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Mädchen, wann sind nackte Brüste gut?

Mal gelten Fotos von nackten Frauen als emanzipiert, mal als sexualisiert-objektifizierend. Wo liegt die Grenze?
Von Quentin Lichtblau und Charlotte Haunhorst
  • jungsfrage jetzt
    Illustration: Lucia Götz

Die Jungsfrage

 

Liebe Mädchen,

 

wir sind mal wieder verwirrt: Nach nur einem Jahr ohne Brüste will der US-Playboy bald wieder nackte Frauen in seinem Heft haben. Bei der Entscheidung vor einem Jahr hieß es noch, sie seien "altbacken",  jetzt sagt Playboy-Oberhengst Cooper Hefner, sie seien "normal". Es komme irgendwie darauf an, wie man sie zeigt.

Zwischen "altbacken" und "normal" gibt es ja eine Menge Spielraum, und da wir uns mit beiden Begriffen nicht zu 100 Prozent wohlfühlen, muss die Wahrheit wohl dazwischen liegen. Uns fällt es allerdings ziemlich schwer, eine Haltung einzunehmen, die der Normalität von Brüsten UND der gefühlten Altbackenheit ihrer Darstellung gleichzeitig gerecht wird.

 

Natürlich ist es altbacken, wenn jemand nackte Brüste neben Autos und Männernippes stellt und daraus ein Magazin macht, weswegen die meisten von uns nach ihrem zwölften Lebensjahr nur selten einen Playboy in den Händen gehalten haben. Dass es dem Playboy irgendwie gelingt, eine Feminismus-kompatible Version seiner selbst zu werden, halten wir deshalb für ziemlich ausgeschlossen.

 

Auf der anderen Seite ziehen sich die meisten der abgebildeten Frauen ja freiwillig aus, was natürlich ihr gutes Recht ist. Und wenn es dazu noch irgendeine B-Prominente ist, gibt die meistens auch gleich noch eine "Ich wollte kraftvolle Bilder schießen, ich bin jung und schön, das zeige ich mal meinen Enkeln"-Erklärung dazu. Und das finden dann wieder viele von euch gut.

 

Ihr sagt: Niemand sollte sich für seinen Körper schämen müssen und dürfe damit tun und lassen, was er oder sie will. Auch blondierte Frauen mit Silikonbrüsten, Stripperinnen und Nacktmodels könnten Feministinnen sein. Und das klingt gut und richtig. Manche von euch argumentieren sogar, der Playboy sei eine Ikone des Feminismus, weil die abgebildeten Frauen angeblich mit ihrem Blick den glotzenden Männern ein selbstbewusstes "Ich mag Sex, genau wie du!" entgegenschmettern.

 

Währenddessen befeuern uns auf Instagram Miley Cyrus und Rihanna mit Nackt-Selfies. Und die einzige, die darin noch einen Widerspruch zum Feminismus sieht, ist Alice Schwarzer, die irgendwas von PornNO! zetert. Das klingt dann tatsächlich altbacken.

 

Sind Fotos von nackten Brüsten also tatsächlich immer "normal" oder sogar super? Und wenn nein: Wann nicht? Wo liegt für euch die Grenze zwischen selbewusstem Nippel-Empowerment und der Objektifizierung des weiblichen Körpers? Was ist der Unterschied zwischen "nude-positive" und "sexistischer Kackscheiße"? Und wenn zweiteres vorliegt, wer ist dann "schuld": Der Fotograf, das Model, der Betrachter oder alle?

 

Ihr antwortet darauf oft, wie jetzt auch Hefner, dass das alles eine Frage der Inszenierung sei. Aber lässt sich nicht jede unterwürfig-sexistische Pose auf einem Werbeplakat oder Playboy-Foto zugleich als eine "feierliche Umarmung weiblicher Sexualität" umdeuten und umgekehrt?

 

Bitte mal aufklären,

 

eure Jungs

 

PS: Dass es mehr Fotos von nackten Frauen als von uns Männern gibt, ist uns bewusst. Um diese Unverhältnismäßigkeit soll es hier aber mal nicht gehen.

 

PPS: Privatfotos, die irgendein Arschloch ins Netz leakt, sind natürlich auch nicht gemeint.

