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Hilfe, meine Eltern machen sich selbstständig!

Erst mit Mitte 50 machten sich die Eltern unserer Autorin selbstständig. Was sie zuerst schrecklich fand, bewundert sie heute.
Von Anna Farwick
  • eltern start up cover
    Foto: johannwittig / photocase / Unsplash, Bearbeitung: Daniela Rudolf

Wenn ich früher meine Mama angerufen habe, meldete sie sich ungefähr so: „Hallo mein Schatz. Schön, dass du anrufst. Wie geht es dir?“ Wenn ich heute meine Mama anrufe, meldet sie sich ungefähr so: „Guten Tag, Sie sprechen mit... von der Firma... Wie kann ich Ihnen helfen?“

 

Als sich meine Mama zum ersten Mal so am Telefon gemeldet hat, habe ich realisiert, dass es meine Eltern ernst meinen. Ernst mit ihrer Selbstständigkeit.

 

Seit ich denken kann hat meine Mama für uns Kinder und Papa gekocht, das Haus gepflegt, uns durch die Gegend gefahren, mit uns gelernt und uns getröstet. Der Job meiner Mama war Hausfrau. Und Mama halt. Schon immer.

 

Unpersönlich, ja ganz fremd und noch ungewohnter ist es, wenn meine Mama sagt, sie habe jetzt keine Zeit zum Telefonieren, sie müsse arbeiten. „Ja aber ich habe doch zuhause angerufen und du bist dran gegangen“, möchte ich dann sagen und fühle mich zu unrecht abgewiesen. Aber seit zwei Monaten ist das Zuhause meiner Eltern auch eine Firmenzentrale.

 

Mein Papa hat schon davon geschwärmt, sich selbstständig zu machen, da war ich noch in der Grundschule. Endlich der eigene Boss sein, selbst entscheiden können, wohin es im Leben gehen soll. Erst vor einem Jahr haben mir meine Eltern gesagt, dass sie das mit der Selbstständigkeit jetzt wirklich durchziehen wollen. Meine Mama würde auch mitarbeiten und so solle in den nächsten Jahren ein Familienunternehmen entstehen.

 

Auf einmal erzählte mir meine Mama , dass sie online Seminare besucht, schickte mir bei Xing eine Kontaktanfrage und ging auf irgendwelche Kongresse. Mein Papa wollte von meinen jüngeren Geschwistern wissen, wie Youtube funktioniert und was genau eigentlich dieses Instagram ist.

Meine Schwestern freuten sich zuhause über das neu eingerichtete Büro: Endlich ein Farbdrucker, den sie auch nutzen dürfen, zwei neue Computer für Mama und die erste Teilzeitangestellte, die ihr seitdem beim Papierkram hilft.

 

Im Frühjahr erzählte mir mein Papa bei einem bis dahin gewöhnlichen Telefonat, dass er Ende des Jahres bei seinem Arbeitgeber kündigen wird. Damals war der Zeitpunkt für mich weit weg, bis zum Jahresende dauerte es ja noch ewig. Im August sagte mein Papa dann plötzlich: „Ich habe zum Oktober gekündigt.“ Ein festes Datum. Und auf einmal hatte ich Zweifel an dem Vorhaben meiner Eltern.  

 

Mein Papa hat über zwanzig Jahre in der Finanzbranche gearbeitet und als Alleinverdiener in einer unbefristeten Festanstellung unsere fünfköpfige Familie versorgt. Vom Arbeitgeber gab es dazu einen Firmenwagen und für uns zwei Mal Urlaub im Jahr. Die Ersparnisse meiner Eltern reichen für das nächste Jahr, sagen sie, vorausgesetzt sie gehen sparsam damit um. Statt zwei Autos haben wir jetzt nur noch einen kleinen alten Wagen und Urlaub ist für die nächsten zwei Jahre auf keinen Fall drin. Erst dann gehen sie davon aus, dass sie auch wirklich Gewinn erwirtschaften.

 

„Halt, stopp“, wollte ich sagen und schluckte erst mal. „Habt ihr das gut durchdacht? Ist euch klar, dass ihr noch drei Kinder versorgen müsst? Und überhaupt, seid ihr mit Mitte 50 nicht viel zu alt, um eine Firma zu gründen?“

 

Ist das nicht unverantwortlich von meinen Eltern?

