Ein Blick in die G-20-Demo-WGs

Linksaktive Spontan-Mitbewohner, ein Krankenhausaufenthalt und viele Diskussionen.
Von Nadja Schlüter und Philipp Külker
Foto: Philipp Külker

Lange vor dem Eintreffen der Regierungschefs in Hamburg, den ersten Demos und den Randalen war klar: Viele Menschen, die demonstrieren wollen – manche mit klaren Anliegen, manche mit undifferenzierter Dagegen-Haltung – werden zum G-20-Gipfel nach Hamburg kommen. Und viele Menschen brauchen viele Schlafplätze.

Darum haben einige Hamburger für die Tage rund um den Gipfel ihre Sofas und Matratzen, ihre Gärten und Gästezimmer angeboten. So sind interessante Kurzzeit-WGs und Mini-Camps entstanden. Wir haben im Laufe der Woche vier davon besucht. 

1. Besuch: Mittwoch 

Steffen (2.v.l.) hat Adèle und Tilman (3.u.4.v.l.) aufgenommen. Seine Freundin Clara (l.) ist zu Besuch in der WG.

Foto: Philipp Külker

Durch das Dachfenster in der gemütlichen Wohnung am Isebekkanal kann man einen Helikopter kreisen sehen, hören kann man ihn sowieso. Ansonsten ist es aber noch recht ruhig in Hamburg. Adèle, 21, und ihr Freund Tilman, 34, sitzen bei Steffen im Wohnzimmer. Sie sind heute mit dem Nachtzug aus Heidelberg angekommen. „Ich habe mich bei der Ankunft sofort wohlgefühlt“, sagt Adèle. „Obwohl ich nicht mal Steffens richtigen Namen kannte, bis wir hier vor der Tür standen.“

Steffen, 27, hat seine Zweier-WG bei der G-20-Bettenbörse von Attac angeboten. Viele der etwa 300 Anbieter haben dort nur Vornamen oder Pseudonyme angegeben. „Für mich war die Auflösung des Camps in Entenweder am Sonntagabend ausschlaggeben für das Angebot“, sagt Steffen. Weil angereiste Aktivisten ihren geplanten Schlafplatz verloren haben, wollte er sich solidarisch zeigen und eine Alternative anbieten. 

Adèle und Tilman wollten aber sowieso nicht im Camp schlafen, sondern haben direkt nach einer festen Unterkunft gesucht. „Steffen war der Erste, der zugesagt hat“, sagt Adèle. „Aber ich war erstaunt, wie viele positive Antworten ich bekommen habe. Ich hätte an vielen Orten schlafen können!“ Sie ist hergekommen, weil sie neugierig auf die Proteste ist. „Ich komme aus Frankreich und so etwas wie die Rote Flora haben wir dort gar nicht.“ Ihr Besuch könnte auch ein Forschungsaufenthalt sein: Adèle studiert Geschichte und schreibt ihre Masterarbeit über linksalternative Kulturzentren.

Dass Hamburger über die Bettenbörse völlig Fremde aufnehmen, hat wohl auch damit zu tun, dass sie mit gleichgesinnten Besuchern rechnen. „Wir haben ja eine ähnliche politische Ausrichtung. Das ist auch so was wie eine Vertrauensbasis“, sagt Steffen. Sie wollen auch gemeinsam zu Demos gehen. Im Gespräch über die für Donnerstag anstehende und schon im Vorfeld umstrittene „Welcome to Hell“-Demo sind sie sich aber uneinig. „Ich gehe da nicht hin, da ist mir die Kapitalismuskritik zu undifferenziert“, sagt Steffen. Adèle, mit ihrer Neugier, will sie sich aber anschauen. Und Tilman sagt, er habe keine Lust „eins auf die Rübe zu kriegen“, aber auch keine Angst vor Radikalen. „Ich habe zumindest Verständnis dafür, wenn Leute Frust rauslassen wollen.“

2. Besuch: Donnerstag 

Deniz betreut die Gäste, die bei der Alevitischen Gemeinde Hamburg untergekommen sind.

Foto: Philipp Külker

Deniz würde auch gerne mal zu einem der Proteste gehen, „aber ich komme hier einfach nicht raus!“ Zu viel zu tun. Deniz, 25, Nasenpiercing und goldene Halskette mit Schwert-Anhänger, ist Ehrenamtlicher bei der Alevitischen Gemeinde Hamburg. Diese hat ihre Räumlichkeiten in der Nähe der Reeperbahn für etwa 80 Gäste zur Verfügung gestellt. „Ungefähr 200 Mails habe ich gar nicht mehr beantwortet“, sagt Deniz. In einem Zimmer im ersten Stock, in dem auch die Büros sind, liegen schon Isomatten und Schlafsäcke unter einem Wandgemälde, das einen alevitischen Mann mit einer Langhalslaute, der Saz, zeigt.  