 

Die Mädchenantwort

  • maedchenfrage

Liebe Jungs,

 

bei der Ankündigung des Playboys, jetzt doch wieder Nacktfotos zu zeigen, musste ich automatisch an eine Aktion der BILD-Zeitung aus dem Jahr 2012 denken. Die schaffte damals das „BILD-Girl“ ab, eine nackte junge Frau auf der Titelseite. Also natürlich nicht wirklich: Die Nackte wanderte einfach nur in den Innenteil der Zeitung. Wer Titten sehen will, muss jetzt mehr blättern oder eben scrollen. Diese Maßnahme wurde damals als Resultat eines intensiven Denkprozesses der Redaktion am Weltfrauentag verkündet, die Message dahinter war eindeutig: Auch die BILD ist in der Moderne angekommen, Titten erst ab Seite zwei ist ihr Beitrag zur Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.

 

Heute, knapp fünf Jahre später, kann man wohl mit Überzeugung sagen: Die BILD ist immer noch kein Sturmgeschütz der Frauenbewegung, der Playboy ebenfalls nicht. Dabei propagieren die etwas, das wir – wie du ja richtig erkannt hast – eigentlich gut finden sollen: Nacktheit als Zeichen der Selbstbestimmung einer Frau über ihren eigenen Körper und damit auch über ihr Leben. Wo ist also das Problem?

 

Die Antwort auf diese Frage ist, wie wohl bei so vielen Konflikten zwischen Jungs und Mädchen, eine der Macht. Wer interpretiert denn, was Selbstbestimmung ist? Was ein Fortschritt für die Gleichberechtigung ist und was nicht? Da würde man jetzt natürlich automatisch sagen: Natürlich wir, die Frauen. Diejenigen, die sich ausziehen oder eben beschließen, ihre Klamotten anzubehalten. Stimmt aber nicht. Wie du ja selbst sagt: Im Falle des Playboy war es Cooper Hefner, ein Mann, der uns die Interpretation liefert, was Nacktheit heutzutage bedeutet. Damals bei der BILD war es Kai Diekmann.

 

Ohne da jetzt in die leidige Diskussion um Frauen in Führungsfunktionen abzudriften: Jungs, so läuft das nicht.

 

Denn das ist eben der Unterschied zu einem #freethenipples-Selfie von Miley Cyrus oder Rihanna: Die entscheiden selbst, dass sie das so veröffentlichen und welche Message wir dabei bitte kapieren sollen. Die Frauen im Playboy oder in der BILD tun das sicher auch freiwillig, aber dass wir das als Zeichen der Befreiung verstehen sollen, erklären uns die Männer. Und das nervt.

 

Um es noch einmal explizit zu sagen: Den meisten Frauen, die ich kenne, sind nackte Frauen in Magazinen, auf Instagram, ja sogar in Pornos ziemlich wurscht (ergo, ich kenne Alice Schwarzer leider nicht persönlich). Denn so lange die Frauen sich freiwillig nackt in Lagunen räkeln oder es vor der Kamera treiben, ist das ihr Ding. Mir ist dabei sogar egal, ob sie objektifiziert werden oder unfeministisches Zeug reden, so lange sie selbst über dieses Bild entschieden haben, und eben nicht ein anderer für sie. Und da kann man sich, kleiner Exkurs zu deinem PS, auf Instagram bei Miley Cyrus, Rihanna, Emily Ratajkowski oder wie sie alle heißen, sehr viel sicherer sein, als bei gestohlenen Nacktfotos oder illegal hochgeladenen Amateurpornos.  

 

Ärgerlich ist für uns also nicht Nacktheit an sich, sondern die Frage, wer sie für uns interpretiert. Und wenn das nicht die Frauen selbst tun, sondern irgendwelche Medienheinis, die damit ihr Image aufpolieren wollen, reicht uns das nicht. Denn nein, um etwas für Gleichberechtigung zu tun, reicht es nicht, nackte Frauen zu zeigen. Dazu gehört eine gewisse Einstellung gegenüber Frauen in allen Bereichen des Lebens, nicht nur, wenn sie textilfrei unterwegs sind. Wenn sich dieser Gedanke bei euch durchgesetzt hat, kaufen wir euch auch gerne ein Playboy-Jahresabo. Deal?

 

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