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Fernsehen, junge Menschen und Politik? Ja, das geht.

Wenn man uns endlich ernst nimmt – wie in unseren Nachbarländern.
Von Jean-Marie Magro
  • de politik alte menschen
    Illustration: Lucia Götz

Liebe Gleichaltrige, die ihr nicht wählen geht, ich kann euch verstehen. Früher, als ich zur Schule ging, hätte mir mein bester Freund für diesen Satz als Strafe wahrscheinlich die Schulter ausgekugelt. Ich war politisch interessiert und engagiert, ich demonstrierte und organisierte Podiumsdiskussionen – im Gegensatz zu den meisten meiner Klassenkameraden.

 

Manche sagten dann zu mir, ich würde mal Kanzler werden. Einerseits schmeichelte mir das. Andererseits fragte ich mich, warum ich der einzige war, den diese Themen interessierten. Heute ist mir das klar. 

Ich bin nicht sauer auf die Politik. Nur enttäuscht. Denn Politiker – und auch die Medien – nehmen uns nicht ernst. Korrigiere: Sie nehmen uns nicht einmal wahr. Klar ist Deutschland in Europa und im internationalen Vergleich ein Vorzeigeland in Bezug auf Freizeitangebote, Bildungsgerechtigkeit und Jugendarbeitslosigkeit. Doch wird uns vorgejammert, dass sich so wenige von uns an der Wahlurne einfinden. Ihr wollt wissen, warum? Ganz einfach, ihr traut uns nicht einmal zu, mit euch zu diskutieren. Es ist ein wenig wie früher beim großen Familienessen: Wir kriegen zwar ein Stück von der Torte, doch wenn die große Weltpolitik besprochen wird, sollen wir uns zum Spielen um die Ecke verziehen. Wir wären doch nur gelangweilt davon. In Wahrheit habt ihr einfach nicht geschnallt, dass wir nur dazugehören wollen.

 

Weil ich das Glück habe, neben der deutschen auch die französische Staatsbürgerschaft tragen zu dürfen, kann ich dieses Jahr auch zweimal wählen. Ja, in Frankreich läuft vieles schlechter als in Deutschland. Ja, in Frankreich ist die Wahlbeteiligung unter den 18- bis 34-Jährigen noch wesentlich geringer als in Deutschland. Stimmt alles. Doch fühle ich mich in Frankreich von den Medien – speziell von den Öffentlich-Rechtlichen – ernster genommen. 

Das Ergebnis der Vernachlässigung unserer Altersklasse lässt sich in ganz Europa und auch schon teilweise bei uns in Deutschland beobachten: In Sachsen-Anhalt wählte mehr als jeder Vierte 18- bis 25-Jährige AfD. In Frankreich wählt jeder Dritte Marine Le Pen und ihren Front National. In Italien ein ungefähr genauso großer Anteil die Fünf-Sterne-Bewegung... Überall dasselbe Bild: Die jungen Leute gehen verhältnismäßig selten wählen und bei denen, die es tun, wächst der Stimmanteil der Populisten, Nationalisten und Extremisten.

 

Nun ist es vor allem die Aufgabe der Medien, an unserer politischen Willensbildung mitzuwirken, uns Informationen darüber zur Verfügung zu stellen, wer unsere Interessen am besten vertritt. Doch leider machen sie ihren Job nicht. Wenn das einzige Vorzeigeprojekt der Bundesrepublik für eine junge Politiksendung ein sich naiv stellender Beau mit Bart ist, haben wir hier ein Problem. Gewiss, nun startete mit funk, dem Jungen Angebot von ARD und ZDF, ein Programm, mit dem speziell wir angesprochen werden sollen. Doch mindestens genauso wichtig: In den großen Debatten, den TV-Duellen, den Talkshows, den "Brennpunkten" oder Spezialsendungen finden wir, die Jugend, weiterhin nicht statt.