In den Räumen der Gemeinde können die angereisten Aktivisten ihre Isomatten und Schlafsäcke ausrollen.

Foto: Philipp Külker

Nebenan ist der große, helle Andachtsraum, in dem es in den kommenden Tagen Essen und Getränke für die Aktivisten geben wird. Normalerweise betet hier die Gemeinde. Deniz erkärt, warum sie die Gäste aufgenommen haben: „Wir sind eine unterdrückte und verfolgte Religionsgemeinschaft – und ich trenne nicht zwischen dem Kampf für den Glauben, dem Kampf für Menschlichkeit und politischer Aktivität“. Obwohl er von „Kampf“ spricht, wirkt er dabei sehr besonnen. Und bleibt es auch, als eine Frau aus der Gemeinde ihn etwas außer Atem anspricht. „Warum parkt die Polizei vor unserer Tür?“, fragt sie. „Keine Ahnung“, sagt Deniz lächelnd. „Klopf doch einfach mal an die Scheibe und frag nach!“ 

Jonathan ist mit einer Gruppe aus Bremen angereist. Sie beteiligt sich an "Block G20".

Foto: Philipp Külker

In einem  Saal im Erdgeschoss richtet sich gerade eine Gruppe aus Bremen ein. In der Ecke neben der Tür ist eine kleine mit Teppich ausgelegte Empore. Wer diesen Platz erwischt, hat Glück gehabt, ansonsten muss er die Isomatte auf dem Laminat-Boden ausrollen. Fast alle hier wollen nicht mit der Presse sprechen. Nur Jonathan (der eigentlich anders heißt) ist bereit dazu, bleibt aber sehr zurückhaltend. „Wir sind von einem offenen G-20-Plenum. Ein Ort für Leute, die keiner Organisation angehören, aber sich trotzdem engagieren wollen“, sagt er. Vor einem halben Jahr gab es ein erstes Treffen, seitdem eine Demo, verschiedene Diskussionsveranstaltungen und Aktionstrainings. Jetzt ist die Gruppe aus etwa 70 Schülern, Studenten, Erwerbstätigen und Geflüchteten angereist, um bei den „Block G20“-Aktionen mitzuwirken. Zu „Welcome to Hell“ werden sie nicht gehen. „Für viele ist das hier die erste Aktion dieser Art“, sagt Jonathan. „Da muss man es vorsichtig angehen.“ 

3. Besuch: Freitagmorgen 

Patrick (r.) hat Michael von "Attac" bei sich aufgenommen.

Foto: Philipp Külker

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat es in Hamburg Ausschreitungen gegeben. Barrikaden wurden errichtet, Autos haben gebrannt, Polizisten und Autonome gerieten aneinander. Pausenlos heulten Sirenen und kreisten die Helikopter über der Stadt.

Wenn man allerdings mit der S-Bahn eine Viertelstunde nach Osten fährt und im Stadtteil Allermöhe aussteigt, ist von Krawall und Polizei nichts mehr zu sehen. Hier wohnt Patrick, Mitglied des Kreisvorstands der Grünen im Bezirk Bergedorf. Um kurz vor neun sitzt er im Wohnzimmer neben dem ausgeklappten Schlafsofa mit Michael beim Frühstück. Patrick ist 29, lang und schmal, mit ordentlich rasiertem Undercut und sehr gewählter Ausdrucksweise. Michael ist 61, hat einen grauen Bart, viele Lachfalten und einen gut gelaunten Plauderton mit leicht fränkischem Einschlag. Er kommt aus Aschaffenburg, lebt aber in der Nähe von Mainz und ist ehrenamtlich für die globalisierungskritische NGO „Attac“ tätig. 

Rund um den G20-Gipfel ist „Attac“ beim Alternativ-Gipfel aktiv, organisiert zivilen Ungehorsam und nimmt am Samstag an der Großdemonstration „Grenzenlose Solidarität statt G20“ teil. Patrick gibt zu, niemals in einer WG wohnen zu wollen. Aber er habe einen Beitrag zum Widerstand leisten wollen und freue sich über die politischen Diskussionen mit seinem Gast. „Ich bin sowieso ziemlich links für einen Grünen“, sagt er.

