svenja
Foto: Constantin Timm

Es ist ein altbekanntes Schema. Junge trifft Mädchen. In diesem Fall: Lene trifft Hendrik. Die beiden sind fast augenblicklich ein Paar, teilen bald Freunde, Wohnung und ausschweifenden Studentenalltag. Erst als Hendrik von Angszuständen heimgesucht wird, zeigen sich Risse in der Beziehung.

Wie sich Liebe in all ihren Facetten anfühlt, schildert Svenja Gräfen in ihrem Debütroman "Das Rauschen in unseren Köpfen" ganz nah. Ihre Sprache tanzt und legt den Finger in die Wunde. Wir haben mit ihr über das Buch, die Liebe und Depressionen in Beziehungen gesprochen.

jetzt: In deinem Buch „Das Rauschen in unseren Köpfen“ fängst du das Lebensgefühl junger Studenten ziemlich realistisch ein. Es wird viel getrunken, ein bisschen gekifft. War dir Realismus beim Schreiben wichtig?

Svenja Gräfen: Es gibt inzwischen super viele dieser Großstadt-Romane, die von jungen die von jungen, ein bisschen verlorenen Menschen handeln. Die sind aber oft so gestelzt. Ich wollte schon, dass meine Geschichte authentisch wirkt – auch wenn das so ein schlimmes Wort ist. Ich habe beim Schreiben aber auch nicht die ganze Zeit gedacht: „Oh Gott, das muss jetzt noch viel realistischer werden!“ Einige der Erfahrungen, tanzen gehen und bei Freunden in der WG-Küche den Abend zu verbringen, habe ich natürlich auch selbst gemacht und konnte die dann sehr gut als Inspiration nutzen.

Vordergründig geht es in deinem Buch um die fast schon rauschhafte Beziehung zwischen der Studentin Lene und Hendrik, der in einer Bar jobbt. Dann zerstören Hendriks Angstzustände die Idylle. Was hat dich an dieser Entwicklung einer Beziehung interessiert?

Liebesgeschichten bestehen ganz oft aus dem anstrengenden Hin und Her, bis sich die zwei Protagonisten endlich mal gefunden haben. Ich fand viel spannender, mir zu überlegen, wie das umgekehrt laufen würde: Wenn die Beziehung quasi reibungslos anfängt und sich dann etwas ändert. Was passiert, wenn eine Person in einer Beziehung eine charakterliche 180-Grad-Wende macht? Wie geht der Partner damit um?

Dass Hendrik Depressionen hat, wird zu keinem Zeitpunkt konkret ausgesprochen. Auch Lene scheint es nicht zu wissen oder zumindest keine Bezeichnung für seinen Zustand zu haben. Warum?

Ich weiß gar nicht, ob Lene das nicht weiß. Auch wenn es ihr bewusst ist, will sie es aber auf jeden Fall nicht aussprechen. Sobald man dem Ding einen Namen gibt, bekommt es ja eine andere Dimension. Außerdem wollte ich kein Buch über Depressionen schreiben. Da gibt es Literatur von Betroffenen oder Ratgeber, die sich direkt damit befassen. Hendriks Zustand sollte nicht so pathologisiert werden. Es geht ja auch darum, welchen Einfluss seine Vergangenheit auf ihn hat, und dass eine Vergangenheit, egal wie schlimm sie sein mag, als Auslöser für eine Depression nicht ausreichend ist.

Meinst du, Lenes Nicht-Reagieren und Totschweigen der Probleme ist typisch für Beziehungen, in denen ein Partner Depressionen hat?

Ich kann mir zumindest vorstellen, dass das schnell passiert. Es ist sehr schwierig, sich einzugestehen, dass der Partner ein Problem hat, für das man eigentlich Hilfe von außen braucht. Wegzuschauen oder wie Lene zu versuchen, das Problem selbst zu lösen, ist da die naheliegende Reaktion. Das liegt vermutlich auch daran, dass psychische Krankheiten noch immer stigmatisiert sind. Wenn man wochenlang Halsschmerzen hat, geht man ja auch zum Arzt. Und erzählt seinen Freunden davon. Mit Depressionen ist das was anderes. Vielleicht ist das auch eine typische Reaktion von einer jungen Person, die noch keine Erfahrung mit dieser Art von Erkrankung gemacht hat.

Wie sollte ein reales Paar damit umgehen?

