höhnisch als Bätschler ausspucken. Ihr Bart bebt dabei vor Lachen. Aber wissen Sie, man hat da heute ja nicht mehr die Wahl. Auch wenn das Diplom in manchen Bundesländern wieder eingeführt werden soll, mir persönlich hilft das nicht mehr. Ich bin schon durch mit der ganzen Sache.

 

Ich erinnere mich, wie ich Sie mit dreizehn Jahren das erste Mal als Lehrer bekam. Sie wurden vorgestellt als der neue junge Kollege. Und kaum war unsere alte, konservative Lehrerin aus der Tür gegangen, machten Sie uns erst einmal ein paar Dinge klar. Sie sagten, dass hier nicht jeder das Abitur schaffen könne. Denn auch wenn Sie Fleiß belohnen würden, so sei es doch das eigene Denken, das am Ende zählen würde. Ein Tuscheln ging durch die Klasse. Doch schon kurz danach fand ich Fabian aus der zweiten Reihe wieder interessanter. Und das Abi war damals ja auch noch weit entfernt. Ich hatte dann nahezu jedes Schuljahr bis zum Abitur das Vergnügen mit Ihnen. Das Wort T-R-A-N-S-F-E-R schlugen Sie uns täglich um die Ohren. Am Anfang waren alle froh, als Sie im Geschichtsunterricht ankündigten, keinen Wert auf Jahreszahlen zu legen. Stattdessen ginge es um die größeren Zusammenhänge. Dementsprechend schlecht fielen die ersten Arbeiten bei Ihnen aus. Ein Großteil von uns Schülern hat Ihre Ansprüche später allein aus ökonomischen Aspekten akzeptiert: Auf Transferaufgaben gab es immer die doppelte Punktzahl. Wissensaufgaben wurden hingegen einfach bewertet. Vielleicht gehöre ich damit zu einer Minderheit, aber mir gefielen ihre Lehrmethoden. Spätestens in der Oberstufe fruchtete ihr Werk und ich schaute auch mal über den Tellerrand hinaus. Vielleicht, weil ich auch die Erniedrigung nicht mehr ertragen konnte, wenn sich mal wieder niemand auf Ihre Frage meldete, was das Thema der aktuellen Nahost-Verhandlungen sei. So jedenfalls begann ich zu lesen.

 

Nun tut es mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, Herr Bode. Aber leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie uns völlig falsch aufs Studium vorbereitet haben. Es scheinen nämlich doch die Jahreszahlen zu sein, die Aufschluss über unsere Intelligenz geben. Nicht die Transferleistung. Wie ich zu diesem Fazit komme? Begründe argumentativ! würden Sie sagen. Das werde ich gerne tun. Ich bitte Sie, sich einmal meine Anfänge im Kommunikationswissenschaftsstudium vorzustellen: Am ersten Tag erzählte mir ein höherer Semester stolz, er habe noch nie im Studium ein Buch lesen müssen. Meine Kommilitonen jubelten. Ich war kurz ernüchtert und fragte mich, was das denn für ein Studium sein sollte, ganz ohne Bücher? Aber sicher war der Typ einfach nicht sehr ehrgeizig. Auf die erste Prüfungsphase bereitete ich mich vor, wie ich es in der Schule gelernt hatte: Ich besorgte mir Literatur und verfolgte das Zeitgeschehen (schließlich studierte ich was mit Medien). Zwar fand ich acht Prüfungen in drei Wochen heftig, aber ein Studium soll ja auch anspruchsvoller sein als die Schule. Umso überraschter war ich von den Prüfungen und von meinen Noten. Wo ist denn die Eigenleistung, wenn ich fünf Theorien nenne und erläutere? Und warum waren meine Noten trotzdem so schlecht? Ratlos ging ich in die Klausureneinsichten, fand aber keine inhaltlichen Fehler. Irgendwann erbarmte sich eine Dozentin und erklärte mir mit einem strengen Blick über ihre halbmondförmigen Brillengläser: Wissen Sie, was Sie da schreiben . . . das mag ja inhaltlich richtig sein. Aber es ist nun mal nicht mein Wortlaut. Sie entließ mich völlig perplex mit einem zuckersüßen Lächeln. Ich wollte zuerst Frau Schavan persönlich darüber informieren, was für ein Unding da gerade in der deutschen Universität geschieht. Aber ich musste ziemlich schnell einsehen, dass ich kein Einzelfall war. Egal ob Hannover oder Heidelberg, überall kämpfen Studenten mit derartigen Problemen. Viele gingen deswegen demonstrieren.

