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Gekommen, um zu gehen

Was wir uns am Wochenende gefragt haben: Wieso gehört es fast schon zum guten Ton, ausgiebig zu feiern? Wer nicht will, muss sich verteidigen. Das muss aufhören.
mercedes-lauenstein

Meine Ausgehgelüste sind eine sehr ambivalente Sache. Ich gehe nicht regelmäßig und meist sehr spontan aus und es kann durchaus vorkommen, dass ich von einem Moment auf den anderen alle Ausgehpläne streiche, weil ich mich plötzlich nicht mehr danach fühle. Dumm ist, dass ich einige Freunde habe, die sehr gerne „feiern gehen" oder zumindest glauben, sie müssten das gerne tun, weil sie jung und frisch und kraftvoll sind. Aber sollte man in seiner Freizeit nicht Dinge tun, die einem Spaß machen? Und sollte man nicht selbst festlegen, was das akut bedeutet?

Der für das geplante Ausgehen immer wieder benutzte Begriff „Feiern gehen" ist ja schon irreführend genug, weil man eigentlich nur im Nachhinein sagen kann, man habe gefeiert. Was, wenn man sich auf einer Party ganz schlimm gelangweilt hat? Die Qualität einer Party ist leider selten im Voraus abzusehen. Der Bezeichnung selbst wohnt also eine so starre Erwartungshaltung inne, dass Enttäuschungen vorprogrammiert sind. Ständig wie eine Irre herumfeiern zu können ist zwar eine schöne, aber leider eine total realitätsferne Vorstellung. Oft geht man leider nur, weil man sich mal wieder blicken lassen wollte und dann auch gleich einen sympathischen Eindruck hinterlassen. Weil man ein Geburtstagskind oder einen zu Verabschiedenden nicht enttäuschen wollte. Oder schlimmer: Weil man sich selbst mal wieder „Spaß" verordnen wollte. Das muss aufhören.

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Denn wenn man erst soweit ist, zu glauben, ausgelassener Spaß sei nur durch „Feiern" möglich, dann läuft man Gefahr, zum Überredungsnervling zu werden und somit zur unerträglichsten Sorte Mitmensch. Der Überredungsnervling ruft immer dann an, wenn man dabei ist, sich auf eine fantastische Samstagsnacht ohne Menschen zu freuen, in der man unbeobachtet und im Jogginganzug lauter gute Dinge tun kann. Er entpuppt sich dadurch, dass er zum eigenen wohlüberlegten Beschluss nicht mit den Worten: „Na gut, schade, dann eben wann anders und viel Spaß in der Badewanne, das hört sich gut an" reagiert, sondern mit diesen: „Aaach, komm schon, sei nicht so tranig/faul/langweilig, wenn du erstmal draußen bist, kommt der Spaß von allein, ich schwör's!".

Solche Leute machen mich sehr wütend. Nicht nur, weil sie mir offensichtlich unterstellen, ich sei nicht ganz zurechnungsfähig und müsse, wie ein Kleinkind, zu meinem Glück überredet werden. Sie setzen mich zusätzlich unter einen völlig hinrissigen Rechtfertigungsdruck, dem ich dann, obwohl ich um seine Idiotie weiß, kaum standhalten kann. Meine Argumente für das Zuhausebleiben wiegen nun einmal auf den ersten Blick nicht besonders schwer. Wenn ich als Partyverhinderungsgrund „Lust auf Tee und Badewanne" angebe, haben es meine Freunde natürlich leichter, mir Frühvergreisung zu unterstellen, als wenn ich sage: „Ich muss morgen wirklich ganz früh raus und arbeiten/ meinen Opa beerdigen / bis 11 Uhr vormittags das vierstöckige Haus meiner Eltern in Umzugskartons gepackt und in drei LKWs verladen haben."

Verzwickter ist die Lage noch, wenn ich an einem exzessfreudig eher schwachen Tag, nicht einfach zu Hause bleibe – sondern irgendwohin gehe, weil ich zu einer Veranstaltung eingeladen wurde oder ich eine Verabredung einhalten möchte, die schon sehr lange steht und mich eigentlich auch darauf freue. Nur weiß ich eben auch: Ich möchte nicht so lang machen. Doch bin ich dann da, ist das Dilemma plötzlich wieder mittel bis groß, denn was sagt man, wenn man den Anstandssekt getrunken hat (oder schlimmer: gleich bei Spezi geblieben ist) und um zwölf Uhr einfach sehr gerne wieder gehen möchte?

Einige Menschen schaffen es, stumm wie ein Fisch aus der Runde zu gleiten – ohne Abschied und ohne ersichtlichen Grund. Sie kriegen liebevoll den eigenwilligen Eremitenstempel aufgedrückt. Aber wenn man es nicht übers Herz bringt, es ihnen gleich zu tun? Wenn man sitzen bleibt bis auch der letzte gegangen ist, weil man nicht möchte, dass man derjenige war, an dem alles zu Bruch ging? Aufbruchsstimmung verbreiten ist doof und dass ein Geburtstagsmensch oder ein anderweitig geehrter Kandidat sich ungeliebt fühlt, weil man heimlich gähnend in der Runde sitzt und beim erstmöglichen Zeitpunkt versucht aufzubrechen, ist keine schöne Vorstellung. So jemand möchte keiner sein, genauso wie niemand ein Langweiler sein möchte oder ein Frühvergreister. Was man sich aber vielmehr fragen sollte, ist: Wer will eigentlich ein Heuchler sein?

In Wirklichkeit ist es doch so: Das Mutigste und ganz und gar nicht Langweiligste, was man sich selbst und seinen Mitmenschen antun kann, ist ehrlich zu bleiben. Eine ehrliche Spontanität ist genauso wenig gleichbedeutend mit Gemeinheit oder Desinteresse wie gezwungenes Ausgehen gleichbedeutend mit Lebensfreude – sondern genau andersherum.

Wenn man dem Anderen das mit der Lust auf die Badewanne und den Jogginganzuggelüsten mit der tiefsten Inbrunst seines Herzens erklärt, wer sollte da uneinsichtig sein? Vielleicht würde es ja sogar bewirken, dass der andere einem mehr Respekt zollt als der übrigen Gesellschaft, weil er nämlich kapiert, woran er ist. Sich den gefühlten Ausgehpflichten einfach nicht mehr zu beugen, könnte sogar bewirken, dass alle mehr Mut zum Daheimbleiben entwickeln und die Spezies der Überredungsnervlinge langsam ausstirbt. Und vielleicht wird dann ja plötzlich das, was sich viel zu oft als erwartungsversteiftes Feierpflichtbewusstsein äußert, wieder zu dem, das damit ursprünglich gemeint war: Mal zu schauen, was so geht.

Die besten, längsten und unvergesslichsten Partynächte erlebt man ja bezeichnenderweise immer dann, wenn man unmerklich in sie hineingerät, und die Tatsache, ob der nächste Tag ein Samstag, ein Sonntag oder dummerweise ein kateruntauglicher, arbeitsbeladener Donnerstag ist, keine Rolle mehr spielt. 

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