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Schwule Jungs, wie funktioniert euer "Gaydar"?

Eine Sonderausgabe der Jungsfrage die wissen will: Wie erkennt ihr einander eigentlich so zielsicher?
Von Jakob Biazza und Yulian Ide
  • cover gaydar neu dpa
    Foto: Jens Büttner/dpa

Die Jungsfrage:

 

Liebe schwule Jungs,

 

Schnell vorab: Irgendwas sperrt sich bei dieser Anrede ja doch tatsächlich noch. Ein bisschen. Ein kleinerer Fettnäpcheninstinkt meldet sich. Wir sind schließlich, und das ist ja auch sehr gut so, im Wissen aufgewachsen, dass es keine substanziellen Unterschiede gibt zwischen Homo- und Heterosexuellen, zwischen Transgender, Bi- und Asexuellen und so weiter. Gut. Und richtig. Aber: kleine (unwichtige, aber nett zu betrachtende) gibt’s halt schon. Glauben wir. Wie zwischen Jungs und Mädchen halt auch. Glauben wir ja auch. Und weil wir das glauben, betonen wir gleiches Klischeerecht für alle und erweitern die Jungs-/Mädchenfragen in Zukunft in unregelmäßigen Abständen um gleichgeschlechtliche Fragen.

Und damit los: Und zwar mit der Frage, die vor vielen weiteren Fragen steht. Der, wie ihr einander erkennt nämlich. Als potenzielles Beziehungsmaterial. Für Sex. Oder auch einfach so. In halbklugen Fernsehserien, aber ja schon auch im echten Leben, rühmt ihr euch – mindestens halb im Scherz aber eigentlich doch eher ernst –, über ein "Gaydar" zu verfügen. Ein Radar für Gays also. Und ich bin geneigt, euch das auch zu glauben. Ich kenne jedenfalls wenige Heteros, auch solche, die viel mit Schwulen unterwegs sind, die die Male, bei denen sie angemacht wurden, NICHT an einer Hand abzählen können. Ich selbst kann mich mit Gewissheit nur an ein einziges Mal erinnern. Und an ein halbes Mal. Bei dem bin ich mir aber schon nicht sicher.

 

Irgendein Mechanismus scheint da also zu greifen. Nonverbal. Relativ früh. Und relativ treffsicher.

 

Andererseits gibt es diesen relativ guten Text von Max Goldt. Genau genommen gibt es natürlich ziemlich viele relativ gute Texte von Max Goldt. Aber dieser eine, „Metrosexualität, Transparenz und die drei dümmsten Aphorismen von Oscar Wilde“ heißt er, passt hier sehr gut hin. Weil er sinngemäß sagt, dass es so etwas wie ein Gaydar eben nicht gibt.

 

In dem Text imaginiert sich Goldt mit einem sehr archetypischen Gesprächspartner in ein "proletarisches Homolokal" namens "Altdeutsche Biertonne". Der Gesprächspartner ist fasziniert "von diesen beiden Männern da hinten mit den dreckigen Fingernägeln, die sich, ohne die Zigarette aus der Hand zu nehmen, gegenseitig an den auf- und niederbebenden Wampen kraulen!" Was die da machen würden? Schwul könnten sie ja nicht sein. Er, der Gesprächspartner, erkenne Schwule schließlich. Sinngemäß seien Pflegezustand, Duft, modische Kleidung und solche Sachen da Indikatoren.

 

Und interessant ist jetzt die Antwort von Goldt, der das ja eigentlich auch wissen muss: "Homosexuelle", heißt es da nämlich, "erkennt man genau wie alle anderen Sexuellen ausschließlich am sexuellen Verhalten, und dessen Varianten sind gleichmäßig auf sämtliche sozialen Schichten verteilt. Was meinst du, in was für trist möblierten Wohnungen man als Mann landen kann, wenn man es in einem solchen Lokal verabsäumt, seine Biere zu kontingentieren?"

 

Goldt macht da freilich auch einen Punkt. Und jetzt bin ich angemessen verwirrt. Das "ausschließlich" ist es, woran ich hängenbleibe. Denn das würde ein Gaydar – das ja angeblich an einem Punkt anschlägt, an dem man das Sexuelle eben noch nicht sieht – nun ja,  ausschließen halt.

