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Jungs, warum entschuldigt ihr euch so selten?

Habt ihr's nicht nötig? Oder merkt ihr nicht, wenn ihr was falsch macht?
Von Eva Hediger und Friedemann Karig
  • cover maedchenfrage suze photocase
    Foto: suze / photocase.de

Die Mädchenfrage:

 

Liebe Jungs,

 

Neulich war ich zu einem Abendessen verabredet. Die Mädchen verspäteten sich, die Jungs auch. Die Mädchen entschuldigten sich. Die Jungs nicht. Und das passiert öfter.

 

Dabei seid ihr weder unerzogene Rüpel noch gefühlskalte Kerle. Ihr wisst genau, wie große Entschuldigungen funktionieren. Solche, die nach großkalibrigen Fehltritten anstehen. Die sorgfältig geplant und formuliert werden müssen, weil sie Beziehungen und das Leben prägen können.

 

Aber die kleinen, hastigen? Die «Sorrys» nach dem Rempeln oder dem Verspäten? Hören wir von euch sehr selten. Uns rutschen diese alltäglichen Entschuldigungen fast viertelstündlich heraus. Wir entschärfen mit ihnen reflexartig die unterschiedlichsten Situationen und Aussagen. Und ja, irgendwie halten wir sie auch für eine subtile Art der Höflichkeit.

Die amerikanische Komikerin Amy Schumer parodiert diese weibliche Angewohnheit. In ihrem Sketch «I’m sorry» sitzt sie als Forscherin mit anderen Erfolgsfrauen in einer Fernsehshow. Der Moderator stellt jede vor – und leistet sich einen argen Patzer nach dem anderen. Wie sich die Damen wehren? Mit einem freundlich-schwachen «Sorry, but...». In den restlichen drei Minuten entschuldigen sich die Frauen für Unterbrechungen, Räuspern, schlecht eingestellte Mikrophone und unangebrachte Publikumsfragen. Am Schluss landet heißer Kaffee auf dem Bein einer Forscherin. Sie stirbt daran – und entschuldigt sich dafür.

 

Diese Ballung macht auch uns klar: Vielleicht erleichtern diese dauernde Entschuldigungen gar nicht das Zusammensein. Sie nerven, lassen uns unsicher wirken. Das finden auch Frauen in Führungspositionen. Eine von ihnen hat Anfang des Jahres gar die App «Just not Sorry» lanciert. Tippen wir Mails, unterstreicht sie Wörter wie «Sorry».

 

Die App richtet sich zwar auch an Jungs. Doch habt ihr das wirklich nötig? Die Wissenschaft würde vermutlich verneinen. Schließlich haben kanadische Forscher herausgefunden, dass ihr euer Verhalten seltener als falsch einstuft als wir. Das übermäßige Entschuldigen kann euch also rein wissenschaftlich gar nicht passieren.

 

Aber unser Alltag ist weder ein lustiges Video noch eine ernste Studie. Deshalb: Ist unser Entschuldigungs-Eifer für euch so übertrieben wie jener von Schumers Fake-Chefinnen? Und auch so nervig? Oder bewundert ihr uns dafür, wie ungehemmt wir Sorry sagen können, weil ihr es einfach nicht könnt? Und wann oder ab wann, liebe Jungs, entschuldigt ihr euch denn? Und wie?

 

Die Jungsantwort:

  • jungsfrage text

Liebe Mädchen,

 

It´s sad! So sa-haaaad! It´s a sad sad situation! And it's getting more and more absurd.

 

Kennt Ihr noch? Elton John 1976? Von „Blue“ dann gecovert, 2002 oder so? It's sad (so sad) so sad. Why can't we talk it over? Oh, it seems to me that sorry seems to be the hardest word...

 

Mit diesen Songzeilen wäre mal wieder alles gesagt. „Sorry, Entschuldigung, verzeih mir“ – das sind Wörter mit dem Schwierigkeitsgrad kirgisischer Zungenbrecher. Kein Suahelidialekt käme uns schwerer über die Lippen als das Schuldgeständnis, schon gar nicht Euch gegenüber. Weil es nur eins gibt, was noch krass viel weniger Spaß macht als Schuld sein: Schuld zugeben.

