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Mädchen, ist feministische Mode cool?

Oder eine kalkulierte Anbiederung der Modeindustrie?
Von Quentin Lichtblau und Charlotte Haunhorst
  • jungsfrage feminismus
    cosendolas / photocase.de

Liebe Mädchen, 

 

heutzutage ist ja gefühlt jeder Feminist, zumindest innerhalb unserer fröhlich-liberalen Filterblase. Und das ist ja erst einmal super. Sobald aber eine politische Haltung zum Trend wird, muss man auch mal kritisch werden und fragen, wie viel Politik eigentlich noch dahintersteckt. Der Vorwurf: Der Kampf für Frauenrechte verkommt zum hohlen Fashion-Statement, das emanzipatorische Denken weicht einem "Lifestyle-Feminismus", wie zum Beispiel die Autorin Jessa Crispin kürzlich in ihrem Buch "Why I Am Not a Feminist" kritisiert.

 

Auch die Mode-Industrie surft gerade kräftig mit auf der Feminismus-Welle und feiert sich selbst mit Equality-Kampagnen zum Weltfrauentag. Dazu gibt es dann passende Shirts mit bekannten Sprüchen wie "my pussy, my choice!" oder dem Cover von "Das zweite Geschlecht".

Natürlich ist es erst einmal gut, dass Modeketten ihre Damen-Klamotten nicht länger ausschließlich mit "sweet princess" oder "girls just wanna have fun"-Aufdrucken bestücken. Und eigentlich ist es ja auch zu befürworten, wenn der Kampf für Frauenrechte "in" wird.

 

Aber gerade bei einer Industrie, die nicht unbedingt für ihren politischen Ambitionen, sondern das geschickte Aufsaugen gesellschaftlicher Trend-Lagen und deren profitorientierter Ausbeute interessiert ist, stellt sich uns da die Frage: Macht ihr da gerne mit? Feiert ihr die Hersteller für ihre Equality-Werbespots?

 

Oder gibt es da bei euch immer die Keep-it-real-Feministin in eurem Hinterkopf, die sagt: "Mädchen, lass dich nicht verarschen"? Und was sagt die dazu, wenn eure 12-jährige Cousine mit einem "No more patriarchy!"-Top auf die Familienfeier kommt? Ist doch auch wieder cool, oder?

 

Oder nicht?

 

Eure Jungs

 

Die Mädchenantwort:

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

der erste Impuls ist ja immer erst mal: Empörung! Hätte Simone de Beauvoir das wohl gewollt? Dass eine Modekollektion nach ihr benannt wird? Eine, bei der ein weißes T-Shirt mit ihrem Vornamen darauf 40 Euro kostet? War das die ganze Zeit das perfide Kalkül hinter ihrem berühmten Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ – dass man den längentechnisch gut auf ein T-Shirt drucken kann?

 

Ich bezweifle das. Simone de Beauvoir war Existenzialistin und dem Kommunismus zugewandt, beides keine Strömungen, die dafür bekannt wären, den sinnlosen Konsum zu feiern.  Und sobald eine revolutionäre Idee im kapitalistischen Mainstream angekommen ist, verliert sie ihre Wucht. Feministische Mode und eine politische Botschaft - das geht also nicht zusammen, oder?

 

Genau da kommt meine Empörung ins Stocken. Denn stimmt das eigentlich? Ist Mode automatisch oberflächlich und belanglos, weil sie sich jeder, der zumindest das notwenige Kleingeld hat, überstülpen kann? Sind feministische Shirts wirklich schlecht, weil man keine tiefe Überzeugung braucht, um sie tragen zu dürfen? Verkürzt formuliert: Sollten „echte“ Feministinnen diese Shirts vielleicht nicht sogar „verachten“, da man eine politische Überzeugung eben nicht zufällig an der Kleiderstange findet?

 

Tatsächlich empört mich auch dieser Gedanke. Denn was wäre das für ein Feminismus, für den man eine exklusive Zugangskarte braucht? Definitiv keiner, den ich unterstützen würde. Das würde ja bedeuten, dass Frauen seit Jahrhunderten für Gleichberechtigung kämpfen um dann am Ende doch wieder zu sagen: „Die Welt unterteilt sich aber trotzdem weiterhin in oben und unten, in gute Feministinnen und schlechte Feministinnen." Dabei ist es doch so wichtig, zusammenzustehen, natürlich auch mit euch, den Jungs.

 

So eine Spaltung kann also niemand ernsthaft wollen und sie erinnert mich auch stark an die Alt-68erinnen, die jetzt in Talkshows sitzen und schlechtgelaunt jungen Feministinnen sagen, dass „diese Bewegungen im Netz“ ja auch nichts Richtiges sein und sie den Feminismus ja auch viel besser verstanden hätten, als alle anderen. Nein, nein. So wollen wir nicht werden.

 

Also noch einmal zurück zum Anfangsgedanken: Vielleicht ist Mode mittlerweile gar nicht mehr nur sinnloser Konsum. Vielleicht ist der Körper einer Frau, versehen mit einem politischen Statement, seien es die nackten Brüste der Femen-Aktivistinnen oder Frauen, die beim Woman’s March on Washington T-Shirts mit Sprüchen wie „Get your politics out of my pussy“ oder „Grab democracy by the balls“ genau das, was diese Zeit ausmacht: Dass jeder beim Feminismus mitmachen darf, insofern die Grundmessage rüberkommt: Das Frauen verdammt noch mal in allen Belangen des Lebens mit Männern gleichberechtigt sein müssen. Und wenn die Menschen, bei denen das noch nicht angekommen ist, das jetzt gedruckt auf ein 40 Euro T-Shirt oder mit Fingerfarben handgemalt auf einem Second-Hand-Top häufiger lesen und dadurch anfangen, darüber nachzudenken, ist das doch für alle ein Gewinn.

 

Also liebe Jungs: Sagt euren 12-jährigen Cousinen ruhig, dass sie das "No more patriarchy"-Top bei der Familienfeier anziehen sollen. Wir supporten das. Wenn ihr dann auch noch mitmacht, gleich doppelt!

 

Eure Mädchen

 

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