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Jungs, warum wollt ihr süße Chaoten sein?

klublu/photocase.de

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Liebe Jungs,

neulich in der Redaktionskonferenz erzählte einer der männlichen Anwesenden, er habe nachts gegen vier, fünf Uhr morgens im Suff einen Tannenbaum geklaut. Er habe das für eine wahnsinnig romantische Idee gehalten im Eifer des Moments: nachts vom Feiern zur Freundin heimkommen und einen Tannenbaum mitbringen. Im Weglaufen sei ihm dann eingefallen, dass es nicht nur gemein ist, einem Tannenbaumverkäufer einen Tannenbaum zu klauen, sondern dass man mit Ende 20, Anfang 30 für so etwas eigentlich auch zu alt ist. Er sei daraufhin zurückgelaufen und habe an die Klinke des kleinen Verkaufshäuschen 40 Euro geklemmt und sei dann besseren Gewissens (aber natürlich nicht ohne den nun quasi legal erworbenen Tannenbaum) abgezogen.

Das ist ja durchaus etwas sehr Jungshaftes. Dieses im öffentlichen Raum betrunken etwas entwenden und als Trophäe nächtlicher Eskapaden davonzutragen. Mit 16 waren es halt weniger Tannenbäume und dafür mehr Verkehrsschilder, Konzertplakate, an der Tanke abgeschraubte Emailleschilder mit Zigaretten-Werbung drauf und so weiter und so fort.

Wir fragen uns: Was hat es mit dem Bedürfnis nach solcherlei Aktivitäten auf sich? Es geht da ja durchaus darum, das andere Geschlecht, beziehungsweise die Liebste zu beeindrucken. Hätte dieser Kollege nun ganz allein gewohnt, wäre er sicher nicht auf die Idee des Tannenbaum-Klaus gekommen. Wofür auch? Schon mit 16 wurden die Trophäen betrunkener Streifzüge nicht etwa aufgrund von heimdekorativem Eigenbedarf errungen. Sie waren sehr oft vielmehr einer favorisierten Frau zugedacht.

Es geht dabei also schon um die Reaktion einer Frau. Mit 16, das leuchtet uns ein, will man aufgrund einer solchen Aktion für einen coolen Hund gehalten werden. Für einen, der sich traut und der sich die Mühe macht, für einen irgendwo Schilder abzuschrauben.

Nur: Mit Ende 20, Anfang 30 kann es darum nicht mehr gehen. Keine Freundin sagt zu einem mittlerweile doch recht erwachsenen Mann: Oh du bist ja ein toller Typ, du hast uns einen Tannenbaum geklaut!

Sie würde vermutlich eher sagen: Äh, geht’s noch? Du kleiner Depp! Dann würde sie vermutlich sehr bald lachen und ja, sehr wahrscheinlich würde sie ihm über den Kopf streichen und weiterlachen und ihn ein bisschen mitleidig, aber doch auch gerührt ansehen. Und ich glaube, ihr wisst das. Ihr wisst, dass genau diese Reaktion kommt und die wollt ihr auch. Ihr wollt so etwas wie „süße Chaoten“ sein. Deshalb macht ihr sowas.

Aber was ist daran so erstrebenswert ein süßer Chaot zu sein? Warum wolltet ihr früher coole Hunde sein und heute süße Chaoten? Oder haben wir eh alles falsch verstanden und es geht um etwas ganz anderes?

Bitte aufklären!

Eure Mädchen.

 

Die Jungsantwort

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Illustration: Katharina Bitzl

Liebe Mädchen,

 

wie’s der Zufall will, habe ich eben erst einen Text redigiert, den eine freie Autorin für uns geschrieben hat. Der Text erscheint erst kommende Woche, aber man wird es mir nicht übelnehmen, wenn ich schon ein bisschen spoilere und verrate, dass es darum gehen wird, in welchen Situationen sich Menschen in Menschen verknallt haben. Der Text beginnt so:

 

„Einer hat mal eine Tanne ausgerissen, auf dem Nachhauseweg von einer Bar, und sie dann auf seiner Schulter mit in die Tram genommen. Seine WG brauchte schließlich noch einen Weihnachtsbaum.“

 

Und jetzt frage ich euch: Wie, bitte, soll man sich denn in so einen Typen nicht ein bisschen verknallen?!

