Partner von

Studium, Referendariat, Arbeitslosigkeit

Viele junge Lehrkräfte finden nach dem Studium keine Stelle oder werden direkt über die Sommerferien wieder entlassen. Was soll das?
Von Berit Dießelkämper
  • lehrerin arbeitslos sde facebook
    Collage: Daniela Rudolf / Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Bianca, 32, ist Lehrerin für Englisch und Erdkunde und wurde im vergangenen Sommer arbeitslos. Trotz ihres sehr guten Abschlusses in einem Berufsfeld, das doch eigentlich als „sicher” gilt. Sie hat lange überlegt, ob es einen Punkt gab, an dem sie falsch abgebogen ist. „Ich habe sehr mit mir und meinen Entscheidungen gehadert und alles in Frage gestellt. Ich hatte so viel in mein Studium und in Zusatzqualifikationen investiert und im Referendariat regelmäßig Nächte und Wochenenden durchgearbeitet. Ich bereue es nicht, ich liebe meinen Job, aber ich möchte fair behandelt werden.”

 

Im Februar 2016 beendete Bianca ihr Referendariat und erhielt daraufhin eine bis zum Schuljahresende befristete Anstellung an einem Münchner Gymnasium. Nach diesen fünf Monaten wurde klar, dass der Vertrag nicht verlängert würde. Auf einmal lag ein unklarer Sommer vor ihr. „Es war völlig egal, wie sehr ich mich reingehängt hatte, mein Vertrag wurde nicht verlängert. Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte, ich habe schlecht geschlafen, war aggressiv und schnippisch."

 

Das schlimmste war für sie die Ungewissheit: Wie würde es weitergehen? Wie lange würde sie ohne Gehalt überbrücken müssen? „Wochenlang habe ich Bewerbungen geschrieben und mich an verschiedenen Schulen vorgestellt”, sagt Bianca. Ausgang ungewiss.

 

Lange galt der Karriereweg eines Lehrers als fest vorgezeichnet: Studium, Referendariat, Verbeamtung. Die Realität ist längst eine andere. Viele, meist junge Lehrerinnen und Lehrer hangeln sich von einer befristeten Anstellung zur nächsten. Einige werden vom Staat für den Sommer arbeitslos gemacht, bevor sie erneut befristet eingestellt werden.

 

Im vergangenen Jahr waren während der Sommermonate deutschlandweit 11.400 Lehrkräfte arbeitslos gemeldet - 5800 mehr als in anderen Monaten. Auch im Juni dieses Jahres waren in Bayern der Agentur für Arbeit zufolge bereits 2000 Lehrkräfte arbeitssuchend gemeldet - 600 mehr als in den Monaten davor. Doch obwohl das Problem in der Politik bekannt ist und Politiker wie Volker Kauder in der Zeitung von „nicht akzeptablen” Bedingungen sprechen, ändert sich nichts.

 

Maximal fünf Jahre darf ein Bewerber auf der Warteliste stehen, danach ist Schluss

 

Wie sicher ist der Beruf Lehrer wirklich noch? Derzeit gibt es drei verschiedene Anstellungsverhältnisse für Lehrkräfte: eine Planstelle, eine unbefristete oder eine befristete Anstellung. Eine sogenannte Planstelle führt nach einer Probezeit zur Verbeamtung und ist damit das sicherste Beschäftigungsverhältnis. Alle Bewerber auf eine Planstelle werden geordnet nach Fächerkombination auf einer Warteliste aufgeführt. Die Abschlussnote bestimmt die Reihenfolge. In jedem Jahr kommen neue Absolventen hinzu, die so unter Umständen vor die Bewerber rutschen, die bereits seit mehreren Jahren auf eine Planstelle warten. Maximal fünf Jahre darf ein Bewerber auf der Warteliste stehen, danach ist Schluss - die Chancen auf die ersehnte Planstelle sinken gegen Null.

 

Angestellte Lehrer können entweder unbefristet oder befristet als Vertretungslehrer eingestellt werden. Nicht selten bleibt bei den befristeten Verträgen lange unklar, wie hoch der wöchentliche Stundenbedarf an einer Schule und damit das Gehalt ist. Dann muss der Lehrer abwägen: Lohnt sich der Aufwand überhaupt? Reicht die Stundenzahl aus, oder muss noch eine zweite befristete Stelle angenommen werden? Wie lassen sich diese beiden miteinander vereinbaren und die Arbeitszeiten koordinieren?

Während ihres Studiums hieß es für Katharina, 30, Mathe sei ein Mangelfach, sie bräuchte sich um eine spätere Anstellung keine Sorgen machen. Gymnasial- und Realschulfachkräfte seien besonders gefragt - bloß nicht Grundschule! Als sie ihr Referendariat begann, hieß es dann plötzlich: „Das wird schwierig werden!” Die erste befristete Anstellung an einer Realschule nahm sie noch mit Aussicht auf eine Festanstellung an. Mittlerweile wurde sie dort das vierte Jahr in Folge befristet eingestellt. Dabei hätte nach der dritten Verlängerung eigentlich eine Entfristung folgen müssen. Aber um diese Regelung umgehen zu können, wurde der offizielle Grund der Befristung geändert. Nun wird sie laut ihrem Vertrag als Vertretung einer Lehrkraft eingesetzt, deren Fächer sie gar nicht unterrichtet.

