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Mädchen, was macht es mit euch, begrapscht zu werden?

Unser Justizminister könnte da auch grade ein paar Infos gebrauchen.
Von Jakob Biazza und Nadja Schlüter
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    Foto: mathias the dread / photocase.de

Die Jungsfrage:

 

Liebe Mädchen,

 

eine etwas banale Feststellung, die sonst vielleicht für einen zotigen Witz herhalten müsste, jetzt aber etwas Ernstem voransteht: Jungs werden nicht begrapscht. Oder zumindest sehr selten. Zu selten in jedem Fall, um von „regelmäßig“ sprechen zu können. Oder gar von so etwas wie einem fortgesetzten Zustand. Wir wissen also nicht, wie sich das anfühlt. Ihr schon. Sagen Statistiken. Sagen eure Erzählungen. Sagen alle.

In der Politik, oder zumindest im Bundestag, herrscht jedenfalls gerade sehr große Einigkeit darüber, dass die vom Bundesjustizminister geplante Reform des Sexualstrafrechts – sanft formuliert – ein sehr hochgetürmter Haufen von Nichts sei: halbherzig, unzureichend, lieber gar kein Gesetz als dieses. So Kram eben. Aber ungewohnt parteiübergreifend diesmal. Auch in der Erkenntnis, dass ein sogenannter „Grapscherparagraph“ fehlt, bestärkt man sich gegenseitig, und zwar sehr laut. Bisher können Gerichte den „flüchtigen Griff an die Geschlechtsteile“ (so nennt Bayerns Justizminister Winfried Bausback das) nämlich nur als Beleidigung werten. Als Beleidigung! Wie bei „Trottel“. Oder „Volllurch“.

 

Dabei weiß auch Bausback: "Für eine Frau ist etwa ein Griff an den Busen mehr als beleidigend." Allerdings hat er das nach der Kölner Silvesternacht gesagt. Also nachdem viele vor allem muslimische Männer deutschen Frauen flüchtig an die Geschlechtsteile gefasst haben, und plötzlich ein vielleicht auch etwas verdächtiges Milieu den #aufschrei geprobt hat.

 

Eine Menge Neufeministen laufen da also gerade auf. Aber weil sehr große Einigkeit ja immer auch den Verdacht weckt, dass man sich mit einem Thema gerade gut profilieren kann, und weil Heiko Maas und Winfried Bausback wahrscheinlich auch noch nicht oft begrapscht wurden, und weil Themen, mit denen man sich gut profilieren kann, leicht vergessen werden, wenn das große Profilieren vorbei ist, würden wir von euch heute gerne mal möglichst deutlich hören: Wie fühlt sich das nun tatsächlich an – begrapscht werden. Auch und vor allem natürlich nach dem direkten Kontakt. Was löst das also alles aus?

 

Ich meine das heute mal eher agitatorisch. Nicht so sehr als Verständnisfrage. Dass Begriffe wie „widerlich“, „erniedrigend“ und „auf die beschissenste Art dreist“ auftauchen werden, kann ich mir schon denken. Aber ich glaube, dass es der Diskussion sehr gut täte, wenn die Welt und die Justizminister, die Abgeordneten und die Parteimitglieder und (wer weiß) vielleicht sogar die grapschenden Männer noch mal in aller Deutlichkeit und gerne auch mit allem Ekel und aller Wut vorgesetzt bekommen, was mit einer Frau passiert, wenn man ihr an Brüste, Hintern oder oder in den Schritt greift, ohne drum gebeten worden zu sein. Was sie da mitnimmt. Und wie lang. Und wie tief. Und wie grundsätzlich. Und wie sie danach auf die Welt schaut und auf die Justizminister und die Abgeordneten und auf die Männer.

 

Eure Jungs

 

  • maedchenfrage

Die Mädchenantwort von Nadja Schlüter:

 

Um das gleich zu Anfang zu erledigen: Ja, angegrapscht werden ist widerlich, erniedrigend, und es ist von demjenigen, der es macht, auf die beschissenste Art dreist.

 

Nun wollt ihr es aber ja genauer wissen. Wie sich das anfühlt, was das auslöst. Und da muss ich vorneweg sagen, dass es natürlich irre schwer bis unmöglich ist, als Einzelperson beurteilen zu wollen, wie sich das allgemein anfühlt. Jede Grapsch-Situation ist individuell und Gefühle sind es sowieso. Darum muss ich hier von mir ausgehen und vielleicht können ja zumindest einige andere Mädchen und Frauen das bestätigen oder nachvollziehen. Oder ergänzen. Und los:

 

Folgende (und wie ich glaube: sehr typische, von vielen schon mal so oder so ähnlich erlebte) Situation: ein Club, späte Stunde, laute Musik, viele Menschen, viel Alkohol, ich gehe durchs Gedränge zur Toilette und spüre plötzlich eine Hand an meinem Hintern. Mehr so draufgelegt, ohne viel Zudrücken. Fast so, dass es auch ein Versehen hätte sein können, aber dafür dann doch ein kleines bisschen zu lang und zu großflächig. Als ich mich, soweit das im Gedränge geht, umdrehe, um zu sehen, wer das war, sind da viele Menschen, die es gewesen sein könnten, die aber scheinbar alle mit sich selbst und Feiern beschäftigt sind. Also weiter Richtung Toilette.