 

Das ist im Großen wie im Kleinen eigentlich dasselbe. Nur im Großen merken wir, das hast du richtig erkannt, was an der Schuld und ihrer Sühne hängt. Wir bereuen, genau wie ihr. Vielleicht ein bisschen zögerlicher und selbstgerechter. Dann machen wir reinen Tisch. Weil es sonst richtig doof wird. Im Kleinen, und hier wird es spannend, ist das ein wenig anders. Man könnte jetzt in die Tiefen des Sozialisationssexismus tauchen, zu Sätzen wie: „Junge, dafür entschuldigt sich ein Mann nicht!“. Die sind aber zum Glück schon länger am Aussterben. Trotzdem, die Wurzel liegt schon, wie so oft, in dieser kindlichen Wettbewerbsdenke, die uns ein wenig mehr anerzogen wurde als euch. Entschuldigt sich der siegreiche Athlet beim unterlegenen Zweiten? Der Stärkere beim Schwachen?

 

Nein. Denn wer nachdenkt, Schuld bewertet und sich entschuldigt, verliert Zeit. Genau wie der, der eher dazu tendiert, sich schuldig zu fühlen. Unser Motto: Im Zweifel für den Angeklagten! Und lieber einmal falsch liegen, als einmal zu viel gegrübelt und entschuldigt haben. Darauf sind wir nicht stolz. Entschuldigung.

 

Eine perverse Form nimmt das aber bei der ironischerweise eher von Männern verwendeten Dumpf-Formel „sorry, aber...“ an. Danach kommt immer eine Attacke. Passiv-aggressiv eingeleitet von einer vermeintlichen Entschuldigung. Jemand sagte sogar mal zu mir: „Sorry, aber dafür entschuldige ich mich jetzt nicht!“ Man möchte sich beim Wort „Sorry“ entschuldigen für diese Leute.

 

Spannender finde ich aber, dass ihr „Sorry“ anscheinend auch nicht immer bewusst, sondern oft reflexhaft sagt. Kann es sein – ketzerische Frage zurück – dass ein „Sorry“ manchmal auch sehr bequem ist? Ihr euch damit wegduckt, um einem Konflikt aus dem Weg zu gehen? Ich kenne das ja von mir selber: Manchmal checkt man instinktiv, dass der Typ, der einem auf den Fuß steigt, die Tante, die sich vorbei drängelt, auf ihrem emotionalen Weltempfänger nicht gerade Radio Empathie eingestellt haben. Mir rutscht dann manchmal ein nur ganz, ganz leicht gehässiges „Sorry“ raus. Einfach weil ich keine Lust habe, mich darüber zu ärgern. Und mich trotzdem als Gewinner fühle. 

Entschuldigungen können eine Hintertür aus dem Boxring sozialer Zusammenkünfte sein. Schwups, ist man zwar geschrumpft wie ein Super Mario nach Kontakt mit einem bösen Pilz. Aber wenigstens gab´s nicht auf die Fresse. Und der Klügere gibt ja bekanntlich nach.

Das kann auch nerven, da hast du auch Recht. Manchmal will man diskutieren. Mit einem Gegenüber, das greifbar ist. Dass sich nicht vorauseilend gehorsam entschuldigt. Weil, zumindest geht das mir so, ich dann denke: für wie kommunikationsunfähig hält die mich denn, dass die sich als erstes entschuldigt? Mit mir kann und soll man bitte normal reden! Da wäre weniger Entschuldigung tatsächlich mehr.

Jedenfalls: It´s sad, so sa-haaad, dass der Mensch ständig Grund hat, sich zu entschuldigen. Wir können da locker noch ein bisschen zulegen, keine Frage. Und uns mit Euch in der Mitte treffen. Deal? Ach, und sorry für den Ohrwurm. 

 

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