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Jungs, was findet ihr an Bud Spencer und Terence Hill immer noch so geil?

Steckt darin eine Sehnsucht nach einer einfacheren Welt, in der Kerle halt Kerle sind und Frauen nur Nebenrollen spielen?
Von Nadja Schlüter und Friedemann Karig
  • maedchenfrage bud terence
    Foto: imago stock&people, imago/AGD

Liebe Jungs,

 

ich habe in meiner Kindheit viel ferngesehen und kenne die Filme von Bud Spencer und Terence Hill natürlich. Die liefen ja immer zu völlig kinderfreundlichen Uhrzeiten auf von Kindern frequentierten Sendern. Ich mochte sie sogar ganz gern, weil sie oft gezeigt wurden und alles, was oft gezeigt wurde, gab mir ein heimeliges Gefühl. Ich war sogar ein bisschen verliebt in Terence Hill, weil der so stahlblaue Augen hatte, die immer aus den ganzen Sepia- und Grün-Tönen dieser Filme herausleuchteten.

 

 

Mit „irgendwie heimelig“ und „stahlblaue Augen“ hört meine Erinnerung dann aber auch schon auf. Maximal kann ich sie noch um „witzige Geräusche beim Prügeln und niemals Blut“ und den Begriff „Klamotte“ ergänzen, der damals in der Fernsehzeitung immer als Genre-Beschreibung dabeistand. Was die geredet haben, wie die Filme hießen und die Protagonisten, einzelne Szenen, ob ich lachen musste? Alles weg aus dem Hirn.

 

Das liegt wohl auch daran, dass ich vermutlich mit etwa zehn Jahren das letzte Mal einen Spencer-Hill-Film gesehen habe. Das nächste Mal dran erinnert habe ich mich, als Bud Spencer beziehungsweise Carlo Pedersoli im vergangenen Jahr gestorben ist. Da war der Jammer groß! Bei euch vor allem! Und da wurde uns zum ersten Mal so richtig bewusst, wie sehr ihr an diesem Mann und seinem Kollegen und deren Filmen auch heute noch hängt. Zu minuten-, wenn nicht sogar stundenlangen Begeisterungsreden kann man euch inspirieren, wenn man nur „Bud Spencer“ sagt. Zu einem nicht enden wollenden Austausch von Zitaten und nachgestellten Haudegen-Szenen und nachgeahmten Prügel-Geräuschen, ausdauernder und euphorischer als in Simpsons-Zitate-Runden (und die können ja auch schon elendig lang sein), und dabei lacht ihr so sehr, dass ihr nicht mehr richtig atmen könnt. Danach berichtet ihr noch stolz von eurer umfassenden DVD-Sammlung, von verkaterten WG-Nachmittagen vorm Fernseher, von eurem Wissen über die sehr speziellen Synchronfassungen. Bei einem Münchner geht die Liebe so weit, dass er sogar einen  Bud-Spencer-Chor gegründet hat. Da sind, so viel ich weiß, auch nur Männer drin.

 

Ich dachte, dass sich diese Mädchenfrage vielleicht erübrigt, wenn ich mir einfach noch mal was von Spencer und Hill anschaue. Ich habe mich für ein etwa neun Minuten langes „Best of“-Youtube-Video entschieden. 

 

Mir das einen WG-Nachmittag lang anzuschauen, konnte ich mir hingegen nicht vorstellen. Außer vielleicht betrunken oder bekifft

 

Der erste Witz darin ist, dass Bud Spencer, unter einem Hindernis durchkriechen soll, dann aber hängenbleibt, weil zu dick. Und furzt. Danach habe ich angefangen zu skippen. Ich stieß noch auf eine Szene, in der Bud Spencer in einem Klassenraum laut schnarcht und Terence Hill ihn immer wieder weckt. Und auf eine, in der er mit einem Wachhäuschen rumläuft, weil er zu dick ist, um aus dem Wachhäuschen rauszugehen, und eine, in der er als Polizist einem Typen Handschellen anlegt und ihn dann auf die Straße wirft. Wirkte auf mich wie eine Mischung aus „Asterix und Obelix“ und Verharmlosung von Polizeigewalt. Mir das einen WG-Nachmittag lang anzuschauen, konnte ich mir hingegen nicht vorstellen, stahlblaue Augen hin oder her. Außer vielleicht betrunken oder bekifft.

