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Naief sprühte das Graffiti, das zum Krieg in Syrien führte

Heute, genau sechs Jahre später, fragt er sich manchmal: Bin ich an allem schuld?
Von Simone Grössing
  • graffiti jetzt2
    Illustration: Lucia Götz

Einmal hörte Naief syrische Flüchtlinge über den Bürgerkrieg reden. Einer sagte zum anderen: „Die, die den Krieg zu verantworten haben, sollten eingesperrt und bestraft werden.“ Daraufhin drehte sich Naief um und sagte: „Das bin ich.“

 

Naief grinst, als er das erzählt. Er sitzt in einem Wiener Kaffeehaus, trinkt Schwarztee und erzählt von Daraa, der Stadt, in der alles begann. Und von der Nacht, die nicht nur sein Leben, sondern die ganze Welt auf den Kopf stellen sollte. Der Nacht, in der ein Lausbubenstreich und die darauffolgenden Ereignisse ganz Syrien in einen bis heute nicht enden wollenden Bürgerkrieg stürzte.

Genau sechs Jahre sind die Ereignisse her, zwischen Naief und seiner Heimat liegen inzwischen 3000 Kilometer. Und trotzdem lässt seine Geschichte Naief nicht los, trotzdem gerät er immer wieder in Situationen wie mit den syrischen Flüchtlingen, in denen er sich fragt: Welche Verantwortung trage ich?

 

Es ist der 16. Februar 2011. Naief Abazid ist 14 Jahre alt. Er wohnt in Daraa, einer Stadt im Süden Syriens. Mit dem Auto sind es nur zehn Minuten bis zur jordanischen Grenze. Naief besucht im 40. Bezirk, in Hay al Arbaeen, das Gymnasium. Es ist die Zeit vor dem Bürgerkrieg. Präsident Bashar al-Assad hat das Land fest im Griff. In ganz Daraa hat die Polizei Kontrollposten errichtet. Spät nachts darf man nicht mehr außer Haus gehen. Immer wieder werden Naief und seine Freunde von der Polizei kontrolliert und bekommen Ärger. Manchmal belästigen die Polizisten Mädchen. Naief und seine Freunde sind genervt: darüber, dass man nicht rausgehen kann, wann man will, und dass man aufpassen muss, was man sagt. Sie sind nicht die einzigen, denen es so geht. Einige Jugendliche aus Naiefs Straße haben ein paar Tage zuvor einen Kontrollposten angezündet. Der Polizist, der darin saß, konnte sich gerade noch retten. Sie wurden verhaftet, aber dann wieder frei gelassen, wahrscheinlich um den Vorfall zu vertuschen, meint Naief. Damit es keine Nachahmungstäter gibt. Aber der Fall hat sich längst in der Kleinstadt herumgesprochen. Als Naief und seine Freunde von dem Brand hören, beschließen auch sie, die Polizei zu provozieren.  

 

Naief ist nicht klar, wie schwer der Satz wiegt, den er an die Mauer schreibt. Für ihn ist das alles nur ein Streich 

 

Die fünf Jungs verabreden sich für zehn Uhr nachts vor dem Gymnasium. Sie haben vor, die Schule zu besprühen und haben ihre Dosen dabei, mit denen sie ab und zu malen gehen. Naief packt seine aus. Einer der älteren Jungs sagt zu ihm, er solle „Du bist dran, Doktor“ an die Schulwand schreiben. Doktor, so wird Assad genannt, weil er Augenarzt ist. Naief weiß nicht genau, was das bedeuten soll. Er ist der jüngste der Gruppe, mit Politik kennt er sich nicht aus. Und er weiß nichts über Assad. Nur, dass er der Präsident ist. Ihm ist in diesem Moment nicht klar, wie schwer dieser Satz wiegt, für ihn ist das alles nur ein Streich. Eine Aktion gegen die Polizei, denn er will nicht wie die Erwachsenen Angst vor ihr haben. Naief überlegt nicht lange. Er greift zur Dose. In wenigen Sekunden schreibt er die Worte an die Wand. Es fühlt sich gut an: ein kurzer Moment der Freiheit. Und Naief spürt dabei keine Angst. Noch ahnt er nicht, dass sein Graffiti der Beginn einer Ereigniskette sein wird, die einen jahrelangen Bürgerkrieg auslöst. Dass fast 12 Millionen Syrer flüchten und über 400.000 Menschen sterben werden. Auch der ältere Junge, der sich den Satz ausgedacht hat, ist heute tot.

