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"Ich freue mich noch immer nicht, schwanger zu sein"

zimt_stern / photocase.com

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Janina, 28 Jahre alt, kommt aus der Nähe von München und promoviert in Biologie in der pharmazeutischen Forschung. Seit 4 Monaten ist sie schwanger und hadert seitdem mit sich selbst, der Zukunft als kleine Familie und den Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn. Sie liebt Reisen und Musik, beschäftigt sich viel mit Feminismus und schreibt zwischendurch Gedichte, Gedanken oder Geschehnisse in ihrem Notizbuch nieder.

„Es sind nun fast 4 Monate vergangen. Schwanger. Noch immer kann ich mich nicht daran gewöhnen. Nicht, weil man ja in der Schwangerschaft auf einer Achterbahn der Hormone fährt, mal Höhen und Tiefen hat. Die Achterbahnfahrt kenne ich nicht. Genauso wenig wie all die anderen negativen Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft. Übelkeit? Nicht an einem einzigen Tag. Krämpfe? Bisher ausgeblieben. Seltsame Gelüste? Beim Gedanken an Gurke mit Nutella wird mir höchstens schlecht, wie vermutlich den meisten Menschen. Schwanger? Ich? Fühlt sich nicht so an. Kein Gramm mehr, kein Bäuchlein, gar nichts. Und doch wächst da etwas in mir heran. Nicht spürbar und doch da. Warum ich mich noch immer nicht daran gewöhnen kann? Es ist schwer zu erklären. Ich versuche es:

Ich bin 28 Jahre alt und gerade dabei, meine Promotion abzuschließen. Die Entscheidung, ein Kind zusammen mit meinem Mann zu bekommen, ist bewusst gefallen. Wir wollen ja beide ein Kind. Dachte ich. Der Zeitpunkt war prima. Doktorarbeit abgeben, Baby bekommen, ein halbes Jahr Elternzeit, dann bewerben und wieder arbeiten. Mein Mann würde das zweite halbe Jahr betreuen, danach würde es in die Ganztags-Kita gehen. Soweit ein guter Plan –auch wenn er vorher eigentlich etwas anders aussah: Promotion abschließen, Job suchen, das erste Mal ordentliches eigenes Geld verdienen und endlich all die Reisen machen, nach denen ich mich so lange sehne. Backpacken durch Vietnam, Indonesien und Kambodscha. Roadtrip entlang der Westküste der USA. Amazonas-Tour in Brasilien und Safari in Afrika.

Dann: Kind. Und zwar genau eins. Das ist unkomplizierter als zwei

Und jetzt? Kommt alles ganz anders. Auch noch durch eine bewusste Entscheidung. Die sehr schnell gefallen ist. Wie eine Kurzschlussreaktion – so kommt es mir zumindest heute vor. Waren wir uns doch im Juni vergangenes Jahr so sicher, dass wir noch warten wollen. Eben bis wir all diese Dinge erreicht hatten, die ursprünglich auf meiner Liste standen. Und auf einmal war ich im November bereits schwanger. Warum?

Das weiß ich selbst nicht so genau. Einige Bekannte von uns haben kleine Kinder, vielleicht haben wir uns anstecken lassen. Dachten für einen Moment, jetzt wäre doch eigentlich ein guter Zeitpunkt. Der Gedanke, jung Eltern zu werden war sehr schön, denn obwohl wir unsere Zukunft zunächst etwas anders geplant hatten, wollten wir auch nicht mit Mitte 30 das erste Kind bekommen. Doch als ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, fühlte sich das nicht gut an. Eher wie das Ende der Welt.

Ich will das nicht

Was hatte ich getan? Mein Mann freute sich riesig. Und ich hatte einfach nur einen dicken Panik-Kloß in meinem Hals. Freute mich zwar. Weil man das ja “muss”, oder? Aber irgendwie eben auch nicht. Naja, sagen jetzt viele, man braucht eben Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. Ein Kind verändert alles. Das darf Angst machen. Ja, natürlich darf es das. Aber vier Monate später sitze ich hier und meine Gedanken sind die gleichen wie nach dem positiven Schwangerschaftstest.

