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Mädchen, wie viel sozialer Druck steckt hinter eurer Klamottenwahl?

Und muss es manchmal ein Hosenanzug sein?
Von Jakob Biazza und Nadja Schlüter
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    Foto: Armin Staudt-Berlin / photocase.de

Liebe Mädchen,

 

ich dachte mir, ich verändere heute mal euer Leben. Grundlegend. Nachhaltig. Quasi mit einem Fingerschnippen. Achtung, jetzt: Hosenanzug! Damit könnt ihr nämlich alles werden. Sogar US-Präsidentin. Gern geschehen.

 

Auf die Idee gebracht hat mich die Instyle. Die Amerikanische. Die hat sich nämlich mit Hillary Clinton beschäftigt, was bedeutet, dass sie sich jetzt nicht direkt mit Hillary Clinton, dem Menschen, oder Hillary Clinton, der Politikerin, beschäftigt hat, sondern erst mal mit Hillary Clinton, der Trägerin von Kleidung. Es wird dafür aus einem Buch über die Präsidentschaftskandidatin zitiert. Und zwar unter anderem dieser denkwürdige Satz: „Es fing alles – womit auch sonst – mit einem Hosenanzug an.“

Und nicht nur das. Es geht auch noch eine Zeitlang mit einem Hosenanzug weiter in dem zitierten Buch. Frauen – sagt das Buch – würden, mit Blick auf Hillary Clinton, staunen, wie die, allein mit ihren Klamotten, ein Bild abgibt, „das alles sagt, was gesagt werden muss“.

 

Staunt ihr, was? Ich sage ja: Hosenanzug!

 

Und dann sage ich: Gibt’s in Deutschland auch so oder so ähnlich, dieses Phänomen, bei Frauen die besondere Aussage ihrer Kleidung zu analysieren. Für Angela Merkel, die „Stilikone in Longblazer und Jackett“ (Stylight), finden sich zum Beispiel Tortendiagramme, welche Farben sie am häufigsten trägt und in welchen sie mit der SPD verhandelt (nicht rot).

 

Und dann sage ich noch: Gibt’s möglicherweise auch in unseren Köpfen, dieses Phänomen. Vielleicht war ich wegen dieses Textes hier in meiner Wahrnehmung gelenkt. Aber auch mir ist gestern aufgefallen, dass die sonst ja eher auch turnschuhig moderierende Dunja Hayali für ihren „Donnerstalk“ gestern Hochhackige in Cremefarben getragen hat.

 

Das wäre also die Wahrnehmungsebene. Und die fußt aber auch auf einer recht einfachen Tatsache: Ihr könnt mit euren Klamotten auch deutlich mehr aussagen als wir. Ich würde mal behaupten, dass wir mit der Frage „Anzug oder kein Anzug?“ schon mal den Rahmen abgesteckt haben. Klar können wir dann noch variieren, ob er gut geschnitten ist oder nicht, oder ob wir Chinos oder Jeans oder T-Shirt oder Hemd oder Sacko machen. Aber die Aussage bleibt am Ende trotzdem relativ zweigeteilt: Eher locker oder eher steif. Und ein bisschen Graustufen dazwischen.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass das unheimlich interessant ist. So: Kleiderschrank auf und wie fühle ich mich denn heute?

 

Ihr hingegen: Rock, kein Rock, kurz, lang, Ausschnitt, hochgeschlossen, schulterfrei, hohe Schuhe, Sneaker, Ballerinas, Hosen, Kleider, Blusen, T-Shirts, Tank-Tops, BH, kein BH, weit, tailliert, bauchfrei, verspielt, luftig, streng, professionell und so weiter. Und alles, glaube ich, wird behandelt, als würde es sehr viel über euch aussagen.

 

Ich könnte mir vorstellen, dass das ganz schön Druck aufbaut, bei der Klamottenwahl. Morgens vor der Uni oder der Arbeit. Und wahrscheinlich auch abends vorm Weggehen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, positiv und aktiv gedreht quasi, dass das unheimlich interessant ist. So: Kleiderschrank auf und wie fühle ich mich denn heute und was will ich der Welt denn über mich im Allgemeinen und im Speziellen mitteilen gerade? In welche Situationen könnte ich denn heute so kommen? Und wie helfen mir da welche Schuhe, Rocklängen, Blusenfarben, T-Shirt-Schnitte, zu signalisieren, was ich eben signalisieren will? Könnte mir vorstellen, dass euch das Spaß macht.

 

Könnte mir aber auch vorstellen, dass ihr gleich sagt, dass die Welt vielleicht schon eine bessere wäre, wenn Idioten wie ich sich nicht die Köpfe über eure Röcke zerbrechen würden. Weil ihr, wenn ihr nicht gerade im Fernsehen moderiert oder Präsidentin werden wollt, einfach das anzieht, was gerade noch gewaschen ist.

 

Sagt also mal.

