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"Wer nur mit Fakten argumentiert, erreicht die Leute nicht"

Wahlen gewinnt, wer Werte mit der richtigen Sprache verkauft, sagt Linguistin Elisabeth Wehling.
Interview von Friedemann Karig
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    Foto: privat

jetzt: Frau Wehling, warum ist Sprache so wichtig?

Elisabeth Wehling: Weil Sprache in unseren Köpfen sogenannte Frames aktiviert. Das sind gedankliche Deutungsrahmen, die weitreichende Schlussfolgerungen über eine Sache oder Situation implizieren. Das Wort „Telefon“ etwa aktiviert automatisch Assoziationen wie wählen, tuten oder reden, dazu ein prototypisches Bild eines Telefons. Diese Assoziationen laufen automatisch ab, ganz unbewusst. Ohne Frames können wir nicht denken. 

Wir denken, indem wir Wörter benutzen?

Wenn ich Wörter wie „Salz“ oder „Zimt“ sage, aktiviere ich gewisse neuronale Verbindungen in Ihrem Gehirn. Je nachdem, welche Sinneseindrücke bei dem Wort besonders relevant sind. Bei „Salz“ ist es das Schmecken, bei „Zimt“ das Riechen. Auch Bewegungen simuliert das Gehirn. Zum Beispiel simuliert es Handbewegungen, wenn ich „werfen“ sage.

 

Und wenn ich „Nazi“ sage oder „Flüchtling“ oder „Faschist“?

Auch dann werden Frames aktiv – und was auch immer man damit assoziiert aus seiner Welterfahrung. Inklusive aller Emotionen. Unbewusst, automatisch, unausweichlich.

 

Da passiert tatsächlich physisch etwas?

Ja. Bei „Salz“ zum Beispiel nicht Geruch sondern Geschmack, denn Salz ist geruchslos, hat aber einen intensiven Geschmack – denken Sie nur an das Zusammenziehen der Zunge, wenn man reines Salz schmeckt. Auch Konzepte wie das Streuen von Salz beim Kochen, die weiße Farbe und vieles mehr sind Teil des Frames. Dieses Wissen wird vom Gehirn durchgespielt.

 

"Das Wort 'Strom' aktiviert eine Naturgewalt, eine Gefahr. Geflüchtete werden zu Wasser, ihnen wird die Menschlichkeit genommen"

 

Also hat tatsächlich jeder seine eigene Realität?

Bestimmte Eindrücke teilen wir. Farben nehmen wir zum Beispiel alle üblicherweise gleich wahr, weil unser Sehapparat gleich funktioniert. Manche Dinge verarbeiten wir kollektiv gleich, beispielsweise durch eine gemeinsame Muttersprache, die unser Denken formt. Daneben gibt es aber auch individuelle Bereiche des Denkens und Wahrnehmens, nach denen tatsächlich jeder eine eigene Realität hat.

 

Wenn in jedem Menschen Informationen und ihre Wörter eine eigene Kettenreaktion auslösen, was können dann Fakten überhaupt ausrichten?

Fakten und Frames gehen immer Hand in Hand. Unser Gehirn kann nämlich ohne Frames keine Fakten wahrnehmen. Jeder Mensch wird faktische Informationen also immer bewusst oder unbewusst in den Frame einordnen, der gerade in seinem Kopf aktiviert wurde. Wenn in der Tagesschau von „Flüchtlingsströmen“ die Rede ist, also eine Wassermetapher für Menschen auf der Flucht genutzt wird, dann ordnen wir die kommunizierten Zahlen und Fakten entsprechend ein.

 

Wie sieht der Frame aus?

Das Wort „Strom“ aktiviert eine Naturgewalt, eine Gefahr. Geflüchtete werden zu Wasser, ihnen wird die Individualität, die Menschlichkeit genommen.

 

Damit wären wir bei der Politik. Wie genau denken wir die?

Aus der Ideologieforschung wissen wir: Letztlich denkt jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, zu großem Maße über die Politik wie über das Familienleben.

 

Ausgerechnet wie Familie?

Ja. Denn unsere erste und eindrücklichste Erfahrung mit sozialen Gruppen und Autoritäten ist die Familie. Sprachlich sieht man die Metapher etwa an Ausdrücken wie Mutti Merkel, Vater Staat, Muttersprache, Vaterland, Gründungsväter oder auch Staatshaushalt. In einer Familie geben die Eltern vor, was richtig und was falsch ist, erziehen die Kinder nach bestimmten Regeln. Dabei kennt die Forschung zwei zentrale Modelle: streng und fürsorglich.