 

Das Gefühl in dem Moment, als das passiert ist? Irgendwas zwischen Überraschung, Erschrecken und Ekel. Das Gefühl unmittelbar danach? Wut. Ich war wütend, dass jemand einfach meinen Körper angefasst hat, ohne, dass ich das erlaubt habe. Dass er etwas berührt hat, was mir ganz alleine gehört, mehr als alles andere. Weil ich es ja selbst bin. Ich war auch wütend, als ich mir vorstellte, was er dabei empfunden hat. Dass er es vermutlich witzig fand oder stolz drauf war, weil er wusste, dass er das eigentlich nicht machen darf. Aber auch wusste, dass er es trotzdem machen kann.

 

Ich war auch wütend, als ich mir vorstellte, was wohl passiert wäre, wenn ich ihn erwischt und zur Rede gestellt hätte. Vermutlich hätte er dann „Hab dich nicht so“ oder „Sei doch nicht so empfindlich“ gesagt und mir obendrauf noch ein blödes Kompliment für meinen Hintern gemacht, als sei das alles nur nett gemeint gewesen. Oder er hätte die Hände gehoben und „War doch gar nix“-mäßig geguckt oder gegrinst.

 

Und dann, ganz am Ende, war ich wütend auf das, was eigentlich dahintersteckt: Alle wissen, dass man niemanden einfach so angrapscht, aber in eine Richtung, nämlich vom Mann zur Frau, wird es trotzdem oder sogar gerade deswegen gemacht. Und jedes Mal stellt sich dabei der Mann über die Frau. Ermächtigt sich. Demonstriert Macht. Er langt einfach hin und die Botschaft lautet: „Ist mir wurscht, dass sich das nicht gehört und mir das nicht gehört – ich nehme mir, was ich will und wann ich es will!“ Und das macht mich immer noch und ganz allgemein wütend. Wut ist also das, was am längsten davon geblieben ist.

 

Damit habe ich, glaube ich, so was wie Glück gehabt. Ich kenne mehrere Frauen, die zum Beispiel in einer vollen U-Bahn oder einem vollen Bus angegrapscht wurden. Und deren Gefühl war erst mal weniger Wut und mehr Angst. Weil das Situationen waren, aus denen sie weniger gut ausbrechen konnten, in denen sie gefangen waren. Und Situationen, in denen das Grapschen bedrohlicher war, weil noch öffentlicher, weil nicht im Schutz von wenig Licht und Partystimmung und viel Bier, und dadurch eine noch eindeutigere Demonstration von: „Ich nehme mir, was ich will und wann ich es will!“ Ich denke: Vielen, die das mit dem Grapschen so oder noch schlimmer erlebt haben, denen bleibt davon Angst. Vor allem Angst davor, dass es nicht beim Grapschen bleibt. Dass sich der Mann noch mehr nimmt, wenn er die Gelegenheit dazu hat.

 

Und ich glaube auch, dass eins uns allen davon bleibt, jeder Frau und jedem Mädchen, auch, wenn sie selbst noch nie angegrapscht wurde: Unsicherheit. Das Wissen darum, dass es dauernd passiert und jederzeit passieren kann, und dass es eigentlich nie geahndet wird. Um das Gefühl zu verstehen, kannst du ja einfach mal kurz an deine Wohnung denken. Dein Name steht dran und nur du hast den Schlüssel für die Eingangstür. Du gehst davon aus, dass darum jeder akzeptiert, dass das hier dein Privatbereich ist, und du fühlst dich sicher und wohl. Und jetzt stell dir vor, du sitzt in deiner Wohnung und in der Nachbarschaft gab es in den vergangenen vier Wochen fünf Einbrüche. Da läuft also jemand rum, der nicht akzeptiert, dass das dein Privatbereich ist. Der einfach das Schloss aufbricht oder durchs Fenster einsteigt. Der eine Grenze überschreitet, die du eindeutig gesetzt hast. Würdest du dich dann noch sicher fühlen, in deiner eigenen Wohnung?

 

Und wenn man sich jetzt noch vorstellt, ein Einbruch wäre kein Straftatbestand, sondern dieses Ignorieren und Überschreiten privater Grenzen gälte bloß als Beleidung und ständig würde am helllichten Tag jemand irgendwo ein Schloss knacken, weil er nichts zu befürchten hat – dann dürfte noch klarer werden, was das Grapschen mit uns macht. Es macht uns und unsere Körper angreifbar, antastbar. Es nimmt uns die Kontrolle und die Macht über unseren Körper. Wir sollten bestimmen dürfen, wer ihn anfasst. Das ist unser gutes Recht. Und dass dieses Recht immer wieder ignoriert und dass es vom Gesetz nicht vernünftig geschützt und verteidigt wird, das macht mich am Ende dann wieder: wütend.

 

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