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Deutschland, ein tolerantes Land – oder?

Viele Schwule erleben im Alltag regelmäßig offene Diskriminierung.
Von Philip Raillon
  • homophobie jetzt
    Illustration: Lucia Götz

Ein schöner Samstagmittag, irgendwo in einer deutschen Innenstadt. Die Gassen sind gut gefüllt, Kinder schlecken ihr Eis, Erwachsene schlendern mit Einkaufstüten durch die Fußgängerzone. Auch Robert geht durch die Innenstadt. Neben ihm: sein Freund. Sie reden, lachen, schauen sich Schaufenster an – und halten Händchen. Plötzlich ruft jemand „Scheiß Schwuchtel! Schämt ihr euch nicht?!“  Alltagsdiskriminierung wie diese, gibt es regelmäßig und häufig in Deutschland. Bei einer EU-weiten Umfrage gaben 2012 fast die Hälfte aller befragten LGBT-Menschen in Deutschland an, sie seien in den vergangenen zwölf Monaten wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert worden. „Leider bleiben einem diese Sachen nicht erspart“, sagt Robert. 

Und auch Lukas aus Köln muss sich regelmäßig Sprüche anhören, wenn er mit seinem Freund unterwegs ist. „Ekelhaft!“ oder „Hier laufen doch Kinder rum!“ werfen völlig fremde Leute dem 18-jährigen Kölner an den Kopf. Wenn er einen Tag lang in der Innenstadt verbringe, dann kämen solche Sprüche zwei oder drei Mal, sagt Lukas. „Und das in Köln. Einer Stadt, die für ihre LGBT-Szene bekannt ist.“

 

Deutschland ist tatsächlich nicht so tolerant, wie es sich gerne gibt

 

„Gerade der öffentliche Raum und die Freizeit sind stark von Diskriminierung betroffen“, sagt Beate Küpper, Professorin an der Hochschule Niederrhein, die zum Thema Akzeptanz von Homosexualität forscht. Wie passen diese Erzählungen von Betroffenen zum angeblich so toleranten Deutschland? „Deutschland ist tatsächlich nicht so tolerant, wie es sich gerne gibt“, sagt Beate Küpper.

 

Bestes Beispiel ist die sogenannte „Homo-Ehe“: In einigen EU-Ländern gibt es sie, so zum Beispiel in Spanien, Frankreich,  den Niederlanden oder Schweden. In Deutschland? Fehlanzeige. Hier gibt es bislang lediglich die sogenannte „eingetragene Lebenspartnerschaft“. Rechtlich ist diese an vielen Stellen mit der Ehe zwischen Mann und Frau vergleichbar, allerdings darf sie sich eben nicht "Ehe" nennen und genießt auch verfassungsrechtlich keinen besonderen Schutz. Ein weiterer erheblicher Unterschied ist das Adoptionsrecht, das Schwulen und Lesben in Deutschland bisher vorenthalten wird.

Aus Sicht von Oliver Decker, Leiter des Zentrums für Rechtsextremismus und Demokratieforschung in Leipzig, würde allerdings auch die Einführung der Homo-Ehe nicht zwangsläufig etwas an der Homophobie in Deutschland ändern. Es habe zwar in den vergangenen Jahre eine formale Liberalisierung in Deutschland gegeben, die Bevölkerung sei dieser in weiten Teilen aber nicht gefolgt. So wurde 1994 zwar §175 StGB, der sexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte, abgeschafft, die damit verbundene Abneigung, das innerliche Verurteilen von etwas als "unnormal", bestehe aber in weiten Teilen der Gesellschaft fort. Von den noch lebenden rund 5000 Opfern von §175 StGB hat bis heute keiner eine Entschädigung erhalten, ein entsprechender Gesetzesentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas ist bisher nicht umgesetzt worden.