Ich weiß, ich werde das Kind lieben, klar, oder? Aber ich freue mich noch immer nicht, schwanger zu sein. Um genau zu sein: ich finde finde es furchtbar. Ich weiß, nicht allen geht es in der Schwangerschaft so gut wie mir, das sollte ich zu schätzen wissen. Und das tue ich auch. Aber der Gedanke, dass ich bald nicht mehr selbst entscheiden kann, dass ich fremdbestimmt werde, Kontrolle und Freiheit verliere, dieser Gedanke erdrückt mich.

Dazu kommen die körperlichen Veränderungen. Ich mag mich. Genau so, wie ich bin. Ich finde meinen Körper schön. Und zwar auch genau so, wie er jetzt ist. Ich habe Angst, mich als Schwangere eben nicht mehr schön zu finden, nicht mehr zufrieden mit mir zu sein. Einen kugelrunden Bauch watschelnd vor mir her zu schieben, nicht mal meine eigenen Füße zu sehen, und die Gefahr, mich hinterher nicht mehr so zu mögen wie ich bin, ängstigt mich. Eine Scheiß-Angst ist das. Ich will das nicht. Will nicht diese Angst haben müssen. Doch nun ist es zu spät. Unumkehrbar, und ich versuche jetzt, mit meinen Gefühlen klarzukommen. Mit der Tatsache, dass ich doch eigentlich gar kein Kind will. Nicht jetzt zumindest. In fünf Jahren, das wäre super.

Alle freuen sich für dich, das ist was Schönes. Aber eben nur, wenn man sich selbst auch freut. Ich empfinde die Freude der anderen einfach nur als belastend. Denn ich schiebe den Gedanken, schwanger zu sein, weit von mir. Will nicht darüber reden und nichts damit zu tun haben. Gleichzeitig habe ich mich über die Schwangerschaft und die Zeit nach der Geburt informiert. Ich will schließlich nur Gutes für das Baby. Ich weiß, was ich in der Schwangerschaft essen darf und was nicht. Selbstverständlich rauche und trinke ich nicht, mache Sport, den man als Schwangere eben so machen darf. Doch außer diesen rationalen Fakten möchte ich nichts wissen.

“Denn ich möchte niemandem die Vorfreude auf das Baby nehmen”

Ich fühle mich wie eine Schauspielerin, eine Heuchlerin. Jedes Mal, wenn mein Mann verzückt auf das Ultraschall-Bild beim Frauenarzt schaut und freudig ruft, er könne noch immer kaum glauben, Vater zu werden. Mein Lachen dabei ist gequält und ich habe Angst, dass man mich durchschaut. Ich vertraue meinem Mann, liebe ihn über alles. Und genau deswegen ist es schwierig, ihm ehrlich meine Situation zu erklären. Denn ich will auch niemandem die Vorfreude auf das Baby nehmen. Besonders nicht meinem Mann. Ich möchte, dass er die Zeit der Schwangerschaft seines ersten Kindes als schön in Erinnerung behält und sich nicht die ganze Zeit mit der Frage quält, ob ich damit glücklich bin und was er hätte besser machen können. Das Problem ist ja in mir drin, er ist für mich da, das ist alles, was er tun kann.

Am Ende bedeutet das aber, mit niemandem reden zu können. Ich habe es einmal versucht. Mit meiner Mutter. Erwartungsgemäß hat sie mich nicht verstanden. Dass ich mich noch nicht bereit für ein Kind fühle und keine Freude dafür aufbringen kann, das solle ich doch besser für mich behalten, denn sonst stünde ich ja da wie eine Rabenmutter. Tja, soviel zu Verständnis. Und ich frage mich ernsthaft, ob es keine anderen Frauen gibt, denen es so geht wie mir? Nach diesem Gespräch beschäftigte mich die Rolle der Frau als Mutter in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft nur noch mehr.

