Kann ich neben dem Studium jobben?

Auf einen Nebenjob möchte man während des Studiums ungern verzichten - aber bleibt denn überhaupt Zeit dafür?
wlada-kolosowa

Die Rechnung war so einfach, wie sie phänomenal falsch war. 18 Semesterwochenstunden im ersten Semester – ein Klacks! Die Hälfte meiner Unterrichtszeit in der Schule. Ergo: Ich kann doppelt so viel arbeiten wie zur Abi-Zeit, etwa 20 Stunden die Woche. Dass ich Texte lesen und Hausarbeiten schreiben musste, schwante mir zwar schon. Aber ich hatte Freitags frei, sechs Monate Semesterferien und Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht.

Ich wäre ja auch nicht die Erste gewesen, die ihr Studium mit einem Nebenjob finanziert: Zwei Drittel aller Studenten arbeiten nebenher. Außerdem studierte ich „Medienquatsch“: Publizistik mit Nebenfächern Psychologie und Politik. Wäre doch gelacht, wenn ich nicht beides – Studium und Job – mit ein paar Nachtschichten am Schreibtisch in den Griff kriege!

Viel Zeit zum Lachen blieb aber nicht nach all den Stunden in Referatsgruppen und vor den Türen des Prüfungsamts – die ich natürlich nicht einkalkuliert hatte. Dass ich nebenher arbeiten konnte, verdankte ich nur der Flexibilität meines Nebenjobs: Schreiben kann man schließlich auch in der S-Bahn oder in den letzten Reihen der Pflichtveranstaltung.

Dank guter Freunde, die Vorlesungsskripte zusammenfassten und Kreuzchen an der Anwesenheitsliste setzten, wurschtelte ich mich ganz gut durch. Und trotzdem fiel es mir schwer, das Studium Ernst zu nehmen: Bei der Zeitung bezahlen mich Leute dafür, dass ich schreibe. An der Uni wurden die Leute dafür bezahlt, zu lesen was ich schrieb. Viele, die wie ich nebenbei arbeiteten, klagten, dass Uni sich wie eine künstliche Blase anfühlte. Folglich taten auch sie nur das Nötigste, kamen irgendwann nicht hinterher. Ein paar brachen sogar ab.

Jeder fünfte Studienabbrecher geht aus finanziellen Gründen von der Uni ab - oder weil sie Studium und Beruf nicht vereinen können. „Seit der Bologna-Umstellung ist Arbeit neben dem Studium noch komplizierter geworden“, sagt Sabrina Klaus-Schelletter vom Deutschen Gewerkschaftsbund. „Studenten müssen sich einen Job suchen, der sich um ihre Pflichtveranstaltungen herum legen lässt.“

Bevor man unter der doppelten Belastung zusammen bricht, sollte man darüber nachdenken, einen Studienkredit der KVW aufzunehmen oder - wenn möglich — den dreijährigen Bachelor auf acht Semster zu strecken. Manche Unis bieten auch eine Teilzeitstudium an. Natürlich kosten die Extra-Semester Geld.

Sich zu überladen bringt aber auch nichts. Eine Veranstaltung zu belegen und nach sechs Wochen doch nicht mehr hinzugehen, ist Zeitverschwendung. Lieber sollte man sich weniger vornehmen, und dafür bis zum Schluss durchhalten. Wie viel du verdienen darfst, ohne das Kindergeld zu verlieren, ab wann du Steuern zahlen musst und was es für dich mit der Sozial- und Rentenversicherung hat, steht in der Broschüre „Studium. Bafög. Job.“ Wem alles über den Kopf hinaus wächst, kann sich an die Sozialberatungen der ASTen wenden oder an die psychologische Beratung des Studentenwerke.

Mein Sparflammen-Studium nahm sein Ende mit einem Riesenschreck: Während ich auf einem journalistischen Termin war, haben mich zwei Freundinnen unabhängig voneinander in die Anwesenheitsliste eingetragen. Das flog auf. Nachdem der Ärger vorbeigezogen war, schwor ich mir: Schluss mit Durchschummeln! Letztendlich betrog ich damit nur mich selbst. Das war ja etwas anderes, als von der Nebensitzerin in der Chemie-Leistungskontrolle in der Schule abzuschreiben um das Klassenziel zu erreichen. Für diesen Studiengang habe ich mich immerhin freiwillig eingeschrieben.

Ich habe meinen Nebenjob nie ganz an den Nagel gehängt. Doch dafür muss ich nun auch zwei Ehren-Semester an der Uni einlegen. Aber das finde ich nicht schlimm. Wer nicht in der Regelstudienzeit studiert, vernarbt nicht unbedingt seinen Lebenslauf. Wer sein Studium selbst finanziert, zeigt Selbstständigkeit.

Ein Arbeitgeber sollte anerkennen, dass ein Nebenjob einem mehr lehren kann, als sieben Seminare.

Wlada Kolosowa, 24, schreibt nur noch diesen Text zu Ende, dann setzt sie sich sofort wieder an "Statistik II". Versprochen.
Vier Tipps für Studenten mit Nebenjobbedürfnis:

1. Im Idealfall hat dein Nebenjob etwas mit der Branche zu tun, in der du später arbeiten möchtest. So kannst du schon während des Studiums Kontakte knüpfen und ausprobieren, ob die Arbeit dir tatsächlich Spaß macht. Die längere Studienzeit kann dann durch kürzeren Berufseinstieg ausgeglichen werden.

2. Für Berufungs- und für Graubrotjobs gilt gleichermaßen: Neben fairer Bezahlung und studienkompatiblen Arbeitszeiten, sollte man darauf achten, dass Arbeitnehmerrechte und Arbeitsschutzbedingungen eingehalten werden. Vorher schlau machen, was dir im Krankheitsfall zusteht und ob du Anspruch auf Urlaub hast.

3. Ausprobieren! Laut einer Studie vom Hochschulinformations-Systems (HIS) nehmen ein Drittel aller potentiellen Studenten aus finanziellen Gründen erst gar kein Studium auf. Es lohnt sich, auszuprobieren, ob du vielleicht doch mit der Belastung klar kommst.

4. Nicht auf Sätze höre wie: „Ich würde ja zusammenbrechen, wenn ich so viel machen müsste, wie du.“ In der Freizeit, die man ohne Nebenjob hat, liest man eher selten Zusatzliteratur sondern schaut zum dritten Mal die „How I met you Mother“ Folge an.

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