Der Schmerz in meiner Timeline

Aleppo ist weit weg. Trotzdem haben wir uns bei keinem Krieg näher gefühlt – und hilfloser.
Kommentar von Eva Hoffmann
Foto: afp

Seine Gefühle für das, was derzeit in Aleppo geschieht, in Worte zu fassen, ist schwierig. Weil man droht, direkt in eigene Befindlichkeiten abzudriften. Dabei sitzt man selbst ja weich und warm auf dem Sofa und verfolgt alles nur über soziale Netzwerke aus sicherer Distanz. Sich davon betroffen zu geben, fühlt sich erst mal heuchlerisch an. Und trotzdem: Was Lina Shamy, junge Aktivistin aus Ost-Aleppo, seit gestern Nacht live aus ihrem Keller sendet, gibt mir das Gefühl, noch nie so nah bei einem internationalen Konflikt dabei gewesen sein. Und macht mich vielleicht deshalb auch so besonders ohnmächtig.

 „Jede Bombe ist ein neues Massaker, vergesst uns nicht, macht Druck auf eure Regierungen, hört nicht auf.“ Lina spricht schnell und eindringlich, ihr Blick richtet sich direkt in die Kamera. Sie glaubt, nicht mehr viel Zeit zu haben, bis sie selber sterben wird. Bald werden Assads Truppen auch ihren Teil der Stadt einnehmen. Mehrere Blocks weiter brannte bereits ein Keller voller Menschen aus, berichtete Lina per Skype einem Reporter von AlJazeera gestern Abend.

Linas Bericht zieht mich in seinen Bann, auch wenn ich weiß, dass ich nicht überprüfen kann, ob alles, was sie sagt, jetzt korrekt ist. Immer und immer wieder gleitet mein Finger über ihr Twitter-Profil. Aktualisieren. Weiterlesen. Schon seit zwei Stunden keine neuen Updates mehr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Mensch, dem ich mich gerade auf seltsame Weise nahe fühle, in diesem Moment vielleicht gar nicht mehr lebt.

Zuletzt forderte sie ihre Follower bei Twitter auf, bei den russischen und syrischen Botschaften anzurufen und an die Menschlichkeit zu appellieren. Zu mahnen, dass die Welt zusieht, wie Aleppo gerade in Schutt und Asche gebombt wird. Aber anstatt das zu tun, sitze ich bleiern auf dem Sofa, den Finger wie angeschraubt am Handybildschirm, und verfolge „Last Tweets“ von Unbekannten in Todesangst.

Sollte ich jetzt auch mein Profilbild durch ein rotes Quadrat ersetzen, als Zeichen gegen weiteres Blutvergießen? Wen juckt das, wenn nicht mal die feurige Rede der US-Botschafterin vor der UN etwas ausrichtet? „Gibt es wirklich nichts, was euch noch schocken kann?“, fragte sie.

„Die Welt schaut zu“, posten Freunde von mir auf Facebook. Aber, ganz ehrlich, gibt es denn überhaupt etwas, das wir tun könnten? Und wenn ja, was?

 

Eigentlich haben wir doch schon immer zugeschaut. Zum Beispiel 1992 als Rostock-Lichtenhagen brannte. Millionen Menschen sahen damals im Fernsehen oder vor Ort die Angriffe auf eine Flüchtlingsunterkunft. Was ist dieses Mal anders?

 

Der Voyeurismus, der mich heute an mein Handy fesselt, ist vielleicht ähnlich. Aber das Zuschauen heute ist anders. Keine nüchternen Reporter vor brennenden Häusern, keine zugeschnittenen Fernsehberichte mit Werbepausen. Lina berichtet in einer Intensität, die kein Nachrichtenformat vermitteln kann. Dabei tritt die Komplexität des Syrien-Konflikts in den Hintergrund. Berichte, wie die von Lina, brechen pauschale Auslandsnachrichten auf eine sehr persönliche Ebene herunter. 24 Stunden auf ihrer Seite geben einen Einblick in das Leid der Menschen, die sonst nur als pauschale Massen zwischen Wetter und Lottozahlen auftauchen. In dieser Unmittelbarkeit liegt das Potenzial uns „zu schocken“.

 

Dieses Gefühl hat wenig zu tun mit dem reellen Leid und der Gewalt, die Menschen gerade in Aleppo erleben. Aber es ist Ausdruck einer Empfindung, die vielleicht charakteristisch für meine Generation ist

 

Aber gerade in der Gleichzeitigkeit von "Tatort"-Abend auf der einen und Genozid auf der anderen Seite liegt die Perversion dieses Konflikts, der medial so aufgeladen ist – finden viele zumindest. Nie konnten wir einen Krieg aus so großer Distanz so unmittelbar mitverfolgen. Hashtags wie „#SaveAleppo“, „#AleppoGenocide“ oder „#StandWithAleppo“ geben den Massakern und Gewaltverbrechen den Anstrich eines Pop-Phänomens, den manche als pietätslos empfinden mögen, als Voyeurismus am Puls der Zeit.

 

Aber der Massencharakter, der Twitter und Facebook zukommt, hat auch einen anderen Effekt: Er hebt das Leid Tausender auf eine Ebene, die mehr ist, als eine Nachricht. Er schafft eine Gleichzeitigkeit, die uns aus unserem Alltag reißt. Die uns fertig macht. Mich fertig macht. Und vielleicht liegt genau hierin die Ursache für die Unbeschreibbarkeit meines Gefühls: Es ist mehr, als das kurze Mitleid, das ich empfinde, wenn ich etwas Erschütterndes in meinem Newsfeed entdecke. Es ist ein inneres und andauerndes Mit-Leiden, das sich wie ein bleierner Vorhang über meinen Alltag legt.

 

Dieses Gefühl hat wenig zu tun mit dem reellen Leid und der Gewalt, die Menschen gerade in Aleppo erleben. Aber es ist Ausdruck einer Empfindung, die vielleicht charakteristisch für unsere heutige Informationsgesellschaft und meine Generation ist, die nie einen Krieg vor der eigenen Haustür erleben musste. Ich nenne es digitalen Weltschmerz. Ein Schmerz, der lähmt, der traurig und in einer unmittelbaren Form betroffen macht. Der sich in unsere Handys und Timelines einschreibt, sodass niemand ihn ignorieren kann.

 

Vielleicht braucht es diese kurze bleierne Ohnmacht, um schließlich doch noch wütend zu werden. Um aus der Zeugenposition auszubrechen, anzuprangern, anzurufen. „Glaubt nicht an die Vereinten Nationen“, ist Linas letzter Aufruf, „tut selbst etwas.“ Sie will, dass Menschen vor der russischen Botschaft demonstrieren, Ehrenamtliche sollten ihre Hilfe anbieten oder spenden. Aber vor allem sollten wir nicht aufhören, über Aleppo zu sprechen. „Vergesst uns nicht“, sagt sie immer wieder. Seit drei Stunden hat Lina nichts mehr gepostet.

 

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