Ich bin selbst keine Ärztin, aber Lenes Vorgehensweise würde ich jedenfalls nicht empfehlen. Sich professionelle Hilfe zu holen, ist der erste Schritt. Bloß nicht die Probleme wegignorieren. Oder am schlimmsten: Zu glauben, dass man den anderen mit seiner Liebe heilen könnte. Das schafft man nicht. Und das ist auf Dauer auch zu belastend und macht einen im Endeffekt selbst kaputt. Und eigentlich wäre es doch so einfach, sich Hilfe zu holen.

 

In deinem Buch hatte Hendriks erste Freundin, Klara, auch Depressionen. Glaubst du, Menschen mit Hang zur Traurigkeit werden voneinander angezogen?

Ich denke schon, dass es möglich ist, dass Menschen in bestimmten Fällen dazu neigen, sich für andere aufzuopfern. Wenn man sich um andere kümmert, lenkt das ja von den eigenen Problemen und dem Chaos im eigenen Kopf ab. Man kann sich dann immer sagen: „Guck mal, da gibt es jemanden, dem geht es noch schlechter als mir, dann kann es um mich ja nicht so schlimm stehen.“ Zwischen Hendrik und Klara kann die Anziehung und auch die Abhängigkeit also wirklich daher rühren. Lene hingegen hatte ja bisher ein sehr behütetes Leben. Aber da sie Hendrik als eine andere Person kennenlernt, wird sie sukzessive in diesen Strudel gezogen. Dann gibt sie auch alles auf und sieht nur noch eine Aufgabe, eine Pflicht für sich – für Hendrik da zu sein.

 

Sind Depressionen nicht genau so ein Klischee-Thema für die Großtstadt-Berlin-Bücher, die du eben erwähnt hast?

Mein Roman unterscheidet sich hauptsächlich dadurch, dass es eben kein Berlin-Roman ist und auch kein Depressions-Roman. Das ist einfach nicht, worum es vorrangig geht. Es ist auch keine Coming-of-Age-Geschichte, bei der sich die Figuren fragen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen sollen und dabei in diesen Strudel geraten, der aus Feiern, Drogen, Verlorensein besteht. Gewissermaßen sind Berlin und auch die Depression in dieser Geschichte bloß Zufall. Es könnte jede andere Stadt sein. Das Thema des Buchs ist die Unmöglichkeit einer Liebe zwischen zwei jungen Menschen – beziehungsweise die Frage danach – und die Depression ist nur ein Teil, der zu dieser Unmöglichkeit beiträgt.

 

Ohne alles zu verraten: Das Buch hat kein klischeemäßiges Happy-End. Wie siehst du das mit der Liebe außerhalb der Romanwelt?

Da glaube ich schon an die Liebe. So grundsätzlich. Wenn man mit sich selbst klarkommt und keine furchtbaren oder traumatischen Erfahrungen mit vorigen Beziehungen gemacht hat, dann ist man auch in der Lage, eine Beziehung zu führen. Damit meine ich sowohl Freundschaften als auch Liebesbeziehungen. Ich glaube, dass es auch diese krasse Liebe von Anfang an geben kann, wie es bei Lene und Hendrik der Fall ist. Da muss nicht immer ein Haken dran sein. Natürlich ist es aber in den seltensten Fällen super easy – auch wenn man einen Seelenverwandten findet, bedeutet das nicht, für immer auf einer rosa Wolke durchs Leben zu schweben.

 

Und noch eine Interessensfrage: Wetterbeschreibungen spielen in deinem Buch eine große Rolle, mir kam es so vor, als sei das Wetter Ausdruck von Gefühlen, manchmal hat es sie aber auch kontrastiert. Hast du da eine Regel aufgestellt oder war das doch nur Zufall?

Ich neige offenbar dazu, über das Wetter zu schreiben, auch unbewusst. Weil ich selbst sehr wetterfühlig bin. Und auch weil das immer ein total schönes Mittel ist, eine Stimmung zu erzeugen. Diesen klassischen Liebesfilmregen nach dem ersten Kuss will ich aber nicht in meinen Geschichten. Der Einsatz eines bestimmten Wetters unterliegt also keiner bestimmten Regel. Manchmal gefällt mir einfach die Vorstellung, dass die Fußmatten im Auto nach einem Sommerregen nass sind.

 

"Das Rauschen in unseren Köpfen" von Svenja Gräfen ist diesen Freitag bei Ullstein erschienen.

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