 

Ich stecke mitten im Studium, meine zwei Schwestern sind noch in der Schule und die Jüngste wird dort auch noch sechs Jahre sein. Ist das nicht unverantwortlich von meinen Eltern? Finanzielle Sicherheit aufgeben, um dem Traum vom Erfolg nachzujagen? Wer sagt denn, dass sie mit ihrer Geschäftsidee auch Geld verdienen werden? Das Netz der finanziellen Sicherheit, das ich immer unter mir gewusst hatte, fühlte sich auf einmal nicht mehr so sicher an. Meine schlimmste Vorstellung ist seitdem, dass meiner Familie das Geld ausgeht.

 

Meine Unsicherheit steigt mit meiner Unwissenheit. Wenn mein Papa mir sein Geschäftsmodell erklärt, klingt das für mich total sinnvoll und nachvollziehbar. Soll ich Freunden oder Fremden erklären, womit meine Eltern jetzt ihr Geld verdienen wollen, fällt mir das aber schwer. Ich gerate ins Stocken, und auch wenn ich es irgendwie noch zusammenbekomme, so richtig selbstbewusst trete ich dabei nicht auf.

 

Wie soll ich an den Erfolg meiner Eltern glauben, wenn ich selbst nicht mal erklären kann, womit sie ihr Geld verdienen wollen. Ihre Geschäftsidee besteht aus komplizierten Wörtern wie Maklerrente und Investmentfondskundenbestand. Sie stellen kein Produkt her, das man sich mal so eben wie eine Zahnbürste oder eine Pfeffermühle im Laden kaufen kann. Ihr abstraktes Produkt richtet sich an Menschen, die in der Finanzbranche tätig sind und die kenne ich nicht.

 

So habe ich die ersten zwei Monate über das Unternehmen meiner Eltern gedacht. Erst kürzlich habe ich die Firmenzentrale bei meinen Eltern zuhause im Keller besucht und dabei einen Zettel gesehen, den meine Mama neben das Telefon geklebt hat. Darauf steht die Grußformel, die ich neuerdings immer zu hören bekomme, wenn ich zuhause anrufe. Ich fand den Zettel süß. Gleichzeitig hat er mich zum Nachdenken gebracht. Ist es nicht ganz schön selbstsüchtig von mir, meinen Eltern vorzuwerfen, verantwortungslos zu handeln?

 

Eigentlich sind meine Eltern ein Vorbild für mich

 

Wieso dürfen Eltern nicht versuchen, ihre Träume zu verwirklichen? Wollen junge Menschen Mitte zwanzig 20 eine Firma gründen, gelten sie als hipp, cool und interessant. 

Sie dürfen sich ausprobieren, mit ihrem Geschäftsmodel auf die Nase fallen und so viel Geld verschleudern,  wie sie von Investoren auftreiben können. Und wenn junge Menschen ihre Jobs im Durchschnitt alle vier bis fünf Jahre wechseln, weil sie neue Herausforderungen suchen, dann akzeptiert die Gesellschaft das.

 

Aber wenn jemand im Alter von 57 Jahren Familie hat und seine Festanstellung aufgibt, um eigene Ziele zu verwirklichen, gilt er als verantwortungslos. Diese Denkart ist ziemlich engstirnig und hochnäsig. Meine Eltern wünschen mir, dass ich meine Träume und beruflichen Ziele verwirkliche. Dafür unterstützen sie mich in meinem Leben, finanziell und emotional. Da ist es doch das Mindeste, dass ich meinen Eltern den Neustart gönne und sie unterstütze. Eigentlich sind meine Eltern sogar ein Vorbild für mich. Sie zeigen mir, dass es keinen Zeitpunkt gibt, an dem man auf seine Träume verzichten soll.

 

So komisch ich es auch finde, dass mein Papa jetzt Youtubevideos für Menschen aus der Finanzbranche macht, die er sicherheitshalber immer mit dem aktuellen Datum beginnt, so cool finde ich seine Einstellung. Denn wer hat schon Eltern, die Sätze sagen wie: „Machen ist wie wollen, nur viel krasser“?

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