 

Vierzig Prozent der Befragten finden es "ekelhaft", wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen

 

"Homophobie ist auch nicht nachhaltig rückläufig", sagt Oliver Decker. Deckers sogenannter "Mitte"-Studie, zufolge die er vergangenes Jahr mit seinem Institut für die Uni Leipzig durchführte, finden es vierzig Prozent der Befragten "ekelhaft", wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen. Zum Vergleich: Bei heterosexuellen Paaren empfinden lediglich zehn Prozent ein Ekelgefühl. Auffällig ist auch, dass sich die Abneigung stärker auf männliche Homosexuelle bezieht als auf weibliche, wie aus einer aktuellen Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hervor geht, an der auch Beate Küpper beteiligt war.

 

Trotz solcher Werte sieht Beate Küpper Verbesserungen in der Haltung gegenüber Homosexuellen in Deutschland: „Heute stimmen nur noch etwa zehn Prozent der Aussage zu, Homosexualität sei unmoralisch. 2006 waren es noch 23 Prozent.“ Auch habe in den vergangenen 15 Jahren die offene Homophobie deutlich abgenommen – das betrifft die moralische Ablehnung und die rechtliche Gleichstellung“, stellt Beate Küpper fest. Trotzdem warnt auch sie davor, dass aktuelle gesellschaftliche Trends, wie das Erstarken des Rechtspopulismus und der Ausländerfeindlichkeit, schnell zu einem erneuten Anstieg der Homophobie und damit zu einem Anstieg der Diskriminierung führen können.

 

Einen Verbesserungstrend spürten zuletzt auch manche der Betroffenen. „Vor zwei Jahren wurde ich noch häufiger auf der Straße angepöbelt“, berichtet Christian aus dem Ruhrgebiet. „Heute passiert das nicht mehr so oft“, sagt er. Nicht mehr so oft? „Ja, in diesem Jahr erst zwei oder drei Mal“, sagt Christian – da ist es gerade Ende Februar.

 

Ein Grund für diesen gefühlten Rückgang an offener Diskriminierung könnte aber nicht nur die größere Anerkennung in der Gesellschaft sein, sondern auch eine Anpassung der Opfergruppe. Viele Homosexuelle berichten von einer Art Schutzmechanismus, mit dem sie potenziell diskriminierenden Situationen aus dem Weg gehen: „Wenn wir eine Gruppe von Prolls auf uns zukommen sehen, lassen wir automatisch unsere Hände los“, schildert Robert etwa. Andere halten ihren Partner in der Öffentlichkeit bewusst gar nicht an der Hand.   

 

Man muss sich selbst verstellen, nur um Pöbeleien aus dem Weg zu gehen

 

Robert, Anfang 30, findet diese Schutzhaltung, die er an sich selbst und anderen Homosexuellen beobachtet, traurig.  „Man muss sich selbst verstellen, nur um Pöbeleien aus dem Weg zu gehen“, sagt er. Auch bespuckt wurden Robert und sein Freund schon. Spricht man hingegen mit Heterosexuellen, also denjenigen, die potentiell zu den Tätern gehören, hört man schnell Unverständnis für die ganze Debatte heraus. „Ich habe nichts gegen die, aber auch nichts für die. Die sollen sich mal nicht so wichtig machen“, ist Beate Küpper zufolge eine gängige Haltung. Fast die Hälfte aller Befragten gab in ihrer Studie in Zusammenarbeit mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes an, dass Homosexuelle um ihre Sexualität „nicht so einen Wirbel“ machen sollten. „Man sieht daran gut, wie Menschen mit zweierlei Maß rechnen, wenn man nicht selbst betroffen ist“, sagt Küpper.

 

Trotz ihrer Erfahrungen würden Lukas und Robert sich jederzeit wieder zu ihrer Sexualität bekennen. Und auch Christian ist sich da ganz sicher: „Ich bereue mein Outing überhaupt nicht. Ich kann jeden verstehen, der sich das nicht traut. Aber ich würde mich nicht noch einmal verstecken wollen“, sagt er. Er weiß aber auch: Bis sein Wunsch nach einem Ende der regelmäßigen Diskriminierung endlich wahr wird, muss er noch so manche Beleidigung über sich ergehen lassen müssen.

 

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