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Mädchen, kommt ihr damit klar, wenn wir weinen?

Heulen, flennen, schluchzen - wie viele Tränen dürfen wir verdrücken?
Von Jan Kawelke und Christina Waechter
  • 160819 jungsfrage
    Illustration Jessy Asmus

 Liebe Mädchen,

 

als Johnny Depp noch kein Freibeuter war, spielte er in seiner ersten großen Hauptrolle einen Rockabilly-Boy namens Wade Walker: Lederjacke, Pomadentolle und diese irritierende Strähne quer durchs Gesicht. Wie alle lässigen Rock’n’Roll-Jungs hatte Walker eine kleine Clique und einen dazugehörigen Gang-Namen: Cry-Baby. Zurückzuführen auf seine Fähigkeit eine einzelne Träne seine Nivea-weichen Wangen runterkullern zu lassen. Ein Move, der die Mädels verrückt machte. (Wirklich verrückt, jetzt. So verrückt, dass seine Angebetete ihren salzigen Tränenfluss in einem Glas sammelte und anschließend weg-exte). Ansonsten passierte nicht viel, außer, dass Iggy Pop sich in einem winzigen blechernen Waschtrog den Rücken schrubbte.

Aber zurück zum Thema: Jacky Chan weint, Schweinsteiger weint und selbst Wladimir Putin wischt sich eine stahlharte Träne aus dem Augenwinkel. Dass „Männer weinen nicht“ eine realitätsferne Floskel aus den Fünfzigern ist, leugnet wohl niemand mehr. Aber merkwürdig wirkt es hier und da dennoch, wenn ein Mann hemmungslos losschluchzt. Zumindest merkwürdiger als bei Frauen. Zumindest für uns. Aber wie ist das bei euch?

 

Kommt ihr damit klar, wenn wir weinen? Gibt es einen Unterschied zwischen einem nassen Blick und dem Cry-Me-A-River-Moment? Oder verschwimmen da die Grenzen? Gibt es eine Form des Weinens, die akzeptabel ist? Sollten wir einfach regungslos die Tränen tropfen lassen? Gibt es eine Anzahl an Tropfen, die nicht überschritten werden sollte? Sollten wir unsere Drüsen, wie Cry-Baby, darauf trainieren, nur eine einzelne abzusondern? Ist Wade Walker die Vorlage für den Blue-Moody-Man? Machen es rotgeriebene Ränder rundherum und eine rotzende Nase schlimmer? Und warum werden Fußballturniere davon völlig ausgeklammert? Ist es für euch eher okay, wenn wir bei Todesfällen weinen, als bei Hochzeiten? Warum wird es weird, wenn wir weinen, weil wir uns den dicken Zeh gestoßen oder den Bus verpasst haben? Gibt es möglicherweise eine Kurve, an der wir uns orientieren können? X-Achse: Intensität der Emotion. Y-Achse: Heftigkeit des Heulkrampfes. Die Diagonale dadurch gezogen, ist die Akzeptanz-Linie. Wird sie überschritten, sind wir raus.

 

Oder sagt ihr am Ende: "Das ist alles Stuss und komplett schnuppe!"? Oder sogar "Reißt euch gefälligst mal zusammen und hört auf rumzuheulen!"? Was denkt ihr? 

 

Eure Jungs. 

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

zunächst einmal folgende, sehr breit aufgestellte Anweisung: Lasst es laufen! Weint so viel und so lange euer Herz begehrt. Ihr scheint es wirklich bitter nötig zu haben, wie man an den Reaktionen auf verschiedene mediale Ereignisse der letzten Wochen sehen kann.

