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Warum die Fernbedienung in arabischen Wohnzimmern in Plastik gehüllt ist

Sie wird gehegt und gepflegt wie Gemüsebeete in deutschen Schrebergärten
Von Dunja Ramadan
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    Foto: privat

In der arabischen Welt erkennt man echte Wertschätzung anhand eines Werkstoffs: Plastik. Und das ist ja mal ein wirklich tiefgreifender kultureller Unterschied. Im Westen ist Plastik böse. Es gibt erste verpackungsfreie Supermärkte, sogar Discounter-Papiertüten animieren uns mit Aufschriften wie "Hallo Umwelt" – und in der arabischen Welt umhüllt man nur die wirklich wichtigen Dinge im Leben mit Plastik. Eine Veredelung, sozusagen.

Und wie immer, gibt es dieses eine Ding, das noch ein bisschen edler ist als alle anderen. Wer nun in einem arabischen Umfeld in Deutschland aufgewachsen ist, kennt die Queen des Plastikwahns: die Fernbedienung. Sie wird in Luftpolsterfolie, in Plastiktüten oder in eine Plastikfolie gehüllt. Hauptsache: Plastik. Wobei Luftpolsterfolie eher selten ist, da Kinder einfach zu viel Spaß beim Ploppen haben.

 

Warum das alles? Die Fernbedienung ist und bleibt ein Machtinstrument. Familienväter und Satellitenfernsehen, das ist wie Falafel mit Sesamsoße, beides gehört untrennbar zusammen. Die Fernbedienung wird gehegt und gepflegt wie Gemüsebeete in deutschen Schrebergärten. Sie wird vor Chipsfingern in Sicherheit gebracht, sie wird wertgeschätzt. Denn sie ist die Verbindung zur alten Heimat, zu einer Welt, in der man jedes Wort versteht, in der man die Sprache fühlt.

 

Aber nicht nur die Fernbedienung wird bevorzugt in Plastik gehüllt, auch Autositze, Matratzen und Ventilatoren, alles soll so lang wie möglich halten. Nicht selten fährt man durch die Straßen im Nahen Osten und sieht Männer und Frauen in ihren Neuwagen schwitzen. Die Autositze in der Original-Plastikverpackung. Beim Reinsetzen knistert es unterm Po. Kauft man ein und sagt, man brauche keine Plastiktüte, trifft man auf Unverständnis. Wie, du sagst nein zu Plastik?

 

Denn spätestens seit den gescheiterten Revolutionen wissen wir: Veränderungen und arabische Welt – das funktioniert nicht wirklich.

 

Warum, fragt man sich da. Meine These: Weil in der arabischen Welt alles im Verfall ist. Plastik gibt Arabern das Gefühl von Kontrolle. Das Gefühl, den Status quo so lange wie möglich zu erhalten. Während draußen Chaos und Abnutzung toben, regiert zu Hause Ordnung und Konservierung durch Plastik.

 

Denn spätestens seit den gescheiterten Revolutionen im Nahen Osten wissen wir schließlich: Veränderungen und arabische Welt, das funktioniert nicht wirklich. Stillstand, Lethargie, Nostalgie – das alles steckt im Plastik. Man hat keine Kontrolle darüber, was passiert. Aber wenn man Plastik darüberlegt, dann scheint man zumindest im heimeligen Umfeld den Verfall hinauszuzögern. Man drückt auf Pause.

 

Erst, wenn die Ordnung auch außerhalb des Neuwagens eintritt, werden die Menschen auf Plastik verzichten. Erst, wenn der Neuanfang den Verfall ablöst, ist auch die steile Karriere des Plastiks vorbei.

 

In Deutschland sieht die Sache mittlerweile etwas anders aus. Die plastikbezogene Fernbedienung gibt es zwar vereinzelt noch, aber ihre schillernden Jahre sind vorbei. Auch hier scheint der Grund klar: Anfangs waren Neuankömmlinge überfordert. Alles war neu, die Fernbedienung und das Plastik haben da einfach im doppelten Sinne Halt gegeben. Heute freue ich mich, wenn ich Wohnzimmer betrete ohne plastikbezogene Fernbedienungen. Das bedeutet so viel wie: Wir haben keine Angst vor Kontrollverlust, vor Veränderungen, vor einem neuen Sender. 

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