Süddeutsche Zeitung

Unsere Kernprodukte

Im Fokus

Partnerangebote

Möchten Sie in unseren Produkten und Services Anzeigen inserieren oder verwalten?

Anzeige inserieren

Möchten Sie unsere Texte nach­drucken, ver­vielfältigen oder öffent­lich zugänglich machen?

Nutzungsrechte erwerben

Mädchen, dürfen wir noch Gentlemen sein?

Gemälde: Franz Xaver Simm, Kissing Lady's Hand; Bearbeitung: jetzt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Liebe Mädchen,

wann immer mir eine von euch fehlende Manieren vorwirft, antworte ich mit dem – meiner Meinung nach – halb witzigen, halb totschlagenden Argument „Der Gentleman ist ein frauenfeindliches Konstrukt“. Das stiftet meist Verwirrung und ich gewinne Zeit darüber nachzudenken, ob ich gerade tatsächlich etwas falsch gemacht habe.

Auch, wenn dieses Argument mir eher als semi-ernstes Mittel zum Zweck dient, müsste man sich eigentlich eingestehen: Es stimmt ja wohl! Weg mit dem Gentleman! Türen öffnen, Mäntel anziehen, Stühle zurechtrücken... das könnt ihr doch wunderbar selbst, sofern ihr nicht aufgrund einer Behinderung auf unsere Unterstützung angewiesen seid. 

Mal ganz konsequent gedacht muss es euch als selbstbewusste Frauen doch nerven, ständig aufgrund eures Frauseins Hilfsangebote oder eine Sonderbehandlung zu bekommen. Wer auf die andere Autoseite sprintet, um euch das Betätigen eines ziemlich simplen Türgriffs zu ersparen, sagt damit ja auch: „Du bist qua Geschlecht zu blöd und schwach dafür, da muss ich halt hier rüber rennen und dir helfen, so als echter Gentleman. Darauf stehst du doch, oder?“ Ist das nicht beleidigend?

Eure Reaktion allerdings ist viel zu oft eine ganz andere: Der Schleimbatzen bekommt von einigen von euch ein „das ist aber charmant“ und im Schlimmstfall noch irgendwas von „ganz alter Schule“ zu hören. Da hüpft dem im Geiste oder ganz real alten Herren dann das Herz: Endlich eine, die traditionelle Rollenbilder noch zu schätzen weiß und sich als erwachsene Frau noch gerne wie ein unfähiges Porzellanpüppchen behandeln lässt. 

Mal nicht ganz konsequent gedacht ist unser eigenes Verhältnis zum Gentleman-Dasein aber auch eher ambivalent. Kofferschleppen, Türen aufhalten, Hände reichen beim Sprung von einer Mauer – irgendwie gehört das ja doch zu einem guten und klar, auch ein bisschen zu einem charmanten Verhalten dazu. Und wenn unsere Väter unseren Schwestern in den Mantel helfen, wirkt das auch nicht besonders schleimig, sondern ganz natürlich. 

Kurzer versöhnlicher Gedanke: Vielleicht sollten einfach alle Menschen „gentle“ zueinander sein, ganz ohne Mann-Frau-Gefälle. Aber wir sind ja nicht zum Versöhnen hier. Also, liebe Mädchen: Weg mit dem Gentleman? Oder ist Altherrengebahren plötzlich super, wenn es um Autotüren geht?

Eure Jungs 

 Die Mädchenantwort:

maedchenfrage

Liebe Jungs,

es gibt auf dieser Welt einen Mann, von dem ich mir bereitwillig in den Mantel helfen lasse, und das ist mein Vater. Ich finde das eine schöne Geste, die für mich auch so etwas bedeutet wie: Er hilft mir so lange in den Mantel, bis ich ihm in den Mantel helfe. Darum würde ich jetzt aus meinen Überlegungen auch mal alle älteren Männer ausschließen. Die dürfen so viel rumgentlemennen, wie sie wollen, und dafür biete ich ihnen in der U-Bahn meinen Platz an. Generationenvertrag halt.

