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Der Generation Y wird ja gern vorgeworfen, sie halte sich völlig grundlos für etwas Besonderes und mache sich damit unglücklich. Das ist Schwachsinn.
melanie-maier

Ich kann es nicht mehr hören. „Die Generation Y ist unglücklich: Sie hält sich für etwas Besonderes, weiß aber nicht, warum.“ Immer wieder kursiert das Thema in den Medien, und immer wieder werden dieselben Vorurteile aufgewärmt: Die heute Unter-35-Jährigen hätten zu hohe Ansprüche, sie seien faul und anmaßend. Wohl Ausgang der endlosen Debatte: Der Artikel eines gewissen Tim Urbans, der bereits im September 2013 (!) auf seinem Blog erschienen ist. Darin fällt Urban ein harsches Urteil über unsere Generation: Sie bestehe aus „GYPSYs“ („Gen Y Protagonists & Special Yuppies“), die denken, sie seien der Mittelpunkt einer ganz besonderen Geschichte – die Realität gewordene Truman-Show, sozusagen.   

Schuld daran, so Urban, seien auch unsere Eltern. Sie hätten uns eingetrichtert, wir könnten in unserem Leben alles werden, was wir nur wollten. Dies wiederum habe zu unrealistischen Zukunftserwartungen geführt: Denn während unsere Eltern als Kinder der Nachkriegsgeneration „nur“ einen sicheren Arbeitsplatz mit genug Kohle für Kinder, Katze und Eigenheim wollten, würden wir GYPSYs nach dem „ganz persönlichen“ Traum streben (soll heißen: dem COOLEN sicheren Arbeitsplatz mit genug Kohle für Kinder, Katze und Eigenheim).  

Um das zu erklären, braucht man keinen Master in Psychologie. Es reicht ein Blick auf Wikipedia, Stichwort: Maslowsche Bedürfnispyramide. Die Theorie des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow besagt, dass menschliche Bedürfnisse einer Art Rangordnung folgen: Auf die physiologischen Bedürfnisse (Trinken, Essen, Schlafen, Sex) folgen die Sicherheitsbedürfnisse, dann erst die sozialen und Individualbedürfnisse. An der Spitze der Pyramide: die Selbstverwirklichung. Wir, die Generation Y, sind offensichtlich ganz oben angelangt. Wir leiden keinen Hunger, fühlen uns sicher, führen im Großen und Ganzen funktionierende Beziehungen, sind gebildet und weitestgehend unabhängig. Unsere große Herausforderung ist nun eben die Selbstverwirklichung: Wir wollen den richtigen Partner, den richtigen Wohnort, den richtigen Job. Und nicht irgendeinen.   

Ganz ehrlich: Ich finde das weder überraschend, noch weiß ich, was daran verwerflich sein soll. Wir wollen  also einen Beruf finden, der uns erfüllt – Ruhm und Geld stehen an zweiter Stelle. Warum sollte das nicht okay sein? Dass die Generation Y unmotiviert und faul ist, dass sie erwartet, der Traumjob fliege ihr wie im Schlaraffenland als gebratenes Hühnchen in den Mund, ist schlichtweg Unsinn. Das sagt, unter anderen, auch Audi-Personalvorstand Thomas Sigi: „Diese jungen Leute sind zwar sehr anspruchsvoll, aber auch sehr engagiert. Wenn sie merken, dass man sich ihrer Themen annimmt, sind sie zu sehr hohem Einsatz für das Unternehmen bereit“, so Sigi im Gespräch mit der Tagesschau.   

