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Weg mit den Einhörnern!

Sie sind schon längst vom knuddeligen Fabelwesen zum Symbol des Kapitalismus verkommen.
Von Friedemann Karig
  • einhornhass cover
    Collage: Daniela Rudolf

Das berühmteste Einhorn aller Zeiten hieß Sir Lancelot. Es tourte in einem großen Zirkus durch die USA, besuchte den legendären Club „Studio 54“, verdiente Millionen und inspirierte sogar Andy Warhol zu einem Text. Es starb 1991. Besser so. Dem Glücklichen blieb der Hype um seine Artgenossen erspart. Heute wird das Fabelwesen ausgebeutet, misshandelt und beschmutzt – als Zugpferd für allerlei Schrott.

Heute gibt es „Einhornkotze“ (rosa Smoothies), Einhorn-Prosecco und Einhorn-Bier, Einhorn-Kondome und Einhorn-Dildos (okay, da steckt wenigstens ein halber Gag dahinter), Einhorn-Klamotten von Zalando, Einhorn-Eis (eigentlich Einhorn-Kot, weil die ja nur Süßigkeiten kacken, haha) und Einhorn-Klopapier mit Zuckerwatte-Duft. Ich meine, Klopapier! Habt ihr denn keinerlei Selbstachtung, Einhornfreaks? 

 

Das Einhorn ist der kleine Prinz unter den Tieren

 

Man kann riesige aufblasbare Einhörner kaufen und Kindern oder Berufsjugendlichen schenken, die dann mit einem hohen „Oooohhh, ein Einhorn“ reinspringen, bis die Luft raus ist. Und über allem prangt der Spruch: „Always be yourself. Unless you can be a unicorn. Then always be a unicorn.“ Das Einhorn ist der kleine Prinz unter den Tieren. Es kann endlos mit banalsten „Lebensweisheiten“ aufgeladen werden. Es mag alle und jeden, denn es sieht nur mit dem Herzen gut, logisch, mit einem Horn zwischen den Augen ist die Sicht eben eingeschränkt. 

 

Damit ist das Einhorn das fadeste Fabelwesen ever. Seit jeher war es angetreten für das Gute, Sanfte, Friedliche. In antiken Mythen, der Bibel, mittelalterlichen Sagen – überall trabte das Einhorn am Rande vorbei und tat niemandem weh. 1981 erlangte es kurze Berühmtheit in einem Emo-Zeichentrick namens „Das letzte Einhorn“. Danach geriet es in selige Vergessenheit. Bis es vor einigen Jahren von einer unheilvollen Allianz aus Nerds und Kaufleuten aus seinem magischen Wald gezerrt, einmal durch den Fleischwolf gedreht und als „Bummeleinhorn“ auf Tassen gedruckt, auf T-Shirts gepresst und in unser kollektives Gedächtnis monetarisiert wurde.

 

Das Einhorn ist also in wenigen Jahren vom Symbol für das Gute, für Toleranz und bunte Vielfalt zum Symbol für knallharten Kitschkapitalismus geworden. Und für eine Infantilisierung des öffentlichen Raumes. Erwachsene, die mit Einhörner knuddeln, wollen zurück in den Mutterleib. Süß, weich, kuschelig, also ohne jede aua-machende Ecke und Kante soll die Welt sein. Man muss kein Kultursnob sein, um darin den Eskapismus vor einer kalten, subjektiv immer gefährlicheren Zeit zu erkennen. Und man braucht kein Kommunist zu sein, um zu erkennen, dass diese Flucht die armen Irren genau in jene Wachstumslogik treibt, die erst Schuld ist an ihrer Misere.

Das Einhorn ist böse. Es ist vom Kapitalismus korrumpiert worden

 

Denn hinter all dem Glitzer und Gestreichel lauert eine erwartbar schamlose Verwertungskette. Die geht so weit, dass im Fall einer Einhorn-Schokolade angeblich der Nachschub absichtlich verknappt wurde, damit arme Einhorn-Fans im Netz um das Produkt betteln, als müssten sie ohne verhungern. Somit steckt die ganze menschenverachtende, seelentötende, hirnzersetzende Brutalität des Kapitalismus in diesem Namen, der völlig fantasielos beschreibt, was das Vieh so besonders macht, nämlich Mangel: „Ein Horn“ hat das Einhorn. Statt wie die meisten anderen Tiere zwei Hörner. 

 

Eine passende Parallele. Einen Mangel erschaffen, um ihn dann mit Produkten vermeintlich zu stillen –  das Einhorn läuft längst vorne mit in diesem Rattenrennen, das wir Konsum nennen. Es ist also schon lange nicht mehr gut, im Gegenteil. Das Einhorn ist böse. Es ist korrumpiert worden. Und es beweist: Alle guten Dinge werden irgendwann schlecht, schlechtgemacht.

 

Vorläufiger Tiefpunkt: Der Einhorn-Song von einem „Sänger“ namens Reiner Irrsinn. Er heißt: „Horny“. Wirklich. Horny. Der Text: „Ich bin nicht Schnappi, nicht Balu der Bär. Ich bin Horny, seht mal alle her. Das kleine Einhorn, wie jeder weiß - auf mich sind alle Mädels heiß.“ Und damit komme ich zum Fazit dieses traurigen Textes.

 

Mit diesen Abgründen müssen wir alle leben. Nur nicht die verdammten Einhörner selbst. Die gab es nämlich nie

 

Ich weiß: Sich über Fantasiewesen und ihre kapitalistische Ausbeutung aufzuregen ist ein wenig wie Kriege doof finden: Kann man machen, hilft aber nix. Andere Wesen werden auch überhöht und vermarktet. Man denke nur an die Schindluder, die schon mit Schwänen und Flamingos und Eulen betrieben wurden. Man könnte also drüber stehen, über allem Einhorn-dies und Einhorn-das. Wenn das alles nicht so ungerecht wäre. Denn mit den Abgründen der Einhörner und Menschen müssen wir alle leben. Nur nicht die verdammten Einhörner selbst. Die gab es nämlich nie.

 

Auch Sir Lancelot war nichts anderes als eine Ziege, der seine Besitzer, ein „Wizard“ namens Oberon Zell-Ravenheart und seine Frau Morning Glory (ja!), ein Horn auf den Kopf verpflanzt hatten. Sie schleiften das Tier durch Fernsehshows und Zirkusarenen und wurden reich damit. Als herauskam, dass einer der Männer, die auch mit den Einhörnern über Jahrmärkte getingelt waren, ein Tunichtgut namens Leonard Lake, mindestens zehn Menschen getötet, vergewaltigt und/oder gefoltert hatte, geriet die Einhorn-Zucht ins Abseits. 2005, im Alter von 17 Jahren, starb das letzte Einhorn. Hätte es wirklich magische Kräfte gehabt, es hätte alle Einhörner und Einhorn-Götzen für immer vom Antlitz der Welt verbannt.

 

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