 

Sechs Jahre später, über 3000 Kilometer weiter, im Wiener Kaffeehaus. Naief hat den Tee ausgetrunken, aber er ist angespannt. Alles kann er nicht erzählen. Nur über gewisse Dinge kann er reden. Naief macht sich Sorgen um seine Familie. Sie lebt noch in Daraa. Nachdem in einem kanadischen Magazin ein Bild von ihm veröffentlicht wurde, haben seine Eltern ihn gefragt, was er da tue: „Du weißt doch, wie gefährlich das ist, wieso gibst du Interviews?“ Vor der Kamera möchte er nicht reden. Und Fotos möchte er auch keine mehr machen. Seine Geschichte will er trotzdem erzählen. Aber lieber nicht hier. Naief schlägt vor, in ein syrisches Lokal zu wechseln. Es liegt am Wiener Gürtel und gehört einem Syrer aus Daraa.

 

„Ich dachte niemals, dass das alles passieren wird, ich dachte, ich gehe vielleicht für einen Tag ins Gefängnis“, sagt Naief. Er ist mittlweile beim Syrer angekommen. Es läuft laute arabische Musik. Das kleine Lokal riecht nach Minztabak. Das Personal begrüßt Naief freundlich. Er ist hier kein Unbekannter, man kennt ihn als den Graffiti-Jungen aus Daraa. Jeder Syrer kennt Naiefs Geschichte. Schließlich war sein Graffiti der Anfang von allem. Und das ist vielleicht auch der Grund, wieso Naief nur selten erzählt, wer er ist. Denn nicht für alle ist er ein Held. Manche geben ihm die Schuld für ihr Schicksal. Und an manchen Tagen denkt auch Naief darüber nach, ob er in dieser Nacht womöglich einen großen Fehler begangen hat.

 

Der Lokalbesitzer bringt Naief eine Schisha und klopft ihm auf die Schulter. Naief zieht daran und erzählt weiter. Er habe sich geirrt, sagt er. Am Tag, nachdem er das Graffiti gemalt hat, sitzt er im Unterricht. Plötzlich hört er aus den Lautsprechern eine Durchsage: Er solle ins Büro des Schuldirektors kommen. Dort wartet ein Mann auf ihn. Er behauptet, er arbeite für das Bildungsministerium. Aber Naief merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Mann sagt, Naief solle mit vor die Schule kommen. Dort wartet ein Auto. Der Mann öffnet die Tür und setzt ihn hinein. Im Auto werden ihm sofort Handschellen angelegt. Es ist der syrische Geheimdienst „Mukhabarat“, der ihn mitnimmt. Woher sie wussten, dass Naief der Täter war? „Sie haben uns in der Nacht beim Sprühen beobachtet. Sie waren die ganze Zeit da“, glaubt Naief. Und er hatte zuvor schon mal seinen Namen an die Schulmauer gesprüht, so habe man seine Handschrift identifizieren können.

 

Naief wird in das Hochsicherheitsgefängnis „Suwayda“ gebracht. In der Haft wird er gefoltert. Man hängt ihn nackt auf und schlägt ihn, schüttet eiskaltes Wasser über seinen Körper. Sie legen ihn in einen Autoreifen hinein und lassen diesen gegen die Wand rollen. Sie verwenden Foltermethoden, die keine Spuren hinterlassen, damit man nichts nachweisen kann. Die einzigen bleibenden körperlichen Beschwerden, die Naief heute hat, sind die Schmerzen in seinem Handgelenk, an dem er aufgehängt wurde. Schwere Dinge kann er nicht heben.

 

Sie foltern Naief so lange, bis er die Namen der Jungen nennt, die in der Nacht dabei waren. „Ich habe auch einen Namen von jemandem genannt, der nicht einmal dabei war, nur damit sie aufhören“, sagt Naief leise und schaut auf den Boden.

