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Mädchen, beeinflussen Pick-Up-Artists euer Verhalten?

Oder könnt ihr über diese Vollarschlöcher noch lachen?
Von Christian Helten und Charlotte Haunhorst
  • jungsfrage text
    Illustration: Katharina Bitzl

Die Jungsfrage

 

Liebe Mädchen,

 

Samstag sollte der Großangriff kommen: In 165 Städten in 63 Ländern wollten sich Pick-Up-Artists versammeln, um über ihre hirnverbrannte Agenda zu debattieren ("legalize rape on private property" zum Beispiel). Und dann – das ist wilde spekulation, aber dafür ist diese Kolumne ja auch mal da – wohl auch gemeinsam auf Aufrisstour zu gehen und mit ihren frauenverachtenden, sexistischen „Techniken“ an ihren Flachleg-Highscore aufbessern.

Grundsätzlich ist natürlich klar, dass die meisten von euch diese Typen so dämlich finden wie wir auch. Da herrscht, glaube ich, geschlechterübergreifende Einigkeit.

 

Aber trotzdem gibt’s da ja Unterschiede. Weil – ganz banal – wir nun mal nicht deren Ziele sind. Näher, als dass sie ein Mädchen anmachen, das wir kennen oder sogar lieben, können sie uns nicht kommen. Wir können sie aus der Distanz verabscheuen und belächeln und Witze über ihr Arschlochtum machen.

 

Aber ihr seid potenzielle Ziele dieser Typen. Wenn ihr an diesem Wochenende in einer dieser Städte an einer Bar steht, könnte es sein, dass sich einer von ihnen neben euch stellt und einen seiner Moves (oder Schlimmeres) auspackt. Und ich frage mich, was das mit euch macht. Wie wütend sie euch wirklich machen, und welche Art von Wut sie auslösen. Und überhaupt: Macht es euch misstrauischer? Vorsichtiger? Fragt ihr euch manchmal – nicht nur in der momentanen Alarmsituation – bei einem Typen, der euch anspricht, ob er grade irgendwelche Pick-Up-Manipulationstechniken anwendet? Tauscht ihr euch über Abwehrtechniken aus? Habt ihr manchmal rückwirkend Angst, auf ein Pick-Up-Arschloch hereingefallen zu sein? Und falls ihr denkt, dass es euch passiert ist: Was macht DAS dann mit euch? Und noch eins weitergedacht: Was macht es mit euch, wenn’s eine tolle Nacht war?

 

Kurz: Schaffen die es, euch in eurem Verhalten und Denken zu beeinflussen? Und führt das wiederum dazu, dass ihr sie nicht belächeln könnt und unsere ironischen Witze über sie euch unangebracht erscheinen?

 

Bitte mal erklären. Auch, wenn das Oberarschloch die Veranstaltungen für dieses Wochenende wegen Protesten abgesagt hat. 

 

Die Mädchenantwort von Charlotte Haunhorst

 

Liebe Jungs,

 

Um das vorneweg zu nehmen: Etwas in mir sträubt sich schon gegen den Begriff „Pick-up-Artist“. Denn er suggeriert ja, das irgendwas von dem, was die da tun, etwas mit Kunst zu tun hat. Hat es aber nicht. Wenn du also „Pick-up-Arschloch“ schreibst, kann ich schon mal sagen: ja, da sind wir uns einig.

 

Hinter dieser Feststellung sollte jetzt eigentlich ein Absatz folgen, in dem ich darüber referiere, wie diese Bewegung unser Männerbild verändert hat. Wie auf einmal Freundinnen Facebook-Posts teilen, in denen etwas von „Achtung, auf dem Alexanderplatz sind Pick-up-Artists unterwegs“ steht, und wie automatisch der Alarm angeht, wenn einen innerhalb kürzester Zeit mehrere Typen mit dem exakt gleichen Spruch anmachen. Schenke ich mir jetzt aber. Weil ich mittlerweile glaube, das Problem ist ein ganz anderes.

 

Das Problem ist, dass wir dieses Problem auf einmal wirklich diskutieren müssen. Dass wir diese Typen auf einmal ernstnehmen, weil wir keine andere Wahl haben. Weil aus der „Haha, solche Spacken“-Ebene auf einmal eine echte Bedrohung wurde. Eine, vor der man auf einmal in Artikeln warnen muss. Was einem Hausarrest gleichkommt. Und wenn du mich fragst, wie wütend mich das macht, dann muss ich sagen: irre wütend. Und damit bin ich nicht allein.

 

Die Journalistin Theresa Bäuerlein ist auf das Thema in einem sehr wütenden Facebook-Post eingegangen. Sie schreibt: „(…) Ich finde es wirklich ekelhaft, wie seit Köln eine Stimmung im Land geschürt wird, in der Frauen als "Freiwild", "Beute" etc. bezeichnet werden, die sich vor Männern verstecken müssen. Wem hilft das? (…) Warum machen Frauen Selbstverteidigungskurse, aber Menschen machen keine Kurse in Zivilcourage?“

 

Ich habe mich kurz gefragt, ob ich ihr bei dem Punkt zustimme, dass insbesondere durch die Vorfälle in Köln Frauen immer mehr zur Beute stilisiert werden. Zu etwas, das sich von nun an schützen muss. Aber klar, seit dem hat sich die Diskussion verändert. Und dann die Frage, ob ich mir jetzt Sorgen machen muss. Und dann kam das Bauchweh. Bauchweh deshalb, weil auf einmal wieder alles schwarz-weiß ist. Männer sind potenzielle Täter, Frauen potenzielle Opfer. Nix dazwischen. Alle nur gut oder schlecht. Da läuft doch was schief.

 

Vielleicht muss deshalb die Antwort auf all deine Fragen sein: Natürlich verändert das Wissen, dass es Pick-up-Hanswürste gibt, etwas in unserem Weltbild. Natürlich begegnet man Flirtversuchen in Pick-up-verdächtigen Situationen jetzt mit mehr Skepsis. Aber es macht halt in der Beschissenheitsskala doch noch einen Unterschied, ob wir von Trotteln reden, die einen mit auswendig-gelernten Sprüchen ins Bett kriegen und damit einen Highscore erreichen wollen, oder von Typen, die Vergewaltigungen legitim finden und uns ungefragt anfassen. Kategorie 1 ist, auch nach einer guten Nacht, ein Riesenarschloch. Bei Kategorie 2 gibt es keine guten Nächte.

 

In jedem Fall aber gilt: Auf einmal davon auszugehen, dass jeder Mann in eine der beiden Kategorien gehört, ist gefährlich. Auch, weil es zu so bescheuerten Ratschlägen führt wie „Eine Armlänge Abstand“. Und da gebe ich Theresa Bäuerlein dann einhundert Prozent recht: Das Stichwort heißt im Ernstfall Zivilcourage. Nicht Hausarrest.

 

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