 

„Ich möchte das gleiche Geld für die gleiche Arbeit" 

 

„Was mich am meisten ärgert ist die restriktive Informationspolitik. Viele Dinge werden einfach nicht kommuniziert. Man sollte meinen, dass das Kultusministerium, dem die Zahlen der Studierenden, der Absolventen, der Pensionierungen und der freien Stellen vorliegen, in der Lage ist, vernünftige Bedarfsprognosen zu erstellen”, sagt Katharina. Die Verbeamtung ist dabei gar nicht ihr oberstes Ziel. „Ich möchte einfach dass die Bedingungen fairer werden: Ich möchte das gleiche Geld für die gleiche Arbeit.”

 

Allerdings erhalten angestellte Lehrer für die gleiche Arbeit immer noch deutlich weniger Geld als ihre verbeamteten Kollegen. Die Differenz kann monatlich je nach Schulart bis zu 1000 Euro brutto betragen. Die Vermutung, es handele sich bei den befristeten Einstellungen um Sparmaßnahmen der Politik, liegt nahe. Das Kollegium wird in zwei soziale Klassen aufgeteilt: Während sich der eine Kollege in den sechswöchigen, bezahlten Sommerurlaub verabschiedet, wird sein Sitznachbar im Lehrerzimmer arbeitslos und stürzt in Existenzängste. Aber warum werden angestellte und verbeamtete Lehrer so unterschiedlich behandelt, wo sie doch eigentlich die gleiche Arbeit machen?

 

Mit den Vorwürfen konfrontiert, verweist das Bayrische Kultusministerium auf die 4000 geplanten Einstellungen zum neuen Schuljahr. Es handele sich bei den befristet angestellten Lehrkräften um nur einen sehr geringen Anteil von drei Prozent aller Lehrkräfte. Befristete Verträge, so das Kultusministerium, würden ausschließlich bei Krankheits- oder Schwangerschaftsvertretungen eingesetzt.

Aber wie passt das alles zusammen mit den Schlagzeilen über einen angeblichen „Lehrermangel” in Deutschland? Immerhin soll es in Deutschland bis 2025 eine Million mehr Schüler geben als bisher gedacht?

 

Die Lage muss differenzierter betrachtet werden: Während bei Realschulen und Gymnasien ein Überangebot an Bewerbern vorhanden ist, herrscht bei den Grund- und Mittelschulen akuter Lehrermangel - das Ergebnis jahrelanger schlechter Planung, viele Lehrkräfte wurden am Bedarf vorbei ausgebildet. Um diesen nun zu decken, wird Realschul- und Gymnasiallehrern eine Zweitqualifizierung nahegelegt - so auch Bianca und Katharina. Nach weiteren eineinhalb bis zwei Jahren Ausbildung, kämen sie dadurch letztendlich in eine niedrigere Gehaltsstufe. Eine Planstelle ist auch dann nicht garantiert.

 

„Wollen wir nicht alle streiken und den ganzen Saftladen lahmlegen?”

 

Dass Betroffene wie Katharina oder Bianca über ihre Situation sprechen, ist selten - zu groß ist die Angst, bei den Behörden in Ungnade zu fallen. Aus ihrer Sicht sind die Vergabeverfahren der Planstellen intransparent, die Benachrichtigungen zu sporadisch. In geschlossenen Facebook-Gruppen tauschen sich Betroffene allerdings offener aus:  Wer wurde angenommen? Wem wurde abgesagt? Gehen noch Briefe raus? Gibt es noch Hoffnung? Anhand einer anonymisierten Liste, in der die Abschlussnote und der Wartelistenplatz eingetragen werden, versuchen sie sich einen Überblick zu verschaffen. Die Liste wurde mehrfach gelöscht - von wem und warum ist unklar. Die Verzweiflung und die Wut auf das System sind groß in den Gruppen. Anfang August schreibt eine Lisa: „Mal ohne Scheiß Leute, hier sind doch genug Lehrer ohne Amts-Eid... wollen wir nicht alle streiken und den ganzen Saftladen lahmlegen? Lehrer leiden, Schüler leiden und es werden immer noch stellen gekürzt???” Unter ihrem Post entsteht eine kurze Diskussion, die sehr bald wieder versandet.

 

Katharina hat lange mit sich gerungen, ob sie einen weiteren befristeten Vertrag an ihrer Schule unterschreiben soll - aber am Ende gab es keine Alternative: „Wenn ich die Stelle nicht annehme, wären zehn andere bereit es zu tun”, sagt sie. Auch stört sie, dass einigen ihrer verbeamteten Kollegen überhaupt nicht bewusst sei, wie groß die sozialen Unterschiede zwischen den einzelnen Lehrern mittlerweile sind. „Wie soll ich mir eine Zukunft aufbauen? Wie soll ich eine Familie gründen, wenn ich aufgrund meiner befristeten Anstellung nicht einmal eine Wohnung bekomme, geschweige denn einen Kredit für ein Haus. Und selbst wenn an dieser Schule eine Planstelle für meine Fächerkombination geschaffen werden würde, wäre aufgrund der Warteliste nicht ich es, die sie bekäme”, sagt Katharina.

 

Bis zum nächsten Sommer wird sie jetzt noch an ihrer Schule bleiben. Dass ihre Situation sich dann ändert, erwartet sie nicht. Deshalb wird sie für einige Zeit ins Ausland gehen und ein kleine Weltreise machen.

 

Bianca erhielt im Sommer 2016 nach ihrer Entlassung eine befristete Anstellung an einer Münchner Realschule und arbeitet seitdem dort. Wenn sie an ihre Rente denke, bekomme sie Panik. Sie muss in kleinen Schritten planen, mehr gehe momentan nicht. Ihr aktueller Vertrag endet im September, danach geht sie in Mutterschutz.

Mehr zum Thema Arbeit und Gehalt:

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren