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„Eine Hure zu sein war ihr größtes Talent“

Michael Bijnens ist als Sohn einer Prostituierten aufgewachsen. Sein Roman „Cinderella“ basiert auf seiner Lebensgeschichte.
Interview von Nadja Schlüter
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    Foto: Silke Sarens

Michaels Mutter ist eine Hure und er kauft das Bordell „Cinderella“, in dem sie arbeitet – so wird der Sohn zum Zuhälter der eigenen Mutter und muss sich mit den Angestellten, der Konkurrenz, Kriminellen und überhaupt allen Aufs und Abs des Rotlicht-Milieus herumschlagen.

Die Handlung des Romans „Cinderella“ des 27-jährigen belgischen Autors Michael Bijnens ist von seinem eigenen Leben inspiriert: Er war zwar nie der Zuhälter seiner Mutter, aber er ist als Sohn einer Prostituierten in Antwerpen aufgewachsen. Das Buch war in Belgien und den Niederlanden ein großer Erfolg. Am 8. September erscheint die deutsche Übersetzung im Atrium Verlag. 

 

Michael Bijnens lebt in Brüssel und Amsterdam, hat bereits sechs Theaterstücke geschrieben und arbeitet gerade an seinem nächsten Roman über verfeindete Drogenkartelle, für den er ein halbes Jahr im Norden Mexikos recherchiert hat. Während des Skype-Gesprächs über „Cinderella“, seine Mutter und seine Jugend im Rotlicht-Milieu trinkt er eine Menge Kaffee und hält zwischendurch seinen kleinen Kater in die Kamera („Sag mal hallo!“).

 

jetzt: Hat deine Mutter das Buch gelesen?

Michael Bijnens: Ja, ich glaube, ungefähr fünf Mal.

 

Und? Wie findet sie es?

Wunderbar. Sie empfindet es als Ehre, dass ich ihre Geschichte erzählt habe. Zum einen, weil sie immer nach Aufmerksamkeit sucht. Das ist für sie lebenswichtig. Zum anderen, weil eine Hure zu sein immer noch etwas Beschämendes ist. Obwohl meine Mutter sich nie dafür geschämt hat. Aber sie weiß, dass viele Menschen finden, dass sie sich schämen sollte.

Du sagst, du erzählst ihre Geschichte – trotzdem ist das Buch ein Roman, keine Biografie. Wie viel Wahrheit steckt darin?

Fast alle Anekdoten oder Personen haben Vorbilder in der Wirklichkeit. Ich habe allerdings viele Details verdreht und alles zu einer fiktiven Handlung verwoben. Es war mir wichtig, mich von der Realität freizumachen und eine Geschichte mit einer tieferen Wahrheit zu erzählen.

 

Welche Wahrheit ist das?

Zu verstehen, wie die Beziehung zwischen einer Hure und ihrem Sohn funktioniert. Also auch zwischen meiner Mutter und mir.

 

Und wie funktioniert sie?

Ich habe nie ein Bordell besessen und war nie Zuhälter. Aber der Sohn im Buch ist der Zuhälter seiner Mutter – und das steht auch für unsere Beziehung. Denn ich habe von dem Geld gelebt, dass sie mit ihrer Fotze verdient hat. Heute verdiene ich Geld mit ihrer Geschichte. Und obwohl meine Mutter das alles super findet, ist auch das eine Zuhälter-Hure-Beziehung.

 

Wie alt warst du, als deine Mutter Prostituierte wurde?

14 oder 15. Ich kann mich noch erinnern, dass sie es mir und meinem Bruder erzählt hat. Ich fand es ein bisschen komisch und fremd, aber ich wusste auch, dass es immer Probleme mit Geld gab. Darum dachte ich: „Na gut, dann verdient sie jetzt Geld, wir können in eine größere Wohnung ziehen und haben vielleicht endlich mehr Ruhe.“ Denn das Schlimmste war für mich immer das Chaos bei uns Zuhause. 

 

„Ich habe immer versucht, mich von dem Frauenbild, das ich im Rotlicht-Milieu kennengelernt habe, zu befreien“

 

Wieso Chaos?

Armut bedeutet nicht nur, nicht genug Geld für die Miete zu haben, sondern vor allem auch die Reaktion darauf: ständiger Stress, nicht schlafen können, sich den ganzen Tag anschreien, sofort aggressiv werden. Armut bedeutet Ohnmacht dem eigenen Leben gegenüber.

 

Hast du dich gar nicht für den Beruf deiner Mutter geschämt, zum Beispiel vor deinen Freunden?

Nein. Mein Bruder hat sich immer geschämt und es fällt ihm heute noch schwer, darüber zu reden. Darum hat er es auch nicht geschafft, das Buch zu lesen. Aber ich fand es nie schlimm. Niemand wusste von dem, was meine Mutter im Bordell gemacht hat, also konnte mir das egal sein. Geschämt habe ich mich allerdings für das, was meine Freunde sehen konnten. Ich habe mich zum Beispiel nie getraut, sie zu mir nach Hause einzuladen, weil meine Mutter immer bis zwei Uhr nachmittags schlief und danach nackt in der Wohnung herumgelaufen ist.

 

Wäre das Verhältnis zu deiner Mutter anders, wenn du eine Tochter wärst?

Ich glaube schon. Ich habe immer versucht, mich von dem Frauenbild, das ich im Rotlicht-Milieu kennengelernt habe, zu befreien. Aber das war sehr schwer, ich musste es bewusst tun. Bei einer Tochter ist die Gefahr nicht so groß, weil sie selbst eine Frau ist.

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Welches Frauenbild war das?

Dass eine Frau ein hilfloses Wesen ist, das immer gerettet werden muss. Und der Mann ist männlich, wenn er dazu in der Lage ist.

 

Die Mutter im Buch wirkt aber gar nicht besonders bedürftig und entscheidet sich  aus freien Stücken dafür, als Prostituierte zu arbeiten. Auch deine Mutter hat das damals selbst entschieden.

Es heißt immer: „Wenn Frauen selbst Huren sein wollen, dann gibt es kein Problem.“ Und meine Mutter hat immer gesagt, dass der Job sie glücklich macht und sie eine Befriedigung darin findet. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass es eine pathologische Befriedigung war.

 

Wie meinst du das?

Dass sie damit eine Lücke gefüllt hat. Ich habe damals oft Geschichten von Huren gehört, die von ihren Vätern missbraucht wurden und dieses Trauma in ihrem Job auf eine selbstbestimmte Art wiederbelebt haben. Das war bei meiner Mutter zwar nicht der Fall, aber ihre Mutter hat sie immer alleine gelassen, und einen Vater gab es nie. Sie war darum immer auf der Suche nach einer Vaterfigur, nach dem Typen, der sie rettet, ihr sagt, wie es läuft und ihre Welt zusammenhält. Diesen Mann hat sie in Zuhältern gesucht, in Kunden, in Männern, mit denen sie Beziehungen hatte – und letztlich auch in mir. Ohne, dass ich das leisten konnte.

 

„Ich habe das Bordell oft als Bühne empfunden. Alle dort spielen die ganze Zeit eine Rolle“

 

An vielen Stellen ist dein Buch sehr lustig, obwohl die Geschichte tragisch ist. Und die Protagonisten lachen auch selbst in unmöglichen, gar nicht witzigen Situationen. Warum?

Es gibt diese Szene, in der ein Mann eine Waffe an den Kopf der Mutter hält, und sie fängt an zu lachen. Und dann lachen plötzlich alle, die dabei sind. Das ist typisch für die Menschen, die ich im Rotlicht-Milieu kennengelernt habe, und dafür, wie sie mit ihrem Leben umgegangen sind: Sie reagierten oft ganz anders, als man erwartet hätte. In sehr schwierigen Situationen haben sie einfach gelacht – aber wenn meine Mutter keine Zigaretten mehr hatte, dann war die Welt zu Ende, sie wurde total aggressiv und hat irgendwas kaputtgemacht. 

 

Was ist deiner Meinung nach sonst noch typisch für das Rotlicht-Milieu?

Ich habe das Bordell oft als Bühne empfunden. Alle dort spielen die ganze Zeit eine Rolle. Sie wollen von anderen Menschen angeschaut werden, in ihren Fantasien und Träumen auftreten. Gleichzeitig glaube ich aber, dass ein Bordell nicht außerhalb der Gesellschaft steht, sondern mittendrin.

 

Inwiefern?

Die Beziehungen zwischen den Menschen an diesem Ort sind die gleichen wie im großen Ganzen des kapitalistischen Systems. Eigentlich sieht man dort sogar noch deutlicher, wie es ist, weil es keine Gesetze und Regeln gibt, die draußen alles einigermaßen in Schach halten. Ich habe mal mit einer Freundin gesprochen, die sagte: „Du zeigst in deinem Buch, wie jeder in unserer Gesellschaft Zuhälter oder Hure ist.“ Ich weiß gar nicht, ob das mein Ziel war, aber das fand ich eine schöne Interpretation.

 

Der Erzähler versucht, ein Fair-Trade-Prostitutionsangebot zu entwickeln, bei dem man die Herkunft aller Huren nachvollziehen kann, um nicht an Zwangsprostituierte zu geraten. Ist das eine der Parallelen zum „großen Ganzen des kapitalistischen Systems“?

Genau. Und ein anderer Zuhälter will davor ja erstmal ein Ikea-Modell im Bordell einführen: Hundert Männer sollen gleichzeitig drankommen, alles muss schneller gehen, mehr Kunden müssen in kürzerer Zeit abgefertigt werden. Diese Flatrate-Modelle gibt es ja sogar in der Realität.

 

„Eine Hure zu sein war ihr größtes Talent, aber eine Mutter sein, das konnte sie nicht gut“

 

Arbeitet deine Mutter noch als Prostituierte?

Nein. Sie hat etwa sechs Monate nach der Veröffentlichung damit aufgehört. Das hatte aber nichts mit dem Buch zu tun, sondern mit Problemen, die sie mit ihrem Zuhälter hatte. Jetzt hat sie alle paar Monate eine neue Beziehung und lebt mit einem anderen Mann in einer anderen Stadt.

 

Bist du manchmal wütend auf sie und wünschst dir, eine einfachere Kindheit und Jugend gehabt zu haben?

Nein. Eine Hure zu sein war ihr größtes Talent, aber eine Mutter sein, das konnte sie nicht gut. Trotzdem bin ich glücklich, dass meine Mutter meine Mutter ist und ich bei ihr und in diesem Milieu aufgewachsen bin.

 

Warum?

Ich glaube, es hat vor allem mit einer Art Freiheit zu tun. Der britische Psychologe Theodore Dalrymple hat ein Buch über die Unterschicht geschrieben, „Life at the Bottom“. Darin heißt es, dass Menschen in der Unterschicht „zu frei“ sind: Arme Menschen suchen nach Struktur in der Gesellschaft, die verloren gegangen ist, und der Sozialstaat kann sie nicht ersetzen. Dalrymple beschreibt das als Problem, aber ich habe es als Vorteil gesehen. Freiheit war mir immer wichtig und in einem anderen Leben hätte ich diese Freiheit nicht gehabt. Und auch meine Mutter hat mich ja zu der Person gemacht, die ich jetzt bin. Klar, wie jeder Mensch habe ich meine Probleme, ich bin neurotisch, ich bin schnell gestresst – aber ich bin zufrieden und möchte niemand anders sein. 

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