 

Wie genau unterscheiden die sich?

In einer strengen Familie hat der Vater das Sagen. Es gibt objektive Vorgaben von richtig und falsch, ein System des Belohnens und Bestrafens. Strenge und das Disziplinieren der Kinder wird als Zeichen der Liebe verstanden, als „Tough Love“, getreu nach dem Satz: "Es tut mir mehr weh als dir“. Gehorsam gegenüber den Eltern und Bestrafung sollen dem Kind Selbstdisziplin lehren, damit es lernt, sein Eigeninteresse zu verfolgen und sich im Wettbewerb durchzusetzen. Das Schlimmste, was man laut diesem Erziehungsstil tun kann, ist es, die Kinder zu verweichlichen, indem man ihnen Dinge gibt, die sie sich nicht hart erarbeitet haben.

 

Und das fürsorgliche Modell?

Hier treffen Eltern zwar auch Entscheidungen, aber oberstes Gebot ist es, emphatisch, wohlwollend, respektvoll mit den Kindern umzugehen und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Kinder sollen zur Fürsorge für sich selbst und andere erzogen und vor psychischem und physischem Schaden geschützt werden. Aus Sicht der fürsorglichen Familie ist es falsch, Kinder zu blindem Gehorsam gegenüber Autoritäten anzuhalten und sie durch Liebesentzug oder Schläge abzustrafen, denn damit erzieht man sie zu weniger Empathie und sozialem Wohlwollen.

 

Was hat das jetzt mit Politik und Gesellschaft zu tun?

Die erste Erfahrung, die wir in unserem Leben mit Autorität und der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe machen, ist nun einmal die Familie. Daher nutzt jeder von uns automatisch seine Vorstellung von einer idealen Familie, um über größere soziale Gruppen zu denken – von Beruf über Religion bis hin eben zur Politik. Die Forschung zeigt: Strenge Familienwerte führen zu konservativer Politik, wie etwa „keine Bestrafung von Disziplin über hohe Steuern“. Fürsorgliche Familienwerte führen zu progressiver Politik, wie etwa „Schutz der Mitbürger vor sozialer Ausgrenzung, Schutz für geflüchtete Menschen, oder auch Umweltschutz“.

 

Wie verteilen sich diese beiden Perspektiven in einer Gesellschaft?

In den USA sind je bis zu 30 Prozent rein streng und rein fürsorglich geprägt. Und die politische Mitte dazwischen ist „bikonzeptuell“, nutzt also beide Familienmodelle als Schablone für das politische Miteinander. Hier gibt es unterschiedliche Typen: Wer nutzt welche Werte für welches Thema? In Deutschland haben wir übrigens eine ganz ähnliche Aufteilung gefunden, wobei sich die Ideologietypen hier über mehr Parteien verteilen.

 

Wie erreicht man diese Mitte?

Bikonzeptuelle spricht man an, indem man die Werte des eigenen Wertesystems hervorhebt. Beispiel USA: Wir haben in einem Experiment gesehen, dass wir unentschlossene Wähler nicht mit faktischen oder programmatischen Argumenten nach rechts oder links bewegen konnten. „Experten sagen, unter Trump werde die Arbeitslosigkeit steigen, die Wirtschaft werde leiden” – solche Argumente überzeugten nicht! Wenn wir aber sagten „Experten sagen, Trump sei genau der strenge Vater, den unser Land jetzt braucht“, dann gingen die Leute in einem Erdrutsch nach rechts, wollten also für Trump stimmen. Sprich, wer Politik und Politiker in Form von Werten begreifbar macht, erreicht die Leute. Wer nur faktisch argumentiert, eher nicht.

 

Wie müssen wir 2017 kommunizieren, um den Populisten und Extremen eben nicht noch mehr Zulauf zu verschaffen?

Wir müssen noch viel mehr hinterfragen, welche Begriffe warum wieder im Umlauf sind. Bilder wie die „Meinungsdiktatur“, alte Vokabeln wie „völkisch“, aber auch sehr unscheinbar scheinende Wörter wie „islamkritisch“ – wieso haben sie Konjunktur und was aktivieren sie in unseren Köpfen? Oder aber, ganz banal: „Steuern zahlen“. Was bedeutet das? „Zahlen“ wir dem Staat als von uns getrennte Entität, als „Dienstleister“, Steuern für „Produkte“? Oder sind Steuern ein „Beitrag“ für eine gemeinsame Sache, gibt es ein kollektives Handlungsziel, zu dem wir unter anderem durch Steuern „beitragen“? Wir müssen uns fragen: Auf Grundlage welcher sprachlicher Versäumnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte haben sich Gedanken gegen ein wohlwollendes Miteinander etablieren können?

 

Was meinen Sie mit Versäumnisse genau?

Dass etwa der Klimawandel oft geleugnet wird und es mit Klimaschutzpolitik nur schleppend vorangeht, liegt auch daran, dass der Begriff „Wandel“ keine moralische Dringlichkeit impliziert. „Wandeln“ können sich Dinge zum Guten oder Schlechten. Wenn wir hier über eine desaströse Entwicklung sprechen, brauchen wir also einen anderen Begriff. Was Politik rund um menschliches Wohlwollen und Menschenrechte betrifft – etwa von Sozial- und Umweltthemen bis hin zum Umgang mit Menschen auf der Flucht – gilt es, das empathische, wohlwollende und menschliche Miteinander auch sprachlich stärker zu betonen. Denn sonst verfällt es gedanklich. Sprachliche Vernachlässigung führt zu gedanklicher und in letzter Konsequenz auch programmatischer Vernachlässigung. Und in solche poröse Stellen des öffentlichen Sprachgebrauchs setzen sich eben gerne auch Gruppen und Wortführer, die menschlich wohlwollende Politik in Frage stellen.

 

Was also tun?

Demokratische Parteien müssen ihre Begriffe restaurieren, sich unglaublich ins Zeug legen für die Bundestagswahl. Nicht nur, indem man Rechtspopulisten anprangert und ständig ihre Ideen aufgreift und diskutiert. Sondern indem man die eigenen Visionen „guter Politik“ auf ein stabileres sprachliches Fundament stellt. Übrigens nicht nur für 2017, sondern für die kommenden Jahrzehnte. 

 

Aber manche Menschen hören anscheinend gar nicht mehr zu.

Manche Menschen werden Sie nicht für bestimmte Politik überzeugen, mit keiner Sprache. Die sind in ihrer Weltsicht gefangen, sind entweder strikt „streng“ oder strikt „fürsorglich“. Für die bikonzeptuelle Mitte gilt das nicht, die ist ansprechbar. Über die klassischen oder sozialen Medien.

 

"Wertevorstellungen entscheiden Wahlen, nicht einzelne Fakten oder Programmdetails"

 

Wie spreche ich diese schweigenden Zuschauer an?

Indem Sie inhaltlich und in Ihrer Art und Weise, zu kommunizieren, Ihren Werten treu bleiben. Darin liegt eine Chance: Wertevorstellungen entscheiden Wahlen, nicht einzelne Fakten oder Programmdetails.

 

Wie soll das jeder Einzelne von uns tun, im Alltag?

Wenn Sie es mit menschenfeindlichen Gruppen zu tun haben, können Sie in einem emphatischen und wohlwollenden, aber trotzdem festen Ton kommunizieren. Nicht abwerten, nicht übermäßig aggressiv sein, denn auch die Form des politischen Streitens ist ein Aushängeschild für die eigenen Werte. Das heißt aber nicht, ohne strikte Positionen aufzutreten oder für alles zu haben zu sein, immer noch ein „vielleicht" und ein „aber“ einzustreuen. Auch der gute, demokratische, menschlich wohlwollende Bürger muss Tacheles reden. Beides schließt sich nicht aus.

 

Klingt sehr anstrengend. 

Sie können viele positive Beispiele einbringen, warum wir bisher in dieser Form des Miteinanders leben, warum wir uns als Gesellschaft auf bestimmte Werte geeinigt haben. Sie können unsere Gesellschaft mit einer autoritären vergleichen – und erklären, warum unser Modell dem Menschen besser tut. Das alles hat eine Wirkung. Die Zuschauer nicht nur von politischen Einzelpositionen, sondern vielmehr von der generellen eigenen Wertehaltung zu überzeugen – das ist die Chance.

 

Hat es die liberale Elite zu lange versäumt, sich so zu erklären, in einem anschlussfähigen Ton?

Diesen Begriff der „liberalen Elite“ und den damit verbundenen Frame halte ich für hoch problematisch.  Wir dürfen dieses Narrativ der Politelite, die als einzige eine menschliche Politik will, und des autoritären Volkes, das abgehängt und dem nicht zugehört wird, nicht von den Rechtspopulisten übernehmen. Hillary Clinton hat zum Beispiel im US-Wahlkampf viele „ganz normale Menschen“ als Unterstützer gehabt. Die Bürger unserer Demokratien sind nicht alle autoritär, sondern wählen oft auch menschlich fürsorgliche Politik – Politik eben, die sich um Menschen kümmert und bemüht ist, deren Würde und Wohlergehen zu sichern.