Eure Jungs

Die Mädchenantwort: 

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

wenn ich mich recht erinnere, fing es mit dem Abi-Ball an. Da stellte sich mir zum ersten Mal die Frage: Kleid oder Rock oder Hosenanzug? Flache Schuhe oder mit Absatz? Und wie kann ich mich schick anziehen, ohne zu frieren? Ich trug dann aus verschiedenen Gründen (Angst vor Over-Dressing und eine gewisse „Mit deinen Beinen solltest du keinen Rock tragen“-Anmerkung aus meinem näheren Umfeld) tatsächlich einen schrecklich spießigen Hosenanzug. Andere Mädchen aus meinem Jahrgang auch, wieder andere ein Kleid oder eben einen Rock und Bluse – und es gab sogar welche, die bei der Zeugnisvergabe einen Hosenanzug und bei der anschließenden Feier ein Kleid trugen.  Auf dem Abi-Foto sieht man dann auch an den Mädchen alle Farben und Formen von Stoff. An den Jungs hingegen: dunkler Anzug, dunkler Anzug, noch ein dunkler Anzug, bisschen hellerer Anzug, daneben und dahinter und davor: dunkle Anzüge. Und mit diesem Bild wurden wir dann in die Welt entlassen.

Von daher: Ja, wir haben mehr Auswahl, was einserseits sehr schön ist (ehrlich, ich würde meistens nicht mit euch tauschen wollen, vor allem im Sommer nicht!), andererseits aber natürlich auch anstrengend sein kann. Vor allem immer dann, wenn es um „Seriosität“ geht, um „irgendwo auftreten“, um „präsent sein“. Weil es als Mädchen und/oder Frau wieklich immer noch etwas mehr Eindruck macht, wie man angezogen ist. Es wird auch eher beurteilt – denn während Hillary Clintons und Angelas Merkels Outfits durchanalysiert werden, ebenso wie die sämtlicher anderer Politikerinnen und sonstwie bekannter Frauen (was ein Aufruhr neulich, um Michelle Obamas – wirklich sehr schönes – Kleid!), schert sich da bei Männern keiner drum. Also machen wir uns automatisch mehr Gedanken darüber, in welchem Outfit wir wie wirken. Wir kennen es ja nicht anders.

 

Das führt dann so weit, dass wir uns überlegen, in welcher Kleidung wir bei diesem oder jenem Termin wohl die besten Chancen haben, ernstgenommen zu werden. Ist ja leider immer noch so, dass man es als junge Frau da je nach Umfeld nicht immer ganz leicht hat. Klar, als junger Mann auch nicht immer, aber ihr wisst schon, was ich meine, es gibt da noch Unterschiede. Und ich glaube, darum haben die meisten von uns so etwas wie ein (sorry für Frauenzeitschrifts-Jargon) „seriöses Wohlfühl-Outfit“, von dem wir wissen, dass wir darin nicht nur professionell aussehen, sondern uns auch so fühlen. 

 

Manchmal ist es auch nur ein Detail, das dieses Gefühl ausmacht, eine bestimmte Hose oder diese eine Bluse. Bei einer (kleinen, sehr jung aussehenden) Freundin von mir, die Lehrerin ist, sind es zum Beispiel die Schuhe: In ihrer Freizeit trägt sie immer Turnschuhe, im Unterricht aber Schuhe mit Absatz – damit sie erstens ein bisschen größer ist und sich zweitens von ihren Turnschuh-tragenden Schülern abhebt.

 

Manche fühlen sich halt schneller nackt als andere

 

Nun hast du aber auch noch das klassischste aller Frauen-Klamotten-Themen angesprochen: die Sache mit der Haut und wie viel davon. Also Rocklänge, Ärmelgestaltung, Ausschnitttiefe. Da kommen wir nun aber doch schon sehr weit in den Geschmacks- und Gewohnheits-Bereich hinein. Manche fühlen sich halt schneller nackt als andere. Das hat dann damit zu tun, wie wohl man sich in seinem Körper fühlt oder wie man erzogen wurde – und ob eine besonders strenge „Mit dem Ausschnitt gehst du mir nicht aus dem Haus“-Politik der Eltern eher zu lebenslanger Hochgeschlossenheit oder zu einem rebellischen Gegenschlag geführt hat.

 

Fakt ist: Je weniger Haut, desto weniger Risiko, blöd angequatscht, von irgendjemandem um einen keuscheren Kleidungsstil gebeten oder ein Opfer von Slut-Shaming zu werden. Fakt ist aber auch: Das alles sind keine Gründe, weniger Haut zu zeigen, wenn man Lust drauf hat, viel davon zu zeigen. Aber natürlich schwingt auch dieses Spannungsfeld bei unserer Klamotten-Auswahl immer irgendwie mit.  Am Ende wird die allerdings, wie du ja schon sagtest, auch sehr stark davon mitbestimmt, was gerade noch gewaschen ist. Und bequem.

 

Zum Thema Hosenanzug wäre noch zu sagen: Verstehe nicht, wie du uns damit das Leben leichter machen willst?! Denn ein Hosenanzug mag zwar Anzug heißen – aber er ist eben keiner. Da gibt es himmelweite Unterschiede. Und mal ganz davon abgesehen, dass sie uns ganz sicher nicht einfach so zur Präsidentin machen, schützen auch Hosenanzüge nullkommanull davor, beurteilt und durchanalysiert zu werden. Als Mann am Rednerpult trägst du einfach einen Anzug und alle werden darauf hören, was du sagst. Du bist dann nur noch Stimme und Gehirn. Körper und Jackett egal. Als Frau am Rednerpult gibt es aber keine Möglichkeit, nur Stimme und Gehirn zu sein. Du bist immer auch Körper und Outfit.

 

Jetzt aber Wochenende und Jogginghose.

Eure Mädchen

Was die Jungs sich sonst noch so fragen:

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