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Danke, und selbst?

Bis sie sich vor kurzem die Haare rot färbte, hatte unsere Autorin eine Gruppe von Menschen fast vergessen: Diejenigen, die hinter jeder äußerlichen Veränderung einen dramatischen seelischen Abgrund vermuten.
mercedes-lauenstein

Ich habe mir die Haare ziemlich spontan knallrot gefärbt. Mein aschblonder 08/15-Dutt hat mich seit Wochen gelangweilt, aber ich hatte noch keine neue Idee. Und dann war da plötzlich ein grau-verschneiter Samstag und mein akutes Faible für Garbage-Videos und alte Claire Danes-Fotos. Die meisten, allen voran mein Freund, fanden das Resultat erstaunlich gut und sagten Sachen wie: „Mutig“, „Tolle Farbe“,oder „Steht dir“. Andere wiederum sagten: „Ich fand’s vorher zwar besser, aber na gut.“ oder auch „Oh Gott, du kleiner Hippie, naja, ich mag dich trotzdem!“ Natürlich suhle ich mich in Komplimenten lieber als in enttäuschten Blicken, aber gemäß des Grundsatzes, dass man sowieso nie allen gleichzeitig gefallen kann, kann ich auch mit ihnen leben. 

Womit ich hingegen gar nicht gut leben kann, sind die unheilvollen Reaktionen küchenpsychologischer Skeptiker: Das irritierte Schweigen einer Freundin, in dem irgendetwas von „Bist du sicher, dass es dir auch wirklich gut geht?“ mitschwingt. Das zurückgenommene „Aha und wieso gehst du so offensiv damit um?“ eines Kollegen, als ich ihm frisch rotgefärbt und aufgeregt hüpfend verkünde: „Waaah, guck mal, ich hab rote Haare!“. Und schließlich die wohl klischeehafteste Reaktion: „Wenn ich dein Freund wäre, hätte ich jetzt aber Angst vor den Veränderungen, die mir drohen!" aus dem Mund eines weiteren Bekannten.

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Ich glaube fest daran, dass jeder, der eine äußerliche Veränderung vornimmt, eine Motivation hat, dies zu tun, sonst würde er es nämlich bleiben lassen. Nur: Wieso muss diese immer gleich auf einen Dachschaden deuten? Wieso muss jede Lust auf Neues von Ersatzhandlungen und fataler Fehlkanalisation diffuser Sehnsüchte erzählen? Warum ist in den Augen mancher Leute jede radikale Stilveränderung gleich ein Hilfeschrei?

Eine meiner besten Freundinnen rasierte sich im Erasmus-Semester ihre langen Haare ab. Nicht, weil sie in Portugal so unglücklich, einsam und verzweifelt war, sondern, weil sie dort ganz im Gegenteil: ziemlich entspannt war. Weil sie das mit der Komplettrasur sowieso schon immer mal ausprobieren wollte. Weil sie generell ein ziemlich neugieriger Mensch ist. Und weil sie sich da in Portugal auf einmal auch den Kahlschnitt traute. Ihre Eltern und Großeltern fanden das aber gar nicht so entspannt. Ihre Mutter schrieb ihr eine sehr besorgte E-Mail, in der sie irgendeinen berühmten Philosophen zitierte, sinngemäß stand da Folgendes: Veränderst du dein Äußeres, ist im Inneren etwas im Argen! Die Mutter schickte dieses Zitat als Warnung und garnierte es mit vertrauensvollen Zusprüchen, dass die Tochter doch bitte mit ihnen über ihre Sorgen reden möge und dass sie bitte auf keinen Fall Dummheiten begehen solle.

Meine Freundin erschrak, als sie die Mail bekam. Nicht, weil die Mutter ins Schwarze getroffen hatte und sie sich ertappt fühlte. Sondern weil sie das Gefühl hatte, völlig verkannt zu werden. Sie hatte keine Probleme. Es ging ihr gut, so gut sogar, dass sie mutig genug war, endlich die langen Haare abzusäbeln. Sie genoss diese Veränderung und war entspannt genug, zu sagen: Wächst ja wieder. Sie dachte: Wann, wenn nicht jetzt, ich habe Bock, zack, ab damit.

Ich zweifelte damals keine Sekunde an ihr, weil ich sie kannte. Weil ich Menschen generell erstmal vertraue, Veränderungen mutig und positiv finde und Ungewohntes nicht verurteile, nur weil es ungewohnt ist. Warum hab ich meine Haare gefärbt? Ja, ich fand meinen täglichen blonden Dutt eh fad und ja, es macht den hartnäckigen Winter etwas weniger grau, und ja, es macht, dass ich mich gerade ganz frisch und neu fühle. Aber sonst? Nein, ich hasse mein Leben nicht, nein, ich habe mich nicht von meinem Freund getrennt und ich habe es auch nicht vor. Nein, ich sehne mich nicht nach einem völlig neuen Leben und habe mir stattdessen die Haare gefärbt. Nein, ich beginne nicht bald, mich zu ritzen. Im Gegenteil: Bis auf die normale kleine Winterdepression geht es mir gerade allgemein so gut, dass ich nicht mal darüber nachdenke, wem ich mit diesen Haaren gefalle oder nicht. Ich hatte Bock, habs gemacht, zack, rot waren sie. Und jetzt finde ich es gerade ziemlich toll, morgens in den Spiegel zu gucken oder mich in Schaufenstern zu spiegeln und immer noch ein bisschen aufgeregt zu sein, weil ich überhaupt gar nie dachte, dass ich mal rote Haare haben würde. Und wenn sie mir nicht mehr gefallen, muss der Friseur sie eben umfärben, so einfach ist das.
 
Das mag jetzt eine genauso vage Küchenpsychologenunterstellung sein, wie die, die ich hier kritisiere, aber: Ist es nicht viel eher so, dass es genau diese unheilvollen Skeptiker sind, die ein Problem mit ihrem Leben haben und nicht diejenigen, denen sie eines unterstellen? Weil ihnen die kleinste Veränderung anderer Angst macht? Den Verlust ihrer vertrauten Welt fürchten macht? Weil sie merken: Oh, die Person ist ja gar nicht ganz genau so, wie ich dachte, dass sie sei? Weil sie Angst haben, dass eine geliebte Person ihnen entgleitet? Weil sie mal wieder den Beweis haben, dass morgen schon alles ganz anders sein kann? Oder weil sie sich womöglich ärgern, nicht selbst mal irgendetwas zu riskieren?

Ich weiß es nicht und ganz sicher hat keine Reaktion genau dieselben Beweggründe. Klar ist nur, dass alle, die äußerliche Veränderungen dramatisch fehlinterpretieren, nicht nur sich selbst, sondern auch ihrem Umfeld Handlungssspielraum rauben. Und das macht ihre Welt ziemlich eintönig, ihren Horizont ziemlich schmal und ihren Sympathiewert auf Dauer ziemlich winzig.

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