Wer bin ich – und wenn ja, in welcher Sprache?

Wenn wir die Sprache wechseln, ändern wir auch unsere Persönlichkeit. Und das kann großartig sein.
Von Iseult Grandjean
Foto: criene / photocase.de

Ich habe neulich etwas über mich herausgefunden: Ich habe mehrere Persönlichkeiten. Schuld daran ist kein Doppelleben, das mich mit zwei Handys und anonymisiertem Email-Account vor örtlichen Behörden flüchten lässt, und schuld daran ist auch kein Konto in der Schweiz: Schuld daran ist Erasmus.

Ich wohne in Paris und spreche täglich drei Sprachen. Und wenn ich in der Gemeinschaftsküche unseres Wohnheims sitze und abwechselnd zwischen Englisch, Französisch und manchmal Deutsch hin- und herspringe, merke ich, wie ich mich mit jedem Wort plötzlich verändere. Wie ich in jeder Sprache zu einer etwas anderen Version meiner Selbst werde. Jede dieser Versionen formt meine Sätze, bevor sie mir überhaupt von der Zunge rollen; je nachdem, welche Sprache ich mit dem Anderen spreche, werde ich wahrscheinlich auf die Frage „Wie geht’s“ bei gleichem Empfinden dreimal anders antworten: Auf Deutsch bin ich zynisch, auf Englisch sorglos und auf Französisch immer ein bisschen genervt.

„In dem Moment, in dem wir eine Sprache wählen, aktivieren wir die kulturellen Normen und das non-verbale Verhalten, das dieser Sprache angehört“, sagt Jean-Marc Dewaele, Professor für Angewandte Sprachwissenschaften und Multilingualismus an der University of London. Dewaele hat umfangreiche Studien mit über tausend bi- und multilingualen Menschen durchgeführt, die allesamt von diesem Phänomen berichteten – von dem Gefühl, dass man, sobald man eine andere Sprache spricht, auch eine andere Persönlichkeit annimmt.

Es macht laut der Forschungsergebnisse keinen Unterschied, in welchem Alter man die Fremdsprache gelernt hat – wie sicher man sich also in ihr bewegt: Das Gefühl, eine andere Persönlichkeit anzuziehen wie einen etwas zu großen Mantel, bleibt. Während man die Angst, weniger geistreich oder einfach nur etwas lahm zu wirken, vielleicht erst mal fehlender Sprachintuition zuschreiben würde (neunzig Prozent meines Humors bestehen aus absurd schlechten Wortspielen, eine fatale Komplikation in Fremdsprachen), beobachten Dewaele und sein Team nämlich, dass sich neben Tonfall oder Stimmlage auch kulturelle Codes wie Konversationsthema oder Nähe zum Gesprächspartner verschieben können, wenn wir die Sprache wechseln.

Jede Sprache birgt ihren eigenen Kodex

„Eine bestimmte Sprache kann dem Individuum mehr oder weniger Freiheit geben, sich auszudrücken“, erklärt Jean-Marc Dewaele und erzählt von asiatischen oder arabischen Probanden, denen es zum Beispiel auf Englisch sehr viel leichter fiel, wütend oder ausfallend zu werden. Zum einen, weil man in einer Fremdsprache generell oft weniger Hemmungen hat – seine Mitarbeiterin Rosemary Wilson verglich dies mit einer Maske, hinter der sich vor allem schüchterne Menschen verstecken. Zum anderen, weil es kulturelle Tabus ihrer Muttersprache verbieten, zu fluchen. Jede Sprache birgt ihren eigenen Kodex.

Ertappe ich mich deshalb manchmal dabei, wie ich auf Englisch zu Rachel Green aus Friends mutiere (ohne Job und ohne richtige Probleme) und auf Französisch dagegen gesellschaftskritische Sätze von mir gebe, die eigentlich erst mit Kippe in der Hand richtig lässig nach Philosophie-Lehrstuhl an der Sorbonne klingen würden?

Dass Sprache unser Denken formt, formulierte bereits der Linguist Benjamin Whorf, der sich dabei auf die Theorien des Sprachwissenschaftlers Edward Sapir berief; das linguistische Relativitätsprinzip wurde später auch als Sapir-Whorf-Hypothese bekannt und besagt, dass das Weltbild eines Menschen durch die Strukturen seiner Sprache geprägt wird: Grammatik, Wortschatz und semantisches System stecken das Denkbare überhaupt erst ab. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb Ludwig Wittgenstein im 20. Jahrhundert.

Meine anderssprachigen Freunde wissen gar nicht, wer ich wirklich bin, denke ich manchmal. Aber andererseits: Wer bin ich denn wirklich? Eine „reine Persönlichkeit“ gibt es genauso wenig wie eine reine Sprache. Zwischen Auslandspraktikum und Weltreise lernen wir nicht nur neue Wörter kennen und wo es den billigsten und doch kopfschmerzfreien Wein zu kaufen gibt, sondern vor allem auch neue Menschen, neue Weltbilder. Hybridität ist die Norm geworden.

Die Wissenschaft beweist: Sprache ist von vorneherein eine Zwangsjacke. Da kann man ja zumindest mal die Jacke wechseln, vielleicht mal einen Mantel überziehen. Auch meine fremdsprachigen Ichs sind Ableitungen meiner Persönlichkeit. Und das ist vielleicht auch gut so: Denn es kann sehr viel Spaß machen, linguistisch schizophren zu sein und in jeder Stadt und jeder Sprache immer mehr Splitter von sich selbst zu entdecken - die zynische Deutsche, die unbeschwerte Amerikanerin, die genervte Französin: Ich, das sind wir alle. 

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