 

Die Behörden verhaften weitere Jungen, auch wegen Assad-kritischen Sprüchen an anderen Schulmauern und an einem Getreidesilo. Alle werden verhört und in Einzelhaft gehalten. Auch sie nennen Namen. Am Ende sind 23 Jugendliche in Haft. Drei von ihnen sollen mittlerweile tot sein, sagt Naief. Und das, obwohl sie mit dem Graffiti nichts zu tun hatten. Nach ein paar Wochen wird die Akte von Naief geschlossen: „Sie wollten mich vor Gericht bringen und acht Jahre einsperren“, erzählt Naief. „Aber dann kamen die Proteste“.

 

In den Wochen, in denen Naief im Gefängnis ist, hat sich sein Land verändert 

 

Während die Jugendlichen im Gefängnis sind, organisieren ihre Eltern Demonstrationen. Sie fordern die Freilassung ihrer Kinder. „Vergesst eure Kinder. Macht euch neue“, sagt der Chef des lokalen Geheimdienstes Najef Atib, ein Cousin von Assad. Die Eltern geben nicht auf. Hunderte Menschen gehen in Daraa auf die Straße. „Lasst die Kinder frei“, schreien die Demonstranten. Nur wenig später wird die Polizei das Feuer auf sie eröffnen. Zwei Menschen werden von ihren Schüssen getroffen – die ersten Opfer des Bürgerkriegs.

 

In den Wochen, in denen Naief im Gefängnis ist, hat sich sein Land verändert. Sein Graffiti, die darauf folgenden Verhaftungen und die Demos dagegen – die ersten Steine der riesigen Gerölllawine namens Bürgerkrieg in Syrien sind ins Rollen geraten. Am 20. März werden die Jungen schließlich frei gelassen. Naief kann endlich nach Hause.

 

Aber er ist nicht mehr derselbe. Im Gefängnis ist aus seinem pubertären Frust eine brennende Wut geworden. Und Angst hat Naief keine mehr. Er fängt wieder an, Graffitis zu sprühen. Aber nicht mehr auf der Schulmauer, sondern auf großen Gebäuden mitten auf der Straße. In ganz Daraa. Diesmal weiß er, was er tut. Und er kennt seinen Feind: Bashar al-Assad. Er sprüht Sprüche wie „Assad raus“, oder „Wir sterben für unsere Würde“. Hauptsache gegen das Regime. Wieso er nicht einfach aufgehört hat? „Ich konnte nicht“, sagt er. „Menschen opferten ihr Leben für die Revolution, wie konnte ich da einfach zusehen? Ich musste weitermachen.“

 

Die Proteste gegen Assad hören nicht auf. Sie verbreiten sich im ganzen Land. Am 1. April wird die Statue von Assads Vater in Daraa gestürzt. Menschen filmen mit, man kann die Videos auf YouTube sehen. Soldaten schießen weiter auf die Demonstranten. Wenig später rollen Panzer in Daraa ein. Doch die Stadtbewohner haben sich wohl wissend vorbereitet und bewaffnet. Der Bürgerkrieg hat begonnen.

 

Naief wird am Arm von einer Kugel getroffen. Die Polizei will ihn abermals verhaften. Er entscheidet sich, das Land zu verlassen und zu fliehen, zuerst nach Jordanien.

 

Spätsommer 2015. Mit den Worten „Wir schaffen das“ öffnet Angela Merkel die Grenze. Auch Naief und sein Bruder wollen über die Balkanroute nach Deutschland. In Wien angekommen, begegnet Naief den hunderten freiwilligen Helfern am Westbahnhof. „Refugees Welcome“ steht auf selbstgemalten Transparenten an der Wand des Bahnhofs. Er sieht, wie die Helfer warmes Essen und Wasser an die Flüchtlinge verteilen. Und wie ein Mann einer schwangeren Frau seine Jacke umlegt. Naief ist gerührt. „Das muss ein guter Ort sein“, denkt er sich. Er entscheidet spontan, in Österreich zu bleiben.