 

Es folgt ein Auszug der Sendungen, die vor der letzten Bundestagswahl 2013 im Deutschen Fernsehen liefen: ProSieben startete "Task Force Berlin". Rebecca Mir, Zweite bei Germany’s Next Topmodel im Jahr 2010, fragte Markus Söder. Der Sänger Gentleman fragte Peer Steinbrück. Und die Tänzerin Nikeata Thompson fragte Daniel Bahr. Sie sollen "Botschafter" der Jugend sein. Warum wir nicht selbst Fragen stellen durften? Es sollte etwas "Besonderes" sein, was nur mit den Pro-Sieben-"Faces" ginge, erklärten die Verantwortlichen.

 

Die ARD versuchte mit dem provokativen Titel "Überzeugt uns! Der Politiker-Check" die Gunst der Jugend zu gewinnen. Dabei bot das Erste ein Unter-40-jähriges Schwergeschütz nach dem anderen auf – Zamperoni, Bauerfeind, LeFloid... Im ZDF forderte Quizonkel Jörg Pilawa bei der Sendung "Wie wählt Deutschland?" die Generationen gegeneinander zum Duell auf und stellte ihnen Fragen zum Politikwissen. 

Wer kann – ohne zu googlen – sagen, wer derzeit JU-Vorsitzender ist? 

Ich bin der Meinung, wir brauchen keine bekannten Gesichter oder Spielshows, um uns für Politik zu interessieren. Wir brauchen einfach nur das Gefühl, dazuzugehören und ernst genommen zu werden. Diese Gefühle ließen sich mit vergleichsweise wenig Aufwand umsetzen. Andere Länder machen vor, wie ein ernsthafter Ansatz aussehen könnte, ein Ansatz, bei dem wir an der politischen Debatte teilhaben dürfen.

 

In Großbritannien fand zu den Wahlen 2015 auf Channel 4 eine Debatte zwischen den Redeführern der Jugendorganisationen der großen Parteien statt. Diese Gremien werden in der deutschen Berichterstattung derzeit völlig ausgespart. Oder wer von euch kann – ohne zu googlen – sagen, wer derzeit JU-Vorsitzender ist? Anderes Beispiel: Im letzten Jahr, kurz vor der Brexit-Abstimmung, veranstaltete die BBC eine Podiumsdiskussion mit Jungwählern. Diese stellten im Plenum Fragen an Parteifunktionäre, die sich um das Für und Wider des Ausstiegs aus der Europäischen Union stritten.

 

Belgien war mit so einer Diskussion noch früher dran. Zu den Europawahlen im Jahr 2014 lud die überregionale Zeitung Le Soir die jungen Leute ein, den Spitzenkandidaten der Parteien von Angesicht zu Angesicht Fragen zu Arbeit und Mobilität zu stellen.

 

Als ich vor Kurzem den "Presidential"-Podcast der Washington Post – sehr zu empfehlen – hörte, lief vor jeder Sendung, in der einer der 45 Präsidenten der Vereinigten Staaten vorgestellt wurde, ein Spot von "How Tomorrow Votes". Bei dieser groß angelegten Kampagne von CSX geht es darum, dass Minderjährige Fragen an Kongressabgeordnete und Senatoren stellen. Sie haben zwar keine Stimme, sollen dennoch gehört werden. Ein großartiges Prinzip. Denn die Fragen der Kinder sind wegen ihrer Banalität wesentlich schwieriger für Politprofis zu beantworten.

 

In meiner zweiten Heimat Frankreich wählen noch viel mehr junge Leute rechts als in Deutschland. Hier ist das Vertrauen in die Politik erschüttert, obwohl die Medien die jungen Leute tatsächlich ernst nehmen und zu Wort kommen lassen. Im Radio hält seit neuestem ein Programm namens "Les Enfants de la Politique", übersetzt Die Kinder der Politik, Einzug. In dieser Sendung gestalten junge, manchmal mehr, manchmal weniger politikinteressierte Leute die Sendung und konfrontieren sogar Präsidentschaftskandidaten On Air mit Aussagen wie "Sie sind für mich ein Krimineller".