 

Da war ein Video von einem weinenden Jungen im Karateunterricht, das viral ging. Vor allem wegen der Reaktion seines Lehrers, eines ziemlich hart aussehenden Bergs von einem Mann, der den Jungen zuerst anherrschte, warum er weine. Und als dieser dann schluchzend hervorbrachte, er weine, weil es so hart sei, das Holz zu zerschmettern, sagte sein Trainer: „Weine. Es ist okay zu weinen.“ Irgendetwas daran muss etwas ganz tief im Herzen vieler Männer gerührt haben. Sehr viele Männerherzen - wenn man die Klickzahlen betrachtet, ungefähr 16 Millionen Männerherzen. 

 

Dann kam der französische Stabhochspringer Renaud Lavillenie, den das brasilianische Publikum durch Buhrufe so fertig gemacht hat, dass dem arme Mann bei der Siegerehrung die Tränen runterliefen, während die Zuschauer weiter pfiffen und buhten, was das Zeug hielt. Außerhalb des Stadions rollte eine Solidarisierungswelle rund um den Globus an; Menschen meldeten sich, die den armen Franzosen am liebsten in den Arm genommen und jedem einzelnen der bösen Zuschauer eine Ohrfeige gegeben hätten. 

 

Soweit die allgemeine Anweisung: Heult nur! Jetzt wird es ein wenig spezifischer.

 

Inakzeptabel sind Tränen aus Ehrgeiz oder Frustration

 

Es gibt da nämlich durchaus Unterschiede, die unglücklicherweise für euch Männer auch etwas strenger ausgelegt sind als für uns Frauen.

Wir sind durchaus empfindlicher gegenüber männlichen Heulsusen als weiblichen. Das ist unfair. Aber eine Tatsache. Wenn ihr euch also den großen Zeh am Stuhl gestoßen habt, wären wir euch sehr verbunden, wenn ihr das mit euch selbst ausmacht und vielleicht keine irre Szene veranstaltet.

 

Genauso wenig akzeptabel sind Tränen, die ihr aus Ehrgeiz und Frustration vergießt. Also nur, weil ihr nicht genauso viele Kilos stemmen könnt wie euer Kumpel, oder weil euer Boss nicht euch, sondern den Kollegen befördert hat, müsst ihr uns nicht die Hucke voll heulen. Wandelt euren Frust lieber in kreative Bahnen. Malt halt was oder haut auf einen Holzklotz ein.  

   

Wenn ihr dagegen traurig seid und weint, weil zum Beispiel euer bester Freund schwer erkrankt ist oder ihr zum ersten Mal realisiert, dass eure Eltern älter werden und vielleicht demnächst nicht mehr da sind. Und dann weinen müsst. Dann müsst ihr das unbedingt tun und zwar in unserer Anwesenheit. Denn Weinen hilft tatsächlich oft. Wenn auch nur dabei, mal wieder den ganzen Rotz aus den Hirnwindungen rauszuspülen.

 

Kleine Einschränkung hier:

Wenn wir euch nicht besonders gut kennen und ihr heult dann los, dann macht uns das sehr, sehr unsicher und wir unterstellen euch (gemein, aber wahr), dass ihr auch sonst eure Emotionen nicht so richtig im Griff habt. Aber kommt nach meiner Erfahrung auch nur ausgesprochen selten vor.

 

Wenn wir euch aber schon länger und gut kennen und ihr uns genug vertraut, uns auch an euren traurigsten und schwächsten Momenten teilhaben zu lassen, dann ist das der größte Vertrauensbeweis überhaupt und wir wissen das zu schätzen. Probiert es halt mal. In der Regel sind wir ziemlich gute Trösterinnen, Streichlerinnen und Wieder-Aufbauerinnen – wir habe da im Laufe unseres Lebens eine gewisse Expertise erlangt.

 

Was ihr dagegen echt für immer und ewig bleiben lassen solltet: ganz auf Tränen zu verzichten. Das lässt euch nicht stark erscheinen, sondern gefühllos und tumb und tatsächlich auch ein bisschen zu dumm, um tiefer gehende Gefühle zu empfinden.

 

Eure Mädchen.

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