                                                                   

„Wien ist das Schönste, was ich jemals gesehen habe“, sagt Naief, während er frittiertes Huhn mit der Hand isst, wie es in Daraa Tradition ist. Naief wohnt zusammen mit seinem Cousin in einer Wohnung im Zentrum Wiens. Er mache gerade einen Deutschkurs und möchte unbedingt bald mit Österreichern zusammenziehen, sagt er. Obwohl er Wien liebt, hat Naief aber immer weder Sehnsucht nach Daraa. Wenn er nicht gerade lernt, sitzt er oft hier im syrischen Lokal. Hier, wo das Essen wie zu Hause schmeckt. Und die Musik vertraut klingt. Seine Gedanken kreisen auch hier immer wieder um diese eine Nacht im Februar vor sechs Jahren. Immer wieder wird er daran erinnert. Naief hat sich daran gewöhnt, oft auf das Graffiti angesprochen zu werden, auch hier in Wien und auch wenn er selbst nur selten darüber spricht, wer er ist. „Das ist doch langweilig, immer wieder dasselbe zu erzählen“, sagt er. Aber seine Freunde sehen das anders. Sie sind stolz, den Jungen aus Daraa zu kennen. Der, über den weltweit berichtet wurde, als die Jungs verhaftet wurden und die Proteste losgingen. Jeder soll wissen, dass dieser Junge Naief ist.

 

Unter Posts von Freunden, die ihn als Held feiern, lassen andere ihre Wut heraus

 

Als er aus dem Gefängnis zurück nach Daraa kehrte, applaudierten die Menschen. „Manche sagten mir ins Gesicht, dass ich ein Held bin. Aber ich bin keiner. Ich musste nur das tun, was zu tun ist.“ Naief sagt das entschlossen. Er will gar kein Held sein. „Ich wünsche mir ein ganz normales Leben. Wenn die Welt meinen Namen vergessen würde, wäre es mir auch egal“, sagt er und klingt dabei trotzig. Vielleicht soll sie ihn aber auch vergessen, weil er sich manchmal schuldig fühlt. Auf Facebook liest er immer wieder Hasskommentare über sich. Unter Posts von Freunden, die ihn als Held feiern, lassen andere ihre Wut heraus. „Sie nennen mich einen Verräter und geben mir die Schuld für den Krieg.“ Manchmal glaubt Naief, dass sie Recht haben. Ob er manchmal bereut, das Graffiti gesprüht zu haben? „Ja schon, manchmal, wenn sie mir die Schuld für das alles geben“, sagt Naief und schaut etwas ratlos. Was wäre wohl passiert, fragt er sich, wenn er es nicht gemacht hätte? Wenn er nein gesagt hätte? Hätte es keinen Krieg gegeben? Keine 400.000 Toten? Wären heute nicht Millionen Syrer auf der Flucht? Und gäbe es keine Flüchtlingskrise und einen Rechtsruck in ganz Europa? „Ohne mich wären die Flüchtlinge vielleicht nicht hier“ sagt Naief. „Aber wäre das Graffiti nicht gewesen, wäre früher oder später etwas anderes passiert. Es war nur eine Frage der Zeit.“ 

Naief erzählt seine Geschichte mit ernster Stimme. Er sieht in seinem dunkelblauen Hemd und dem Gel in den Haaren viel älter aus als 20. Aber in manchen Momenten wirkt er wie ein kleiner Junge. Einer, der nicht ganz verstehen kann, was mit ihm und der Welt gerade passiert. 

 

Und manchmal blitzt wieder der rebellische Teenager durch, der die Polizei provozieren wollte. „Ich vermisse die Zeit, in der sie mich gejagt haben“, sagt er und seine Augen leuchten dabei. So, als würde Naief das alles brauchen. Das Gejagtwerden. Den Kick, weitere Graffitis zu sprühen. Vielleicht auch die Todesangst.

 

Aber er meint etwas anderes: „Damals konnte ich noch etwas tun. Es war eine gute Zeit, wir dachten, wir könnten was bewegen. Hier in Wien kann ich nichts tun.“

 

Naief wirkt müde. Er hat viel geredet. Ein Freund von ihm, den er im Deutschkurs kennengelernt hat, packt sein Handy aus. Zeit für einen Snap mit dem Shisha rauchenden Naief. Er schreibt auf Arabisch in das Foto: „Interview mit dem Esel, der den syrischen Bürgerkrieg ausgelöst hat.“ Und darunter drei vor Lachen weinende Emojis. Naief grinst breit. 

 

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