Jungs, wann fühlt ihr euch sexuell belästigt?

Oder geht das gar nicht? Eine Mädchenfrage.
Von Charlotte Haunhorst und Jakob Biazza

Hauptsache: Reset - Geschichten übers Neuanfangen. Hier findest du alle Texte aus unserem Schwerpunkt-Thema.

Illustration: Katharina Bitzl

Die Mädchenfrage:

Liebe Jungs,

die ganzen vergangenen Wochen waren die Medien voll mit dem Thema sexuelle Belästigung. In sehr, sehr ernst in Köln, in Hamburg, in Stuttgart. In etwas weniger ernst im Trainingslager des SC Paderborn an der Türkischen Riviera. Für diejenigen, die Nachrichten um einen Zweitligisten nicht verfolgen: Ein Spieler soll im angetrunkenen Zustand vor einer Frau die Hose runtergelassen haben und wurde daraufhin suspendiert – weil er die Frau damit sexuell belästigt habe. Dann passierte Bemerkenswertes: Das vermeintliche Opfer der Genitalentblößung sagte gegenüber der dpa: „Sexuell belästigt worden, das sei hier noch einmal definitiv gesagt, bin ich zu keinem Zeitpunkt. Belästigt hat mich erst die falsche Berichterstattung.“

Und das hat uns zum Nachdenken gebracht. Dass sexuelle Belästigung Ansichtssache ist – erst mal klar. Was die eine als klaren Grenzübertritt, vielleicht sogar bedrohlich findet, ist für die andere eher albern oder lustig und hängt viel von dem Umfeld ab, in dem die Situation stattfindet. Besonders interessant wird die Diskussion aber, wenn man die Frage mal umdreht. Meint: Was, wenn die Frau ihre Hose vor dem Typen runtergezogen hätte? Hätten dann auch alle automatisch gesagt, sie habe den Fußballspieler sexuell belästigt? Ich vermute ja: eher nicht. Vielleicht wäre es als kurioser Vorfall vermeldet worden, als Randnotiz eines Trainingscamps. Aber ziemlich sicher hätte der Spieler nicht extra sagen müssen „Ich habe mich übrigens zu keiner Zeit dadurch belästigt gefühlt“. 

Und das führt uns zur Frage: Ist sexuelle Belästigung durch Frauen für euch überhaupt ein Thema? Also habt ihr da schon Erlebnisse gehabt? Oder, überspitzt gefragt: Kann man euch überhaupt sexuell belästigen? Denn ich habe ja fast den Eindruck, dass euch das „Belästigt werden“-Gefühl ein wenig abgesprochen wird. Dass ihr nur Täter sein könnt, keine Opfer. Und wenn eine Frau euch dann besoffen auf den Hintern haut, ihr zwar sagen dürft „war blöd“ aber da niemand das „Oh Gott sie hat ihn belästigt“-Fass aufmachen würde. Oder täusche ich mich da? Ist das ein Riesenbereich, mit dem ihr nur nicht an die Öffentlichkeit geht? Erklärt uns das mal.

Illustration: Katharina Bitzl

Die Jungsantwort:

 

Liebe Mädchen,

 

ich habe jetzt fast eine Stunde lang Gesetzestexte gelesen. EU-Recht. Was aus Deutschland. Österreichische Regelungen waren auch dabei. Hauptsächlich, um Zeit zu schinden. Aber auch zur Orientierung. Mein erster Impuls war nämlich: Zustimmung. Ich hatte, nachdem ich ein paar Minuten in mich hineingehorcht habe, tatsächlich auch das Gefühl, dass es gar nicht so leicht ist, uns sexuell zu belästigen. Und das hat mich verwirrt.

 

Weil, um beim Beispiel zu bleiben: Ich brauche jetzt auch keine fremden Frauen, die die Hose runterlassen und mir ihr Untenrum präsentieren. Geschlechtsteile sind ja per se nichts unbedingt sehr Schönes. Will sagen: Es sollte viel erotische Spannung, Liebe oder wenigstens Alkohol im Spiel sein – und auch dann noch sehr, sehr viel gegenseitiges Einverständnis –, wenn man die einander ins Gesicht hält. Aber „sexuelle Belästigung“, das hängt mir dafür irgendwie trotzdem zu hoch.

 

Gesetze also: Sexuelle Belästigung liegt zum Beispiel laut EU vor, „wenn ein geschlechtsbezogenes Verhalten, das sich in verbaler, nichtverbaler oder physischer Form äußert, die Verletzung der Würde einer Person oder die Schaffung eines durch Einschüchterungen, Anfeindungen, Herabsetzungen, Demütigungen, Beleidigungen oder Verstörungen geprägten Umfelds bezweckt oder bewirkt.“

 

Nein, hat mir auch nicht sehr weitergeholfen. Man versteht als Laie Gesetzestexte nicht. Deshalb verdienen Anwälte so viel Geld. Was bei mir aber hängenbleibt, sind zunächst mal die Worte „Einschüchterung“, „Herabsetzung“ und „Demütigung“. Alles Dinge, die dann besonders gut funktionieren, wenn der aktive Part in einer Machtposition ist. Womit wir also schon beim alten Thema sind:

 

Ich vermute zumindest, dass sexuelle Belästigung dann eher als solche empfunden wird, beziehungsweise emotional heftiger anschlägt, wenn der Andere Macht über mich hat. Sei es qua professioneller Position (Chef), zahlenmäßiger Überlegenheit (Kollegenhorde) oder weil ich Angst habe (körperlich überlegener Mann auf dunkler Straße). Ihr seid empirisch noch seltener unsere Chefs. Ihr seid empirisch noch seltener stärker als wir. Die Grundlage für Macht fehlt also oft noch. Und damit fehlt uns – würde ich jetzt sagen – auch oft das Gefühl von Belästigung. Zeigt sich so auch in den Zahlen einer schweizerischen Studie von 2008: 28 Prozent der befragten Frauen und zehn Prozent der Männer fühlten sich der zufolge im Verlauf ihres bisherigen Arbeitslebens sexuell belästigt. Bei den Männern interessanterweise die Hälfte von anderen  Männern (alleine oder in Gruppen).

 

Das ist die technische Seite. Die andere Seite hat mir ein eher bekannter Rapper eben noch in den Block diktiert: „Typen fühlen sich belästigt, wenn die Frau nicht heiß ist. Alle anderen dürfen. Und bei Frauen dürfen auch die Heißen nicht.“ Er wollte natürlich ein bisschen zündeln damit, der kleine Frechdachs. Aber es ist ja trotzdem was dran. Zumindest an der ersten Hälfte und mit einem winzigen Umweg. Aus privater Empirie gesprochen: Ihr macht uns einfach auch noch seltener überhaupt offensiv Avancen. Und eine knappe Ware hat zunächst mal eben mehr Wert. Und dann erst später vielleicht Funktionsmängel. Deshalb freuen wir uns über ein bisschen Belästigung vermutlich tatsächlich mehr, als wir sollten.

 

Heißt aber alles auch: nur noch ein bisschen warten. Auf die Gleichberechtigung. Werdet jetzt mal mehr unsere Chefs. Baggert uns noch ein bisschen mehr an. Und zack: schon klappt das auch mit der sexuellen Belästigung.

 

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