 

Darum hat sich die Frage also nicht erübrigt und muss hier gestellt werden: Warum, liebe Jungs, steht ihr so auf die Filme von Bud Spencer und Terence Hill? Was machen sie mit euch? Schaut ihr sie als große Jungs, um euch für eineinhalb Stunden wieder wie kleine Jungs zu fühlen, die am Sonntagnachmittag auf der Wohnzimmercouch vorm Fernseher sitzen und kalten Kakao trinken? Oder steckt darin eine Sehnsucht nach einer einfacheren Welt, in der Kerle halt Kerle sind, die sich gegenseitig verprügeln, und Frauen nur Nebenrollen spielen? In der man als irgendwie gutherziger Outlaw am allermeisten erreicht und alle Menschen sehr eindeutig in „gut und böse“ beziehungsweise in „gut und saudumm“ einzuteilen sind? Oder findet ihr den dicken Bud superniedlich und steht ansonsten einfach auf Furz-Witze?

 

Erklärt doch mal!

 

Bumm-tschang (haben grade zwei Köpfe zusammen knallen lassen),

Eure Mädchen

 

 

 

Die Jungsantwort

  • jungsfrage text
    Illustration: Katharina Bitzl

 

Liebe Mädchen, 

 

Gegenfrage: „Ist das Asthma oder Leidenschaft?“ (Terence Hill in „Vier Fäuste für ein Halleluja“)

 

Antwort: eindeutig Leidenschaft.

 

Es gab für unser Jungs-Ich wohl kein größeres Glück als den verregneten Sonntagnachmittag, wenn im Fernsehen Bud Spencer und Terence Hill Sätze sagten wie: „Luzifer? Klingt wie ein besoffener Profi aus Schweden!“ (Vier Fäuste für ein Halleluja). Dann hauten sie den Bösewichten „'ne Delle in die Gewürzgurke“ (Das Krokodil und sein Nilpferd), es machte „Pauzzz!“, wenn Bud Spencer mit seinem Signature Move einem Lümmel die Faust auf den Schädel klotzte, und dazu missmutig knurrte, weil er eigentlich lieber essen wollte, obwohl ihn Terence Hill immer mit seinem Gewicht ärgerte.

 

Sehr wichtig für die Duo-Dynamik: Unsere zwei Helden sind lustig gemein zueinander. Hill: "Da kommt wieder was auf dich zu." - Spencer: "So, was denn?" - Hill: "Na, dein altes Problem, der Versuch, wie 'n Mensch auszusehen.“ Oder meine Lieblings-Szene, die ich kaum aufschreiben kann, weil ich dabei jedes Mal wieder lachen muss: Spencer und Hill als die „Miami Cops“ im Polizeiauto, sie fahren ihre eigene, offene Fahrertür ab. Kurze Pause, fürs perfekte Timing, dann sagt Hill zu Spencer den legendären Satz: „Wenn du nicht so fett wärst, wär das nicht passiert.“ Dann fahren sie noch die Beifahrertür ab.

 

Bei aller Frotzelei können sie nicht ohne einander, denn: "Wenn jetzt der Dicke da wäre, würde er euch erstmal die Eierköpfe gradedreschen!“ (Django und die Bande der Gehenkten). In jedem Film gab es mindestens eine Szene, wo einer der beiden von Ganoven zu Boden gezwungen wurde. Bis der andere auftauchte und mit einer übermenschlichen Kraftanstrengung den Ring um den Kumpel sprengte. Dieses Prinzip ist alt und ewig neu zugleich, Joko und Klaas machen heute nichts anderes, aber es ist eben auch so unkaputtbar wie Bud Spencers Schädel und so klar wie Terence Hills blaue Augen, in die meine Mutter auch verliebt war. Hier liebten sich zwei auf diese bösartige, verzweifelte Art, die wir auch so gut kannten, seit uns ein Timo oder so von der Rutsche geschubst hatte, und wir ihm eine aufs Fressbrett gebraten haben, aber das ist eine andere Story.

 

Das wichtigste aber sind – neben einem Bud Spencer, der nicht aus dem Wartehäuschen kommt, worüber ich schon beim Lesen sehr lachen musste –  die Sprüche, von denen die meisten herrlich sinnlos waren: "Dem beiß ich 'ne Beule in den Bart, dass dem die Hose wegfliegt“ (Zwei Himmelshunde auf dem Weg zur Hölle) oder "Siehst gut aus, heute schon gekotzt?“ (Mein Name ist Nobody). Ihre Sprache war schon in den frühen 90ern so altmodisch, dass sie wieder toll war. "Mach die Denkmurmel zu!“ (Zwei Asse trumpfen auf) ist eben tausendmal poetischer als „Halt die Klappe“. Und wer sagte denn schon wie Bud Spencer „Klosett“, außer dem leicht schrulligen Onkel, der bei Familienfeiern zotige Witze reißt? Und wer traute sich über die Witze zu lachen, außer dem großen Bruder, der einen manchmal wie Bud Spencer liebevoll vermöbelte?

