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Arbeit schlägt Studium!

Das Studium ist die beste Zeit des Lebens - diesen Satz hört man ziemlich oft. Dabei ist das totaler Quatsch. Richtig gut wird es erst, wenn man arbeitet.
Von Charlotte Haunhorst
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    Illustration: Daniela Rudolf

Dinge aus meiner Studienzeit, an die ich mich erinnern kann: Ein Haushaltsbuch, in dem ich zusammenrechnete, wie lange das Geld noch reicht Bratnudeln mit Ei und Mais am Monatsende  Lernmarathons, bei denen ich zehn Stunden in der Bibliothek sitzen musste, während draußen die Sonne schien  Campingurlaube in Spanien Ich weiß nicht, woran die Generation meiner Eltern oder Großeltern sich aus dem Studium erinnert. Aber, wenn ich ihren Erzählungen so zuhöre, denke ich: Es muss das Paradies gewesen sein. Anders ist zumindest nicht zu erklären, wieso einem ältere Menschen immer wieder sagen „Ach das Studium – das war die beste Zeit meines Lebens.“ Menschen wie ich, die mit 26 seit zwei Jahren arbeiten, werden hingegen mit Sätzen wie „Du Arme“ oder „Willkommen im echten Leben“ bedacht. Weil, aus ihrer Sicht ja auch klar: Wenn das Studium vorbei ist, kann’s nur noch bergab gehen.

 

Dabei ist das Quatsch. Die beste Zeit des Lebens ist nicht das Studium. Es ist die Zeit, in der man mit dem ersten Job Geld verdient. Denn die drei Dinge, die im Studium am meisten nerven, sind mit dem ersten Job vorbei: Zwang, ständiges Pleitesein und Angst.

 

Die Sache mit dem Zwang wird rückblickend wohl am stärksten verklärt. Manche behaupten sogar, im Studium habe man so viel Freizeit wie sonst nie und würde sich nur mit Dingen beschäftigen, die einen wirklich interessieren. Das hat sich allerdings spätestens mit der Einführung des Bologna-Systems erledigt. Viele Studieninhalte sind mittlerweile Pflicht, da ist es egal, ob man anstatt Statistik II zu lernen lieber in der Sonne sitzen würde. Und die glorifizierten Semesterferien werden mittlerweile auch mit mindestens einem Praktikum gefüllt – wenn nicht freiwillig, dann, weil es in der Studienordnung vorgeschrieben ist. Die 30 Tage Jahresurlaub aus dem Berufsleben klingen da schon vielversprechender. Da erwartet keiner, dass man sich noch sozial engagiert oder sonstwie den Lebenslauf aufpoliert. Wenn frei ist, ist man wirklich frei.

 

Natürlich macht man im Job auch nicht nur Sachen, die man spitze findet. Aber vor die Wahl gestellt, ob ich unbezahlt im Neonlicht einer Bibliothek lernen oder gegen Geld im Neonlicht eines Büros arbeiten möchte – ich weiß, wofür ich mich entscheiden würde. Denn das ständig leere Konto im Studium ist ein weiterer Punkt, weshalb der erste Job einfach die bessere Zeit ist.

 

Kein Geld zu haben nervt nicht nur, es macht auch abhängig

 

Von monatlich 670 Euro Bafög-Höchstsatz in einer Stadt wie München zu leben, macht keinen Spaß. Sich tagelang von Nudeln oder Cornflakes mit H-Milch zu ernähren, sowieso nicht. Das wird im Nachhinein auch gerne glorifiziert: „Wir hatten kein Geld, aber wir waren glücklich“. Die Wahrheit ist: Kein Geld zu haben nervt nicht nur, es macht auch abhängig. Dabei wird gerne behauptet, das Studium sei so toll, weil man nur für sich selbst verantwortlich sei. Weil man sich vor niemandem rechtfertigen muss. Aber das stimmt nicht. Man muss sich im Studium vor den eigenen Eltern verantworten. Weil die im Regelfall die Geldgeber sind.

 

Auch das fällt mit dem ersten Job weg. Da rechtfertigt man sich vor niemandem, wenn man sich das zehnte Sommerkleid kauft oder jeden Abend noch ein teures Bier am Kiosk. Das Geld hat man ja selbst verdient. Und nächsten Monat kommt neues rein. Im Studium bei den Eltern anzuklopfen oder einen Studienkredit aufzunehmen, ist da weitaus unangenehmer.

 

Am schlimmsten wird diese finanzielle Abhängigkeit, wenn man darüber nachdenkt, das Studium zu schmeißen: Dann können die Eltern oder das Bafög-Amt nämlich sehr wohl sagen „Zweites Studium? Bezahlen wir nicht.“ Im Job kann einen niemand daran hindern zu wechseln, wenn man unglücklich ist. Natürlich gibt es da auch finanzielle Engpässe, aber da ist man dann wirklich nur selbst für verantwortlich.

 

Wer jetzt nörgelt, dass das selbstgemachte Leiden seien und man im Studium ja einfach auch arbeiten könne: falsch. Kann man eben nicht immer. Und selbst wenn: Dann arbeitet man und muss nebenbei noch einen zweiten, unbezahlten Beruf stemmen: Das Studium. So richtig Freizeitdauerspaß ist das nicht.

 

Das schlimmste an der Studienzeit ist aber die Angst. Angst, es nicht zu packen, danach keinen Job zu finden, andere und sich selbst zu enttäuschen. Und auch das ist mit dem ersten Job vorbei: Denn dass man irgendwie unterkommt, hat man dann ja schon gemerkt. Und dann sollte man erstmal viel Geld ausgeben für etwas richtig Gutes zu Essen, ohne Bratnudeln und Mais. Und Urlaub machen, mit Mietwagen und ohne Zelt. Für mich klingt das nach der ziemlich besten Zeit des Lebens.  

 

 

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