Was allerdings Männer in meinem Alter betrifft, bin ich etwas unschlüssig. Ich weiß, dass es Frauen gibt, die es lieben, hofiert zu werden wie Fräuleins aus dem 18. Jahrhundert. Irgendwie verstehe ich sogar den Reiz dieser bemühten Aufmerksamkeit von männlicher Seite. Genauso kenne ich aber solche Frauen, die es verteufeln, wenn Männer einen auf Gentlemen machen. Und insgesamt habe ich glaube ich ein bisschen mehr Verständnis für die Verteuflerinnen.

Allerdings nicht, weil ich glaube, dass ein Mann mir die Autotür öffnet, weil er denkt, dass ich qua Geschlecht zu blöd und zu schwach dafür bin. Das wäre so unfassbar unverschämt, da bliebe mit glatt die Luft weg. Ich glaube auch nicht, dass das überhaupt jemals ein Mann gedacht hat, der eine Autotür aufgehalten hat. Das Problem ist ein anderes:

Früher, da war dieses Verhalten gesellschaftliche Norm. Männer hatten die Macht, mussten Frauen gegenüber aber unterwürfige Gesten ausführen, damit die Frauen derweil möglichst reibungslos ihrer Pflicht (hübsch und passiv sein) nachkommen konnten. Das war automatisiertes, standardisiertes Verhalten, und wer dagegen verstieß, der erntete Kopfschütteln. Heute würde – zumindest in unseren Kreisen – niemand mehr den Kopf schütteln, wenn ein Mann einer Frau nicht in den Mantel hilft. Und weil diese Gentleman-Gesten eben nicht mehr Standard und dadurch unauffällig sind, sind sie uns oft unangenehm. Weil die Männer, die sie ausführen, sich damit in den Vordergrund drängen. Weil sie sie ganz bewusst ausführen, sie darum meist aufgesetzt wirken und irgendwie zu durchreflektiert. Das ganze Gentleman-Verhalten ist dann weniger ein „Das macht man so“, sondern viel mehr ein „Ich mache das so“. Und wir wittern dann leider auch schnell eine dem zugrundeliegende „Wäre die Welt doch wieder so schön einfach wie vor hundert Jahren...“-Haltung. Heißt: Die Geste ist nicht per se sexistisch. Aber möglicherweise der Impetus.

Gleichzeitig geht es uns, wenn wir diese Gesten ablehnen, nicht darum, dass wir nicht wollen, dass man uns die Tür öffnet. Wir wollen sie nämlich gar nicht unbedingt für uns selbst öffnen. Was wir allerdings wollen: Sie auch mal für euch öffnen. Auch mal der aktive Part sein, der sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um euch kümmert. Viele, die auf „alte Schule“ stehen, sehen das sicher anders. Und da wird dann aus einer aus der Zeit gefallene Geste eventuell eine, an der man ganz gut erkennen kann, dass das, was dahintersteckt, eigentlich auch heute noch gilt: Wenn ein Mann einer Frau in den Mantel hilft, kann das charmant oder altmodisch rüberkommen – aber wenn eine Frau einem Mann in den Mantel helfen würde, fänden viele das sehr komisch (außer der Mann ist sehr alt). Obwohl das nur eine Geste wäre, der etwas zugrunde liegt, das nichts mit Geschlechterrollen zu tun hat, sondern einfach nur mit gutem Zusammenleben: Höflichkeit. 

Darum muss ich jetzt vielleicht noch sagen: Sorry, Jungs, eigentlich sind wir eben doch zum Versöhnen hier. Aber wenn ihr Ärger wollt, können wir euch ja demnächst mal den Stuhl vom Tisch wegrücken. In dem Moment, in dem ihr euch draufsetzen wollt.

Eure Mädchen

Was die Jungs sonst noch so nicht checken:

  • teilen
  • schließen