Kein Wunder, dass die Generation Y die Vorwürfe so langsam satt hat. Unter einen Facebook-Post der Zeitschrift The Atlantic, die Urbans Text vor kurzem mal wieder verlinkt hat, schrieb eine Userin denn auch: „Ich habe diesen Artikel schon einmal gelesen und hasse ihn noch immer. Meine Eltern haben mir beigebracht, hart zu arbeiten und das tue ich. Wenn ich unglücklich bin, dann nur deshalb, weil ich hart gearbeitet habe, um einen Studienabschluss zu erhalten (und tonnenweise Schulden dazu), um wiederum einen „guten Job“ zu erhalten – hart in diesem Job zu arbeiten, schlecht bezahlt zu werden, ohne Krankschreibung, Mutterschaftsurlaub oder sonstige Leistungen. Genug davon!“  

Doch genug ist offenbar noch lange nicht. Erst neulich wieder stand einer dieser Beiträge ganz oben auf meiner Facebook-Timeline: Die Grafik „Why people become unhappy“, gepostet am 16. September von den Machern des Beloved Festivals – mehr als 5000 Mal geteilt, fast 3000 Mal geliket. Eine Grafik mit zwölf verschiedenen Punkten, dargestellt als Piktogramme. Darunter Punkte, die durchaus dazu berechtigt sind, auf dieser Liste des Unglücklichseins zu stehen. Punkt sieben etwa, „hope that other people will make them happy.“ Oder Punkt sechs, ganz offensichtlich: „Try to find meaning in being unhappy“.  

Dann aber Punkt zwei: „Think they are special but can’t explain why“. Dieser Punkt verdichtet Urbans imaginierte GYPSY-Mentalität und deren Hochmut auf einen einzigen Satz. Er suggeriert: Menschen, die das Gefühl haben, etwas Tolles, Einzigartiges zu sein, dies aber nicht erklären können, sind Hochstapler, Lügner, Betrüger. Und überhaupt völlig schief gewickelt. Weil sie nicht verstanden haben, dass sie im Grunde nur eine Ameise unter Milliarden bedeutungsloser Ameisen sind, weil nicht jeder Mensch etwas Herausragendes aus seinem Leben machen kann.    

Das ist, meiner Meinung nach, eine einzige Frechheit. Wer bestimmt denn, dass ein Mensch besonders ist, ein anderer dagegen nicht? Was heißt das überhaupt, „besonders“ zu sein? Dürfen sich nur mehr Leute wie Adele, Manuel Neuer oder Malala Yousafzai einzigartig fühlen? Kann man ein solch vielfältiges Wort überhaupt pauschal benutzen?  

Stimmt schon: Wer „besonders“ im Sinne großer Bekannt- oder Berühmtheit denkt, wird wahrscheinlich an seinen Ansprüchen scheitern. Denn wir können ja nicht alle weltberühmt werden. Wer das Wort aber im Hinblick auf die eigene Einzigartigkeit, auf seine Bedeutsamkeit für sich selbst und sein soziales Umfeld definiert, hat damit vollkommen Recht. Aus diesem Grund ist der Vorwurf der nicht vorhandenen Besonderheit so blöd: Er ist nur destruktiv. Er trägt nicht dazu bei, das Leben als einzigartige Chance zu begreifen. Er hilft nicht, nach der eigenen Sinnhaftigkeit zu suchen oder danach zu streben, die Welt durch die eigenen Fähigkeiten ein bisschen besser zu machen. Denn das kann wirklich jeder: Der Enkel, der seine Oma jeden Dienstag im Altenheim besucht und ihr vorliest. Die Feinmechanikerin, die filigrane Armbanduhren in minutiöser Arbeit herstellt. Der Englischlehrer, der mit seinen Schülern aktuelle Ereignisse bespricht und nicht den Kram von vor 20 Jahren immer wieder durchkaut. Jeder hat Seiten an sich, auf die er oder sie stolz sein kann und die in einem gewissen Kontext unersetzlich sind.  

Besonders sein ist für mich deshalb auch eine Willensfrage: Wenn ich eine Tätigkeit mit all meiner Energie verfolge, wenn ich mich anstrenge, für eine Person da zu sein, wenn ich mein Leben aktiv gestalte – dann bin ich besonders. Wenn ich mich dagegen auf meiner vermeintlichen Nicht-Besonderheit ausruhe, von vornherein resigniere statt der Möglichkeit des eigenen Besondersseins eine echte Chance zu geben, dann sind die Kritiker der Generation Y vielleicht zufrieden. Glücklicher bin man selbst deshalb aber noch lange nicht.


Text: melanie-maier - Cover: daniela-rudolf

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