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Wenn Freunde auf der Bühne langweilen

Dann muss man leider trotzdem bleiben. Oder?
Von Melanie Wolfmeier
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    Illustration: Daniela Rudolf

Immer dann, wenn die kleine rote Zahl bei der Facebook-Erdkugel aufleuchtet, bereue ich es, dass ich dort angemeldet bin. Denn viel zu oft kündigt sie etwas Unheilvolles an. Lesungen. Vernissagen. Konzerte. Organisiert von Freunden, und oft mit ihnen im Mittelpunkt.

 

Manche dieser Veranstaltungen sind gut und machen Spaß. Aber wenn man ganz ehrlich ist, muss man sagen: Sehr viele sind es leider nicht. Sie sind langweilig bis kaum erträglich. Manchmal ahnt man schon im Voraus, dass die Aufführung nur daneben gehen kann. Das Schlimme ist: Man muss trotzdem hin. Egal, wie schlimm es werden wird. 

Einladungen zu kulturellen Projekten von Freunden kann man unmöglich ignorieren. Denn: Nichts gefährdet eine Freundschaft so sehr wie das offen zur Schau gestellte Desinteresse am künstlerischen Schaffen eines Freundes. Es gibt keine gültigen Ausreden, die einem vor einem durchgähnten Abend bewahren könnten. Weil sich die Kreativlinge über jede noch so kleine Unterstützung freuen. Und weil es zu einer Freundschaft schließlich dazugehört, einander beizustehen: Wer eine Freundschaft eingeht, unterschreibt unbewusst eine uneingeschränkte Unterstützungsverpflichtung. Die gilt es einzuhalten. Egal, ob man Lust auf die Vorführung hat oder nicht. Schließlich will man ja auch, dass der Freund Erfolg hat, selbst wenn einem die tieferen künstlerischen Genialitäten seines Schaffens auf ewig verschleiert bleiben mögen.

 

Vor drei Wochen leuchtete das gefürchtete Facebook-Icon auf und teilte mir mit: "Deine ehemalige Schulfreundin Bernadette lädt dich zu ihrem Tanztheater ein!" Tanztheater? Gehört nicht zu meinen Kerninteressen. Und ich war mir recht sicher, dass Bernadette und ihre Aufführung daran nichts ändern würden. Aber ich mag sie eben, diese Bernadette, selbst wenn sie beim Über-die-Bühne-Poltern mehr Staub aufwirbelt als Faszination. Und dann folgte auf die Masseneinladung, die ich vielleicht noch hätte ignorieren können, auch noch eine zaunpfahlschwingende, private Nachricht von ihr: "Hallooo ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du auftauchst! A. will auch kommen! Bis dann zur Premiere!" Na toll, dachte ich, kein Ausweg in Sicht. Blieb nur: Augen zu und durch. Mal wieder.

 

Veranstaltungen dieser Art scheinen sich mit zunehmendem Erwachsenenalter zu häufen. Immer mehr Freunde entdecken plötzlich, dass der 0815-Weg nichts für sie ist. Dass das Uni-System keinen Platz lässt für Selbstverwirklichung. Dass die Ausbildung nicht den Freiraum bietet, der nötig ist, um der nächste Andy Warhol zu werden. Also unternehmen die Kreativitätsgeblockten eigene, mutige Gehversuche, bei denen sie ihre Persönlichkeit ausloten und formen. Genau das macht es mir aber so schwer, ihre Experimente offen scheiße zu finden oder ihnen fern bleiben: Sie sind den Freunden wichtig. Sie sind Teil ihrer Persönlichkeit – der Persönlichkeit, mit der ich befreundet bin. 

 

Zwei Tage nach besagter Einladung also rein in den Bus, hin zum Theater und mit Freundin A. in die Schlange, um die Karten abzuholen. Alle Versuche, mir noch schnell eine ordentliche Erkältung zu holen, waren gescheitert. Dem Theaterbesuch stand nichts im Weg. 

 

Die Freundschafts-Unterstützerpflicht brachte A. und mich bei Bernadettes Auftritt in die erste Reihe. Und die dunkle Vorahnung, die uns beide in angespanntes Schweigen hüllte, bestätigte sich viel zu schnell. Ab dem ersten Sprung sah ich die Meinung von unserer Sportlehrerin von früher bestätigt: Das Körpergefühl von Bernadette glänzte nur durch eines: durch Abwesenheit.

 

Wir saßen da, Bier schlürfend, geschockt und amüsiert zugleich und arg darauf bedacht, uns nicht anzusehen. Während A. und ich die Performance auf der Bühne verfolgten, schossen mir einige Fragen durch den Kopf: Wird es eine Pause geben? Können wir dann einfach gehen? Muss ich Bernadette sagen, dass ich noch nie so schlechte Filmeinspielungen, szenische Darstellungen und Ausdruckstänze an einem Abend gesehen habe? Finden die anderen Zuschauer das auch so scheiße? Und was macht eigentlich dieser seltsam gekleidete Papagei da auf der Bühne?!

 

Und dann die Frage, die ich mir jedes Mal wieder stelle am Ende einer dieser unzähligen Lesungen und Improtheater. Wieso gehe ich da eigentlich immer wieder hin? Aus Anstand, sage ich mir dann. Aus Rücksichtsnahme. Weil ich selbst meine Freunde an meiner Seite wissen wollen würde, wenn ich so viel von mir Preis geben würde. Und weil es mutig ist und bewundernswert, sich so völlig der öffentlichen Meinung auszusetzen. Und trotzdem schwor ich mir: Auf die nächste kulturelle Veranstaltung von egal wem werde ich garantiert nicht gehen.

 

A. und ich sind dann bis zur letzten, 124. Minute geblieben. Nicht zuletzt, weil es die herbeigesehnte Pause nicht gegeben hat. Auf dem Nachhauseweg, kurz bevor wir uns verabschiedeten, lud A. mich ein. Auf die Vernissage ihres Freundes. Ich nickte. Denn da abzusagen – das ging nun wirklich nicht.

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