 

Und weil mir das so unfassbar offensichtlich erscheint, verstehe ich eure Frage quasi nicht. Denn natürlich ging es bei all den Straßenschildern, Baustellenleuchten, Schnapsflaschen und Mercedes-Sternen schon immer irgendwie um euch. Mittelbar zumindest. Natürlich wollten wir coole Hunde sein. Vor euch. Und wenn nicht direkt vor euch, dann halt vor den Jungs. Und vor uns selbst. Und spätestens mit dem Selbstverständnis aus alldem dann eben doch wieder vor euch.

 

Und natürlich hat das auf eine dummdreiste Art auch funktioniert damals. Mittelbar zumindest.

 

Und natürlich geht es darum auch später noch. Weil es auch da noch funktioniert. Da zwar garantiert nur noch mittelbar – aber immerhin. Der Mechanismus dahinter lautet: „Auffallen durch Außeralltägliches“. Und er ist erstens sehr mächtig, und ihm liegt zweitens ein wohl etwas unsympathisches Rollenverständnis zugrunde, das aber – zumindest nach privater Empirie – noch relativ eindeutig ist: Man benutzt das Wort „erobern“ bei Liebesdingen ja nicht mehr sehr gerne, aber ein bisschen trifft es eben schon noch das, was da passiert. Ich zumindest finde: Wir müssen noch hart arbeiten, um euch überhaupt aufzufallen. Und noch etwas härter, um euch dann auch zu gefallen. Und ab da müssen wir uns dann alle ungefähr gleich anstrengen, damit wir zusammenkommen und zusammenbleiben.

 

„Auffallen durch Außeralltägliches“ ist aber bis dahin relativ häufig unsere „weapon of choice“. Es hilft uns in jungen Jahren bei der ersten Hürde. Wir werden wahrgenommen. Wir überraschen. Nicht unbedingt positiv, schon klar. Aber fürs Erste reicht es. Und dass wir auch ganz normal sein können – mit Pärchenabenden irgendwann und auch vor Tante Erika noch später –, das können wir dann im Nachfassen zeigen. Und dann seid ihr positiv überrascht. Und zweimal überrascht ist ja quasi einmal verliebt.

 

Und eigentlich – und mich wundert ehrlich gesagt, dass euch das echt nicht bewusst ist – ist die Logik später doch noch sehr ähnlich. Nur unter minimal geänderten Vorzeichen. Ihr wisst irgendwann, wahrscheinlich sogar schon etwas länger, dass wir ziemlich normal sein können (die meisten Menschen sind das schließlich, qua Definition). Die befreundeten Pärchen wissen es. Tante Erika weiß es.

 

Und weil auf diese ganze Normalität eigentlich nur noch erst ein Skoda und dann ein Volvo (verschärfte Variante: Sharan) folgen kann, dann regelmäßige Brettspieleabende mit den Freunden und am Ende dann ein Urlaub mit Tante Erika, braucht es hin und wieder, und dann aber auch sehr dringend: Außeralltägliches. Wegen Auffallen. Und wegen Kampf gegen die Frühvergreisung.

 

Weil: Wenn es denn stimmt, dass wir in jüngeren Jahren quasi alles tun, um euch zu gefallen, dann gilt das später bestimmt auch noch. Mit einem kleinen Zusatz. Einer zweiten Motivation: den Kampf gegen allzu frühes Altern – im Kopf und im Leben. Was mittelbar aber eigentlich auch wieder heißt, dass wir das für euch tun. Um ein bisschen aufregend zu bleiben. Ein bisschen weniger Skoda.

Wahrscheinlich ist Bäume klauen (und ich halte das tatsächlich für eine bockstarke Geste, zumal ich den Typen gut kenne, der hasst Weihnachtsbäume, weiß aber, dass seine Freundin sie liebt) da tatsächlich die Vorhölle der Hölle, in der Paare dann mit Rollenspielen und schicker Unterwäsche am Geburtstag anfangen. Aber Himmel: Niemand hat gesagt, dass das mit dem Zusammen- und füreinander Aufregendbleiben leicht werden würde!

 

Oder um es anders zu formulieren: Mit Ende 20, Anfang 30 kannst du den Weihnachtsbaum entweder im Volvo heimfahren (auf dem Dach, damit er nicht so in den Fußraum saut) – oder ihn besoffen um vier in der Früh auf dem Nachhauseweg klauen!

 

Und jetzt legt diese Bilder nebeneinander. Und dann fragt noch mal, warum wir süße Chaoten sein wollen.

 

Eure Jungs.

 

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