 

Bud Spencer und Terence Hill scheinen also für immer ein kleinster gemeinsamer Nenner, wo alle anderen Nenner versagen

 

Und ja, genau so etwas waren Bud und Terence für uns: Große Brüder, die alles konnten, immer einen Spruch auf den Lippen hatten und sich trauten, was die Eltern verboten: Klopperei (und zwar, da habt Ihr recht, ohne Blut und bleibende Schäden, also die Kissenschlacht-Version einer echten Schlägerei, aber eben doch irgendwie echt und männlich, geradezu sportlich-akrobatisch bei Terence Hill), dazu Laberei, Furzerei – und nebenher „die Kohlen“ abstauben und ordentlich einen futtern.

 

Dieser ganze Jux ist eine Ebene. 

 

Die zweite Ebene, die uns erst mit Anfang 20 bewusst wurde, besteht aus den Inseln der Anarchie und Kreativität, die diese Film-Serie in der Ödnis des gleichförmig durchformulierten „Entertainments“ bildet.

 

Dass die zwei so ulkig daherredeten, verdanken sie dem deutschen Synchronisations-Genie Rainer Brandt, der die öden Dialoge des Originals einfach durch den Wortspiel-Wolf drehte und unsterbliche Klassiker schuf wie: "Priester: Möge der Herr mit euch sein! - Spencer: Wir wollen keine Begleitung, wir gehen allein.“ (Vier Fäuste für ein Halleluja). Oder, "Hill: Was sollte ich machen? Schließlich hat er unsere Mutter eine alte Hure genannt. - Spencer: Aber das ist doch die Wahrheit! - Hill: So alt ist sie nun auch wieder nicht!" (Die rechte und die linke Hand des Teufels). „Schnodderdeutsch“ nannte man das offiziell.

 

Wo wäre solch großartiger Schwachsinn heute noch möglich? Und ich fange jetzt garantiert nicht die große Diskussion über Political Correctness an und ob solche Witze überhaupt okay sind. Die ist wichtig, aber die hat mit Spencer & Hill so viel zu tun wie biodynamischer Bordeaux mit mittelalterlichem Met. 

 

Dinge entwickeln sich, oft zum Besseren, und genau deshalb darf Nostalgie sein, auch ein bisschen Staunen darüber, wie einfach man früher zu kriegen war von zwei lustigen Gesellen, deren Existenzberechtigung aus Gags und Fäusten bestand. Und ihrem widerwilligen, aber unermüdlichen Einsatz für das Gute.

 

Bud und Terence waren dabei immer anders als Superman oder Robin Hood. Ein wenig selbstironischer und schmutziger. Das machte sie erst recht zu Helden, und zwar zu sehr langlebigen, denn sie hatten mehr als genug Schwächen und Fehler, waren hedonistisch und „politisch herrlich inkorrekt“, wie ihre noch älteren Fans sie wohl beschreiben würden, die es nervt, dass sie Frauen heute nicht mehr als „Puppe“ bezeichnen dürfen.

 

Neulich unterhielt ich mich mit einem Menschen, der Flüchtlinge als „Invasoren“ sieht und Merkel als Muslima. Ich dachte: "Nun guck ihn dir an, hat auch nicht mehr Hirn als 'n Spatz Fleisch an der Kniescheibe."  (Zwei wie Pech und Schwefel). Oder auch: "Sein Oberstübchen ist schlecht möbliert!“ (Ebd.). Wir hatten also nicht viel gemeinsam. Dann zog er ein Selfie mit Terence Hill aus der Tasche, und für eine Sekunde waren wir Brüder.

 

Bud Spencer und Terence Hill scheinen also für immer ein kleinster gemeinsamer Nenner, wo alle anderen Nenner versagen. Und auch wenn Bud Spencer vergangenes Jahr starb – das wird ewig leben.

 

Bösewicht: „Geh mit Gott!“ 

Spencer: „Ich werd's mir ausrichten.“ 

 

Eure Jungs.

 

 

 

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