Homophobie ist kein Luxusproblem

Vor allem wir jungen Menschen müssen den Alten die Augen öffnen.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
Foto: go2/photocase.de

Vor einigen Monaten hatte ich während einer Autofahrt eine langwierige Diskussion mit meinen Großeltern. Wir unterhielten uns über einen langjährigen, sehr guten Freund von mir, der mittlerweile in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebt. Als ich sagte, dass ich mich schon freuen würde, wenn die beiden irgendwann heiraten, sagte mein Opa sinngemäß: "Naja, die Ehe, die ist ja für Mann und Frau." Eingetragene Lebenspartnerschaften, aber bitte ohne Adoptionsrecht, das sei für ihn in Ordnung. Aber mehr? Bitte nicht. "Das ist sicher nicht gut für die Kinder."

Umso passender, dass die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) diesen Donnerstag das „Gleiches Recht für jede Liebe“-Jahr ausgerufen hat. Mit dem Themenjahr soll auf die immer noch in Deutschland existierende Diskriminierung von homo- und bisexuellen Menschen aufmerksam gemacht werden, passend dazu wurde am Donnerstag eine repräsentative Umfrage zur Einstellung der Deutschen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen vorgestellt.

Tatsächlich, und das ist natürlich erst mal eine gute Nachricht, zeigt die Umfrage, dass sexuelle Vielfalt in Deutschland weitgehend anerkannt ist. Sogar für die "Ehe für alle" ist eine Mehrheit von 83 Prozent bereit – ziemlich viele Menschen fänden also eine rechtliche Gleichstellung der Ehe zwischen Homosexuellen mit der von Mann und Frau in Ordnung. Aber warum ist so ein Themenjahr dann überhaupt noch notwendig? Ist Homosexualität im Jahr 2017 nicht genau so selbstverständlich, wie die Tatsache, dass manche Menschen ihre Pommes eben lieber mit Ketchup als mit Mayo essen?  

Ein schwuler Arbeitskollege? Total okay. Ein schwuler Sohn? Sehr viel weniger okay

Ist es leider nicht und das Beispiel der Diskussion mit meinen Großeltern ist dafür gut geeignet. Denn was die Studie auch zeigt: Die Kluft zwischen Alt und Jung ist in diesem Fall groß. Wer jung ist, gut gebildet, wenig religiös und im besten Fall auch noch eine Frau, ist für das Thema offener als alte, ungebildete, fundamentalistisch-religiöse Männer. Auch der Grad persönlicher Betroffenheit ist bei dem Umgang mit Homosexualität wichtig. Ein schwuler Arbeitskollege? Total okay. Ein schwuler Sohn? Sehr viel weniger okay. Dieses Muster zieht sich übrigens durch alle Altersklassen. Aus diesen massiven Einstellungsunterschieden zwischen den Generationen die Schlussfolgerung zu ziehen, dass das Problem sich schon von selbst erledigt, wenn die alten Sturköpfe ausgestorben sind, wäre naiv. Denn auch die Offenheit für sexuelle Vielfalt unter jungen Leuten sieht die ADS bedroht. Oder, wie die Leiterin der Studie Prof. Dr. Beate Küpper es ausdrückte: „Bei jungen Leuten ist noch Luft nach oben.“

So fand knapp ein Drittel der Befragten zwischen 16 und 29, „Homosexuelle sollen aufhören, so einen Wirbel um ihre Sexualität zu machen.“ Das ist natürlich nicht bei weitem so dramatisch wie bei den Über-60-Jährigen (dort stimmten über 60 Prozent dieser Aussage zu) – aber eben auch eine Form moderner Homophobie. Hinzu kommt die aktuelle Gefahr von rechts: Kluge Rechtspopulisten haben längst erkannt, dass mit „Ausländer raus“ bei vielen jungen Leuten nichts zu holen ist. „Gegen Gleichmacherei und Genderwahn“ zu sein, ist da schon sehr viel weniger plump und salonfähiger. Nicht umsonst wirbt die Junge Alternative insbesondere mit diesen Themen an Universitäten. Der Sprung zur Homophobie ist da nur sehr minimal.

Und auch auf der rechtlichen Ebene darf man als junger Mensch nicht einfach darauf hoffen, dass es sich mit aussitzen schon regeln wird.  Peinlicherweise ist Deutschland europaweit in puncto Gleichstellung homosexueller Partnerschaften eher Schlusslicht als Leuchtturm. 13 europäische Länder haben mittlerweile die sogenannte Homo-Ehe eingeführt, im 14. Land Slowenien, wo die komplett gleichgestellte Ehe auf einem guten Weg war,  gibt es nach einer Volksabstimmung derzeit eher wieder einen Rückschritt. In Deutschland hingegen gibt es weiterhin nur die eingetragene Lebenspartnerschaft. Der Begriff "Ehe" ist einer Partnerschaft zwischen Mann und Frau vorbehalten. Manche würden jetzt behaupten, das sei doch egal, so lange man gleiche Rechte habe – aber umgekehrt gefragt: Wenn es so egal ist, warum dann nicht den Begriff "Ehe" freigeben? Vom Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ganz zu schweigen.

Problem ist dabei die Union, die als Regierungspartei die "Ehe für alle" immer noch blockiert – aus Angst um eben die Wählerstimmen der alten Knacker und vielleicht neuerdings auch jene, die noch zwischen AfD und CDU oder CSU schwanken. Dabei ist doch gerade einmal wieder bewiesen worden, dass die große Mehrheit der Deutschen bereit ist für die Ehe für alle.

Christine Lüders, Leiterin der ADS, hat sich für dieses Problem immerhin schon eine Lösung überlegt: Sie forderte noch in dieser Legislaturperiode eine Abstimmung im Bundestag über die Homo-Ehe – ohne Fraktionszwang.

Damit das nicht nur eine freundliche aber utopische Forderung bleibt, müssen bestimmte Menschen endlich den Mund auf machen: Nämlich wir, die junge Generation. Zeigen, dass Homophobie eben kein Luxusproblem ist, das man bei all den anderen Dramen in der Welt hinten anstellen kann. Sondern, dass es akut ist und allmählich auch wirklich peinlich wird. Vielleicht käme es dann ja doch zu einer Abstimmung ohne Fraktionszwang. Durchgehen müsste das Ganze dann ja in der Theorie. Immerhin soll der Bundestag als demokratisch gewähltes Gremium ja die Bevölkerung repräsentieren. Und die Bevölkerung steht hinter der Ehe für alle.

Die Autofahrt mit meinen Großeltern hatte übrigens ein ganz erfreuliches Ergebnis: Einige Wochen später, an Weihnachten, kam es nochmal auf das Thema. Meine Großeltern hatten sich bis dahin weitergehend über die Fakten informiert und auch erfahren, dass Kinder von homosexuellen Paaren in keiner Weise durch das Fehlen eines Elternteils in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden. Dann fanden sie das alles auf einmal doch nicht mehr so schlimm. Oder, wie Christine Lüders von der Antidiskriminierungsstelle es ausdrückte: "Aufklärung ist eben alles."

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