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Wir haben diesen G-20-Gipfel verdient

Fast scheinen wir froh, über sinnlose Gewalt und nicht über komplizierte Politik reden zu müssen.
Kommentar von Friedemann Karig
  • g20 jetzt
    Fotos: Christian Charisius, Sebastian Willnow, 2017 Getty Images

Bin ich froh, dass es vorbei ist. Ich konnte es schon lange nicht mehr sehen, die Bilder, die Gewalt, die Empörung, mehr Gewalt. Auf allen Kanälen, Titelseiten, Timeline. Dieser ganze jämmerliche Protest-Porno: Feuer und Rauch, Ton, Steine, Scherben. Eine Katastrophe. Die wir als Gesellschaft leider nicht anders verdient haben.

 

Denn der G-20-Gipfel ist ein Musterbeispiel für die schwarze Magie kognitiver Dissonanz: Weltpolitik kann komplex, inhuman, ungerecht sein. Ein teures Treffen von Regierungschefs und Despoten ist deshalb eine zynische Show. Doch statt sich dieser schmerzhaften Wahrheit zu stellen, schmeißen die einen Steine – und die anderen stehen kopfschüttelnd daneben. Danach streiten alle. Der schwarze Block hat Recht mit seinem: „Erst wenn's kracht, schaut ihr hin“. Fast scheinen jetzt alle froh, dass sie über die sinnlose Gewalt und nicht über Gerechtigkeit, Globalisierung, Afrika, Migration, Klima und das ganze komplizierte Zeug reden müssen.  

 

Dabei geht es beim G-20-Gipfel nicht nur den Staatschefs um Symbolik, wie derzeit von links kritisiert wird, sondern fast allen von uns. Der G-20-Gipfel ist, gerade in seiner vermeintlichen Anarchie, längst ein durchorchestriertes Medien-Event wie die Weltmeisterschaft oder die Papstwahl. Wir hängen vor den Live-Streams und sehen zu, wie Protestcamps gebaut werden und die Polizisten anrücken und es auflösen. Warum interessiert uns das?

 

 

So erzählen wir uns als Gesellschaft gegenseitig die Lüge, dass wir uns um Politik kümmern

 

Weil es gut tut, wenn endlich etwas passiert. Statt ertragen zu müssen, wie Merkel in ihrer toten Sprache nichts sagt, kriegen wir Action und Fäuste und Körper, die durch die Luft fliegen. Wir können Politik, diese zermürbende Kompromissmaschine, endlich einmal eskalieren sehen. Für unseren Voyeurismus berichten bis spät in die Nacht zig Reporter mit ihren Handys live von brennenden Straßen. Morgens zeigen dann alle den Typen mit seinem Edeka-Schild her und den Pizza-Lieferanten, endlich ein Comic Relief, haha, wir können sogar noch ironisch. Auch JETZT tut das. 

Das läuft so geschmiert, weil es allen nutzt, die im Aufmerksamkeitsbusiness sind. Das Verhältnis Protest zu Inhalt steht bei neun zu eins. Brennende Autos und Pfefferspray sind spannender als ein lasches Kommuniqué. Und wir machen alle mit. Jeder denkt, er müsse noch ein Video posten oder verbreiten, noch mal Feuer, noch mal Wasser, noch mal Mensch gegen Mensch. So erzählen wir uns als Gesellschaft gegenseitig die Lüge, dass wir uns um Politik kümmern würden. 

 

Aber frag mal eine, die das Gas ins Gesicht bekommen hat, die Frau auf dem Einsatzfahrzeug in den roten Leggins zum Beispiel, wie das ist. Sicher nicht sehr demokratisch und erhebend. Frag mal einen Polizisten, wie die das finden. Kaputt sind die, nach ein paar Jahren. Weil es interessiert ja dein Trauma nicht, ob du im Recht warst oder eine Staatsmacht hinter dir hattest. Dir haben Menschen den Tod gewünscht und Eisenstangen auf den Kopf gehauen, weil sie das System treffen wollten, und klar hattest du einen Helm auf und zweitausend Kumpels dabei, und klar hatten ein paar von denen richtig Bock sich abzureagieren, aber am Ende macht Gewalt die Menschen kaputt, immer. Nur die Bilder davon, die brauchen wir eben.

 

Die wahre Bilanz der Randale bestätigt ihre reine Symbolfunktion. Einerseits die Qualität: Ausgebrannte Kleinwagen, zerstörte kleine Geschäfte, die Straßen eines linken Stadtviertels wurden unsicher gemacht. Fast scheint es, die Linksextremen wollten mit dieser Hundertschaft an Eigentoren zeigen, dass ihnen alles egal ist. Dass ihr Anti-System-Terrorismus ein völlig unpolitischer Fight Club ist. 

 

Dabei trugen sie schwarze Markenklamotten, wie findige Medien analysierten, Handschuhe von Mammut für 40 Euro das Paar, gefertigt irgendwo in der Dritten Welt. Ebenso die Krawall-Touristen und Trittbrettfahrer, die aus einem Apple-Store iPhones und aus einem Supermarkt das Klopapier plünderten, Selfies machten, ein bisschen mitzerstörten und wieder heimgingen. Und damit die Gewalttäter schützten.