 

Die wirksamste Methode ist, uns Jungwählern Raum zu geben auf den Sendeplätzen, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen

 

Die deutschen Rundfunkanstalten könnten genauso gut den Kontakt mit öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten suchen. Ein anderes französisches Projekt macht es vor: Im Dezember schloss sich die Universität Sciences Po zusammen mit einer Internetplattform und der Zeitung Les Echos. Sie befragte 40 000 junge Menschen unter 30 Jahren nach ihren Vorschlägen für ein Wahlprogramm. Die Vorschläge, die den größten Anklang fanden, also am meisten geteilt wurden, arbeiteten Studenten gemeinsam mit Professoren aus und rechneten sie auf ihre Finanzierbarkeit durch. Entstanden ist ein Programm mit fünf Forderungen. Darunter befindet sich überraschenderweise kein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern eine "Dotation Tremplin universelle", ein Startkapital in Höhe von 5 000 Euro für jeden Franzosen, der die Volljährigkeit erreicht, um Chancengleichheit im jungen Alter sicherzustellen. Bis zum 8. April sollen die Präsidentschaftskandidaten zu diesem Programm Stellung beziehen und die Punkte gegebenenfalls übernehmen. So funktioniert Demokratie.

 

Die wirksamste Methode ist meiner Ansicht nach, uns Jungwählern Raum zu geben auf den Sendeplätzen, die mit am meisten Aufmerksamkeit auf sich ziehen: die Talkshows. Auch wenn immer weniger von uns fernsehen und lieber netflixen oder anderswo streamen, hätte es doch eine gewaltige Bedeutung. Es würde heißen, wir sind so wichtig, dass wir vor Millionen anderen Menschen, die älter sind als wir und sich nicht in uns hinein versetzen können, unsere Anliegen vorbringen.

 

Wir haben es verdient, gehört zu werden

 

Als ich letztens im öffentlich-rechtlichen französischen Fernsehen die Sendung L’Emission Politique, einer der Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten Frankreichs, guckte, war ich beeindruckt: Zur besten Sendezeit ist der Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten Benoît Hamon zu Gast. Natürlich fragt ihn der Journalist zu seinem Verhältnis zu anderen Politikern oder seiner Chancenlosigkeit, die Wahlen zu gewinnen. Wie das nun mal in politischen Sendungen so ist. Wie oft haben wir Anne Will, Maybrit Illner oder Frank Plasberg einen SPD-Verantwortlichen fragen hören: ‚Können Sie sich ein rot-rot-grünes Bündnis vorstellen?’

Doch dann wird ein neuer Moderator auf die Bühne gebeten – und mit ihm zusammen zwei junge Menschen. Sie diskutieren mit Hamon über seine Vorschläge zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit und zum bedingungslosen Grundeinkommen. Der Moderator lässt Meinungen und Fragen der jungen Gemeinde aus dem Netz miteinfließen. 20 Minuten lang. Es ist eigentlich nichts Besonderes. Übertragen auf Deutschland hieße das jedoch, ich dürfte Frauke Petry vor einem Millionenpublikum fragen: Meinen Sie wirklich, es gäbe mehr Jobs für meine Generation, wenn wir aus der Europäischen Union aussteigen? Wenn wir keine Geflüchteten mehr aufnähmen?

 

Für eine politisch interessierte Jugend, die zur Wahlurne gehen, die ihre Meinung in den Diskurs einbringen soll, braucht es keine groß angelegten, ausgeklügelten Formate. Es muss erst einmal die Bedingung erfüllt werden, dass man sich zugehörig fühlt, als Teil der Gesellschaft, der es wert ist, gefragt zu werden. Vielleicht sollten ARD und ZDF diesen Punkt einmal überdenken. Wir haben es verdient, gehört zu werden. 

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