Natürlich diskutieren sie auch über die Eskalation der Demo am Vorabend und über die Frage, die alle beschäftigt: Ging sie von den vermummten Autonomen oder von der Polizei aus? Patrick fragt sich vor allem, wie er als Grüner damit umgehen soll – immerhin sitzt seine Partei im Hamburger Senat und ist damit mitverantwortlich für den Polizeieinsatz. Einig sind sie sich, dass sie Randale verurteilen, aber der erste Eingriff der Polizei beim Start der Demo „demokratiefeindlich“ gewesen sei. Und Michael hat noch einen interessanten Gedanken zur Protestkultur: „In Frankreich zum Beispiel ist Alkohol auf Demonstrationen verboten. Das macht einen großen Unterschied bei der Grundstimmung.“

Nach dem Besuch bei Michael und Patrick meldet sich Freimut, langjähriger St.-Pauli-Bewohner, der Gäste aus Berlin, Greifswald und dem Ruhrgebiet aufgenommen hat, die ursprünglich zu einem Interview bereit waren. Jetzt seien sie aber leider alle unterwegs, sagt er am Telefon. Und einer von ihnen sei außerdem abgereist. „Mein Gast aus dem Ruhrpott ist gestern bei der Demo unbeteiligt in die Eskalation geraten. Jemand ist über ihn gestürzt und er hat sich das Knie demoliert. Er war über Nacht im Krankenhaus.“ Freimut sieht den Einsatz der Polizei bei „Welcome to Hell“ kritisch: „Da wurde zum Teil sinnlos reingeknüppelt.“

4. Besuch: Freitagabend 

Im Kirchgarten darf gezeltet werden.

Foto: Philipp Külker

Im Laufe des Tages hat sich die Lage nochmal verschärft. Im Garten der evangelischen St.-Pauli-Kirche, in direkter Nachbarschaft zur Hafenstraße und zum Fischmarkt, findet trotzdem die „lange Tafel“ statt, bei der sich Anwohner, Gemeindemitglieder und Aktivisten treffen und austauschen können. Während eine junge Frau für die Gäste „Imagine“ singt, erzählt Pastor Sieghard Wilm mit ruhiger Stimme, warum hier ein Camp entstanden ist. „Wir haben den Garten zwar nicht angeboten, aber wir dulden die Gäste hier“, sagt er. „Und damit fahren wir viel besser, als wenn sie das Gelände einfach einnehmen würden.“ Den Garten räumen lassen oder die Kirche verrammeln? Davon hält der Pastor überhaupt nichts. 

Pastor Sieghard Wilm setzt auf eine friedliche Lösung. Er duldet das Camp im Kirchgarten und lädt jeden Abend zum Austausch bei der "langen Tafel" ein.

Foto: Philipp Külker

Und seine Strategie geht auf. Im Kirchgarten ist es friedlich, die Konfliktparteien umgehen das Gelände. „Ich habe hier in der Umgebung allerdings so viel Polizei gesehen wie noch nie und fühle mich gleichzeitig so schutzlos und so ausgeliefert wie noch nie“, sagt Wilm. Betont aber auch, dass sie mit den Polizisten von der örtlichen Davidwache „ein sehr gutes Verhältnis“ haben. 

Till ist aus Greifswald angereist. Für ihn ist der Kirchgarten ein "Safe Space".

Foto: Philipp Külker

Till aus Greifswald, Jurastudent und in einem Arbeitskreis kritischer Juristen aktiv, ist einer der Camper hier. Gestern war er bei „Welcome to Hell“ und hat sich mit ein paar Leuten vor einen Wasserwerfer gesetzt. „Am Ende hat der uns noch zweimal nass gemacht – dabei hätte er auch einfach um uns rum fahren können“, sagt er belustigt. Heute früh war er schon bei „Block G20“-Aktionen dabei und kam nah an die rote Zone heran. „Ich bin echt durch“, sagt er. „Aber der Spot hier im Kirchgarten ist ein echter Glücksgriff. Voll der Safe Space!“ 

Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, dass Teile der Stadt und vor allem das nördlich gelegenen Schanzenviertel in der kommenden Nacht alles andere als „Safe Spaces“ sein werden. Die Bilder der Randale, die am Samstagmorgen durch die Medien gehen, lassen zwei Schlüsse zu. Erstens: Von den friedlichen Aktivisten auf Hamburgs Gästematratzen oder im Kirchgarten kriegt außerhalb der Stadt kaum noch jemand etwas mit. Und Zweitens: So gastfreundlich sie hier auch sind, die meisten Hamburger sind wahrscheinlich doch heilfroh, wenn der Gipfel endlich vorbei ist.

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