 

Was uns also interessiert: Gibt es dieses Gaydar? Und wenn ja: Wie funktioniert es? Und wenn nein: Wie, zum Teufel, geht dann der Trick?! Dass ihr einen vollen Raum nicht einfach scannt und dabei blinken rosa (!) Zielpunkte auf, nehmen wir mal an. Ich habe auch irgendwo gelesen, dass es mit Fotos eher nicht funktioniert. Also muss es wohl mit Gestik zu tun haben? Mit Blicken? Blickkontakt? Doch auch Kleidung? Geheime Zeichen (das wäre bockstark!)? Oder mit irgendwas, das wir gerade überhaupt nicht auf dem Radar haben? Mal bitte aufklären.

 

Eure Hetero-Jungs

  • jungsfrage text

Die Jungsantwort:

 

Liebe Hetero-Jungs,

 

Max Goldt hat natürlich Recht. Schwule kommen in allen Formen und Farben. Und guckt man sich die Profilbilder auf einschlägigen Datingportalen für Schwule an, kann ich auch seine These über triste Inneneinrichtungen unterschreiben. Deshalb gilt: Dreck unter den Fingernägeln macht noch keinen Hetero, genausowenig wie man am Deodorant einen Homo erkennt. Trotzdem bin ich auch immer wieder erstaunt, dass meine heterosexuellen Mitmenschen mich für einen von ihnen halten können. Seht ihr etwa nicht die regenbogenfarbene Aureole, die mich umgibt?

 

Ein schwuler Mann aus meinem Freundeskreis hat einmal für eine soziologische Studie Schulkinder in Berlin befragt, woran man Schwule erkenne. Überraschenderweise antwortete ein Junge damals: "Am T-Shirt mit V-Ausschnitt, dem schrägen Pony und der dicken besten Freundin." Hat für verwunderte Blicke unter unseren schräg gescheitelteten Frisuren gesorgt. Das war schließlich eine ziemlich akkurate Beschreibung des schwulen Berliner Mannes der Nullerjahre.

 

So viel zu den Äußerlichkeiten. Weil ich glaube, dass unser Gaydar auf die eh nur zweitrangig anspringt. Achtung, viele schwule Jungs und Männer verbindet nämlich: ihr ähnlicher Lebenslauf. Irgendwo in der deutschen Provinz aufgewachsen wurden sie unweigerlich irgendwann mit der Tatsache konfrontiert, anders zu sein. Nicht dazu zu passen. Schwule Jungen mussten sich früh Gedanken darüber machen, wer sie eigentlich sind – in ihrem Dorf, ihrer Schulklasse, ihrem Fußballverein, ihrer Tanzschule. Also in sämtlichen sozialen Gruppen, in denen vermeintlich alle anderen hetero sind. Wir merkten schnell: Diese Welt ist irgendwie nicht auf uns zugeschnitten. Zudem passierte diese Bewusstwerdung noch mitten in der Pubertät, also in einer Zeit, in der sowieso jeder unsicher und verletzlich ist. Und am Ende dieser Entwicklung steht meistens auch noch das Coming-Out, das eine krasse Konfrontation mit der Umwelt ist, die Heteros in der Form meistens nicht erlebt haben.

 

Schwule haben in dieser Zeit unweigerlich gelernt, sich selbst zu beobachten. Sie haben verschiedene Lebensszenarien gegeneinander abgewogen und sich schließlich bewusst für ihre eigene Rolle in der Gesellschaft entschieden. Deshalb bewundere ich auch schwule Jungs, die sich betont feminin geben. Genau das meine ich mit der Aureole, die uns umgibt: Sie ist vielleicht nicht für alle sichtbar, aber je selbstbewusster man sie trägt, desto heller strahlt sie. Und das, liebe Hetero-Jungs, ist sozialer Protest! Denn hell strahlen ist nicht leicht.

 

Und mit Max Goldt geht das wiederum nun so zusammen: Denn so hell das Leuchten ist, man sieht es nicht so sehr am Menschen selbst. Sondern vor allem im Kontrast zu Menschen, bei denen das anders ist. Im Kontrast zu euch.

 

Ihr Hetero-Jungs habt nie drauf achten müssen, was euch hetero macht. Und diese Achtlosigkeit merkt man euch meistens an. Unser Gaydar ist also eigentlich auch ein Straightdar. Wir erkennen euch, wenn wir euch sehen. An all dem, worüber ihr noch nie nachdenken musstet: an eurer Gestik, eurer Kleidung, an eurem ganzen Habitus. Oder im Zweifelsfall auch einfach daran, dass wir eure triste Wohnungseinrichtung noch nie auf Grindr oder Planetromeo gesehen haben.

 

Herzlichst,

eure schwulen Jungs

 

 

Und jetzt straight weiter hierlang:

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