 

 

Kind oder Karriere

 

Ich würde mich selbst als Feministin bezeichnen. Ich habe eine gute Ausbildung, für mich war immer klar, dass ich arbeiten gehen werde und dass Hausarbeit und das Aufziehen von Kindern gleichberechtigt zwischen mir und meinem Partner aufgeteilt werden. Glücklicherweise habe ich den passenden Partner dazu gefunden. Jemanden, der sich selbst als Mann auch als Feminist bezeichnen würde. Für viele Männer ist das ist heute noch immer keine Selbstverständlichkeit. Die meisten verstehen zwar heutzutage schon, dass Frauen nicht hinter den Herd gehören, was das aber als Konsequenz für sie selbst bedeutet – eben auch einen Karriereknick, weil man sich die Elternzeit im besten Fall gleichberechtigt aufteilt –  das haben nach meiner Ansicht die wenigsten dann verstanden.

 

Mir ist mein Beruf wichtig. Mein Mann und ich sind sehr gut ausgebildet, beide mit Promotion. Uns geht es gut und das weiß ich sehr zu schätzen. Und doch verstehen die wenigsten Menschen, wieso du als Frau nicht unbedingt dein Berufsleben für ein Kind an den Nagel hängen willst. Männer werden ja in der Regel nicht gefragt, warum sie nicht mindestens drei Jahre zu Hause bei dem Kind bleiben, um dort tagtäglich bunte Spielklötze aufzubauen. Ich finde es toll und bewundernswert, wenn Mütter oder Väter voll für ihre Kleinen da sind, doch ich persönlich würde damit auf Dauer nicht gut zurechtkommen. Und wehe eben, wenn ich als Frau dann wieder Vollzeit arbeiten gehen möchte. Und das sogar schon ganz sicher vor der Geburt des Kindes weiß! Dann wird mir natürlich die Mündigkeit abgesprochen, mit Sätzen wie „Wart’s nur ab, du wirst gar nicht mehr arbeiten wollen“ oder Aussagen wie „Du arbeitest doch nur Vollzeit, um es allen zu zeigen, zu beweisen, dass es als Frau prima machbar ist!“ Surprise, surprise, es IST als Frau genauso prima machbar wie bei einem Mann.

 

Leben und leben lassen

 

Alles was ich als Feministin möchte, ist, dass jeder tun und lassen kann, was er oder sie möchte – egal ob Vollzeit arbeitende Eltern, Vollzeit-Eltern oder irgendwo dazwischen –  ohne dafür vorwurfsvoll angegriffen zu werden. Ich arrangiere mich gerade noch mit dem Gedanken, überhaupt ein Kind zu bekommen und ich will schon gar nicht einsehen, dass damit ein Großteil meines Lebens vorbei und ich nur noch Mutter sein soll. Ich will Reisen – am liebsten mit Mann und Kind – und das nicht nur an den Strand von Rimini oder ins Ferienhäuschen an der Ostsee.

 

Die Welt ist viel zu groß dafür und ich bin viel zu neugierig. Ich will unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen und einen Beruf ausüben, für den ich lange ausgebildet worden bin. Und erst recht will ich finanziell von keinem Mann abhängig sein. Ich will das Kind bekommen und weiß gleichzeitig nicht mal sicher, ob ich Muttersein überhaupt will. Ich möchte einfach eine Mama sein, die mit ihrem Leben glücklich und zufrieden ist und die hofft, dass dadurch auch ihr Kind glücklich wird. In allererster Linie will ich diese Schwangerschaft überstehen, ohne mich selbst zu verlieren und hoffe, dass eben manch wahre Worte an den nervigen Sprüchen anderer dran sind: 'Wart’s nur ab: wenn das Kind da ist, kommt es sowieso wie es kommen soll.'“

 

 

 

Dieser Text erschien zuerst auf kleinerdrei.org .

Die Autorin veröffentlichte ihre Geschichte anonym, ihr Name ist uns aber bekannt. 

 

Das ist ein Gemeinschaftsblog, das 2013 von Anne Wizorek gegründet wurde. Zehn feste Autor_innen und sieben Kolumnist_innen schreiben hier regelmäßig über alles, was ihnen am Herzen liegt. Daher auch der Name kleinerdrei, der im Netzjargon für ein Herz steht: eben ein <3. Die Themen reichen dabei von Politik bis Popkultur und werden stets aus einer feministischen Perspektive betrachtet. Im Jahr 2014 wurde kleinerdrei in der Kategorie “Kultur und Unterhaltung” für den Grimme Online Award nominiert. 

 

 

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