In den besten Fällen gibt es einsichtige Professoren, die dafür Verständnis haben, die sich auch nach den alten Zeiten zurücksehnen. In jenen Zeiten hat ihnen niemand vorgeschrieben, dass sie alles Wissen nur noch mit sechzigminütigen schriftlichen Prüfungen abfragen dürfen. Lernbulimie nennt man das friss alles Wissen in dich hinein und spuck es dann auf Befehl wieder aus. Aber es gibt Fälle, in denen dieses System für die Lehrenden bequem ist. Nehmen wir an, ein Professor hat 1000 Studenten in seiner Vorlesung, in der eigentlich nur für 600 Platz ist. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Professor in diesem Umfeld über die Auslöser der Weltwirtschaftskrise diskutieren möchte? Viel einfacher ist es da doch, die volkswirtschaftlichen Theorien nach Keynes schriftlich runterleiern zu lassen. Lieber Herr Bode, Sie haben Recht. Ich bin aufgebracht und subjektiv. Dabei schwimme ich mittlerweile selbst in diesem System mit. Irgendwann im dritten Semester habe ich einfach kapituliert. Der Dozent hatte zwar angekündigt, dass die Prüfungen an seinem Lehrstuhl anders seien. Für diese Prüfungen könne man nicht einfach nur stumpf auswendig lernen. Als ich dann in der Klausur das dritte Schaubild eins zu eins wie das Original beschriften musste, habe ich aufgegeben. Ich habe einfach kein Buch mehr in die Hand genommen, sondern 200 Folien in mein Kurzzeitgedächtnis geprügelt. Ich habe sogar ein halbes Jahr im Ausland verbracht und danach alle Prüfungen mitgeschrieben, ohne je die Vorlesung betreten zu haben! Das war ganz einfach, ich musste ja nur ein Skript auswendig lernen. Meine Noten waren in jenem Semester gut wie nie zuvor. Meine Angst, wegen schlechter Noten keinen Platz im Masterstudium zu bekommen, war am Ende wohl doch größer als der Wille, dem System zu trotzen.

 

Erinnern Sie sich noch, als wir in der Schule Theater gespielt haben? Es ging um einen Bombenangriff auf Berlin, wir sollten uns vorstellen, in einem Luftschutzbunker zu sitzen. Das war nicht im Lehrplan vorgeschrieben und die meisten fanden die Schüler, die daran mitwirkten, eher peinlich. Ich habe danach das erste Mal mit meinen Großeltern darüber geredet, wie es denn für sie war, damals im Krieg. Ich habe angefangen Kästner, Brecht und Tucholsky zu lesen, um zu wissen, wie Kritiker über diese Zeit berichtet haben. Dazu hatte mich niemand gezwungen, es passierte freiwillig, weil Sie, Herr Bode, mich motivieren konnten. Für die kommenden Schülergenerationen muss ich Ihnen allerdings einen Rat geben: Nehmen Sie Abstand von Ihrem Bildungsideal. Lehren Sie nur das Vorgeschriebene und schwören Sie die Kinder möglichst früh darauf ein, nichts mehr zu hinterfragen. Das ist sowieso eher lästig und obendrauf noch anstrengend. Wenn Sie trotz alledem noch Theater spielen wollen, dann lassen Sie die Schüler zumindest das komplette Drama auswendig lernen. Notfalls auch häppchenweise in Form von Foliensätzen zum Beispiel. Das soll einen nachhaltigen Lerneffekt haben.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Ihre Charlotte Haunhorst

 

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