 

Ist der heftige Streit um die richtigen Worte nicht auch elitär? Weil sich nur über Worte entsetzen kann, wem es ansonsten sehr gut geht?

Ich glaube, das geht alle an. Wir erleben gerade quer durch die Gesellschaft eine Stärkung des Bewusstseins für die Relevanz von Sprache für politisches Denken und Handeln. Und leider auch eine sprachliche Renaissance von nationalistischem und autoritären Gedankengut. Sich an dieser Sprache zu reiben, ist eine gesunde Immunreaktion. Wir müssen aber noch mehr über Begriffe reden.

 

Ist der rechte Backlash, wenn man ihn so nennen will, nicht gerade dadurch entstanden, dass die Leute keine „Sprachpolizei“ wollen? Sollen wir die, die sich von solchen Diskussionen um die richtigen, sagbaren Wörter gegängelt fühlen, also mit noch mehr Sprachgenauigkeit quälen?

Sie haben vollkommen Recht, dass es keinen Sinn macht, nur über einzelne Wörter zu rechten. Das bringt auch langfristig nichts. Viel wichtiger ist es, sich die Idee der „Politischen Korrektheit“ nicht umdeuten zu lassen! Ihr Kern ist, dass man Menschen nicht durch Programmatik oder Sprache schaden soll. Nun wird sie zunehmend von Populisten entfremdet, die das Wort umdeuten und sagen, politisch korrektes Sprechen sei Zensur und eine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Ich rate jedem, dem der Schutz von marginalisierten Gruppen am Herzen liegt, sich vehement gegen diese Umdeutung zu wehren. Auch dadurch, dass man die Neu-Deutung nicht aufgreift und propagiert.

 

Wie geht das?

Das Prinzip heißt Frame-Negierung: Wenn Sie Ideen aufgreifen und verneinen, zum Beispiel indem Sie sagen, politische Korrektheit sei „keine Meinungsdiktatur“, dann aktivieren sie genau diese Sicht in den Köpfen ihrer Mitmenschen.  

Meistens läuft es in der Politik ja so: Die AfD sagt etwas Schlimmes, die Journalisten rufen Politiker an, die müssen reagieren. Kann man sich diesen Provokationsspiralen überhaupt entziehen? Was kann man gegen solche festen Frames tun?

Man kann etwas tun. Aber eben nicht gegen einen Frame, der der eigenen Sicht auf die Welt widerspricht, sondern für einen Frame, der die eigene Sicht auf die Welt begreifbar macht. Barack Obama war ein absoluter Framing-Künstler. Er hat das fantastisch gemacht. Nur ein Beispiel: Kurz nach Antritt seiner ersten Amtszeit wurde ihm vorgeworfen, er wäre kein Patriot. Der Frame des Patriotismus wird in den USA eher konservativ interpretiert: Abgrenzung, Abwertung anderer, militärische Stärke und so weiter.

 

Nicht gerade das, wofür Obama als ehemaliger Bürgerrechtler steht.

Der Moderator Andy Cooper fragte: "Barack, sind Sie ein Patriot"? Und Obama sagte: „Listen, Andy. Für mich ist Patriotismus, dass man sich gegenseitig sieht, sich erkennt. Dass man sich füreinander einsetzt. Und weil ich solch ein Patriot bin, möchte ich eine Krankenversicherung und Bildung und Gleichberechtigung.“ Er hat einen eigenen Frame ins Gespräch gebracht. Ganz anders als der, in dem die allermeisten Amerikaner über Patriotismus dachten. Und sich und seine politischen Anliegen erfolgreich darin eingeordnet. Er hat sich nicht einfangen lassen von der Gegenseite, sondern klar gezeigt, worum es ihm geht. Das wirkt überzeugend und echt. 

 

Ist die AfD mit ihren Frames in Deutschland sprachlich so gefährlich wie Trump?

Sicher. Und man muss damit rechnen, dass die AfD im Wahljahr 2017 erfolgreiche Frames von Trump übernehmen wird. Der Lichtblick: Wir wissen, was auf uns zukommt. Und damit können sich Parteien sehr gut auf den Wahlkampf vorbereiten. 

 

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