 

Wenn drei Tage Ausnahmezustand auch nerven: Hubschrauberlärm ist ein First World Problem, so lange die Hubschrauber nicht schießen

 

Und andererseits die Quantität: 100 Autos, nicht 10.000 brannten. Es waren ein paar hundert Extremisten, nicht wie in Genua 2001 zehntausend. 90 Prozent von Hamburg blieb friedlich. Hinterher zum Aufräumen kamen viel mehr als zum Kaputtmachen. Trotzdem war ein Heulen aus Hamburg zu vernehmen. Syrien und Sudan und Mittelmeer und so weiter, das lässt uns irgendwann kalt. Wenn aber ein Mob in Deutschland randaliert, sind das Szenen „wie im Krieg“, wie viele Augenzeugen so erschrocken wie falsch vor Kameras bezeugten.

 

Nein, das war kein Krieg und auch nicht wie im Krieg. Wenn drei Tage Ausnahmezustand auch nerven mögen: Hubschrauberlärm ist ein First World Problem, so lange die Hubschrauber nicht schießen. Aber bis sich alle wieder beruhigten, die auf Facebook empört die Zerstörung ihrer heilen Welt beklagten, war schon längst völlig unklar, wer hier eigentlich gegen was randalierte. 

Dabei ist es natürlich total pervers, wenn draußen die Stadt brennt und in der Elbphilharmonie, dem Prachtbau von der Elite für die Elite, sitzen die  Weltenlenker und hören Beethovens neunte Sinfonie, betextet mit Schillers „Ode an die Freude“, was die offizielle Europahymne ist, „alle Menschen werden Brüder“ und so weiter. Zu besprechen wären Kinderarbeit in Kobaltminen und Sweat Shops, absaufende Staaten und Finanzkriminalität, dazu klingt Schillers Pathos nur noch höhnisch.

 

Mal ehrlich: Auch ohne ein brennendes Hamburg hätte sich fast niemand um die „Inhalte“ gekümmert

 

„Unser gemeinsames Ziel – starkes, nachhaltiges, ausgewogenes und inklusives Wachstum – in der G20 voranzubringen, bleibt unsere höchste Priorität.“ Das steht im gemeinsamen, einstimmigen Abschlussbericht der G20. Und ist sehr wahr. Denn da steht „in der G20“. Der Rest der Welt ist ziemlich egal. Diese Show wollen ihnen viele zurecht verderben - im besten Fall durch friedlichen Protest . Es ist vielleicht nur demokratisch, den G20 nicht zu erlauben, sich so zu inszenieren.

 

Was wiederum den meisten egal ist. Mal ehrlich: Auch ohne ein brennendes Hamburg hätte sich fast niemand um die „Inhalte“ gekümmert. Wo waren denn die Massen, die in jeder deutschen Stadt auf die Straße hätten gehen können, gegen G20, gegen diese Art von Politik? Woher kommt denn die Mehrheit für eine Kanzlerin, die keine Gelegenheit ausließ zu zeigen, wie wichtig ihr genau dieser Gipfel ist? Wenn das alles so furchtbar und unerträglich ist, wieso sind es dann ein paar tausend Demonstranten und ein paar hundert Randalierer, die dagegen protestieren, und nicht mehr? Tragisch, aber auch logisch, dass nicht hängen bleibt, welche inhaltlichen Forderungen auf die Straße gebracht wurden.

 

Wie sähe es hingegen aus, sich diesen schmerzhaften Wahrheiten zu stellen? Sich zu engagieren, informieren, öfters zu protestieren als einmal im Jahr? Was steht eigentlich in einer der 14 Zusatz-Vereinbarungen, die beschlossen wurden, zum Beispiel in der zum Tierschutz? Bringt das was? Was sollte anders laufen? Was könnten wir tun? Zum Beispiel: Eine andere Regierung anstreben als die, die G20 gegen alle Widerstände durchzieht. Einen anderen Bürgermeister wählen als den, der einen für seine harte Position bekannten Einsatzleiter auf die Versammlungsfreiheit loslässt. Grundsätzlich eine andere Welt anstreben.

 

Das, so ehrlich muss man sein, wollen aber die wenigsten. Heute, da der Gipfel endlich vorbei ist und alle heimgehen, stehen Millionen Menschen auf und gehen zur Arbeit und kaufen ausbeuterische Produkte und sind froh, dass der Verkehr funktioniert. Und solange geht es eben so weiter. G20 inklusive. Das ist Demokratie. Diese irre Idee, dass alle gleich sind und mitbestimmen können, wenn sie wollen, diese Idee fängt an zu stinken, wenn sie zu globaler Gesellschaft gerinnt. Sie ist unfassbar schön und schrecklich zugleich. Sie ist immer komplizierter als jedes Plakat, jede Pressemitteilung, und die allermeisten von uns haben längst davor kapituliert. 

 

Für Hamburg ist der Wahnsinn vorbei. Für die Welt geht er weiter. Selber schuld. 

 

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