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Das Chaos nach Indiens Bargeldreform

Indien erklärte über Nacht einen Großteil des Bargelds für ungültig - seitdem ist das Land in Aufruhr.
Von Fiona Weber-Steinhaus/Neu-Delhi
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    Foto: Farooq Khan/dpa

Am 8. November bekam Alisha Lobo eine Whatsappnachricht: “Alisha, es ist dringend. Wir müssen sprechen”, schrieb ihr Vater. “Wenn du 500 Rupien Scheine hast, bring sie sofort zur Bank.” Die Politikstudentin aus Goa macht gerade ein Praktikum und wohnt zur Untermiete in Neu-Delhi. Sie dachte erst an einen Scherz. 500 Rupien sind etwa 6,90 Euro. Dann fuhr sie ihren Rechner hoch und las die Eilmeldungen.

Um 20 Uhr war Indiens Premierminister Narendra Modi vor die Kameras der Fernsehsender getreten und hatte alle 500 und 1000 Rupien Scheine für ungültig erklärt. Einfach so. Ohne Vorwarnung. In einem Land mit 1,2 Milliarden Bürgern, deren Leben zu sehr großen Teilen über Bargeld funktioniert – beim Einkaufen, in Krankenhäusern, bei der Miete. Und bei Bestechungen?

 

Modi behauptet das. Sein Ziel, sagt er, sei es, Schwarzgeldbesitzer abzustrafen, falsche Geldscheine zu eliminieren und Terroristen die Finanzierung zu entziehen. Man konnte die nun ungültigen Scheine entweder bis zum 30.Dezember auf sein Bankkonto einzahlen oder bis zum 24. November gegen 100 Rupien-Scheine (und die neuen 2000 Rupienscheine) einwechseln. Die Vorteile, so Wirtschaftsexperten: Steuerhinterziehung würde schwieriger, die Banken würden liquider.

 

Das Problem: Die beiden Geldscheine machen 86 Prozent des gesamten Geldflusses in Indien aus, so der jährliche Bericht der Reserve Bank of India.

 

Vor den Banken prügeln sich Leute, mindestens 50 sollen in Zusammenhang mit der Bargeldreform gestorben sein

 

Die Folgen: In ganz Indien brach Chaos aus. Bis Mitternacht investierten wohlhabende Inder ihr Schwarzgeld in Schmuck und Handtaschen, manche versuchten, sich die Rechnungen vordatieren zu lassen. Vor den Banken prügelten sich Leute um einen besseren Platz. Je nach Quelle sollen zwischen 50 und 76 Menschen in Zusammenhang mit der Bargeldreform gestorben sein. Ein Kind wurde angeblich sogar vom Krankenhaus abgewiesen, weil die Mutter nur einen alten Geldschein hatte. Das Kind starb. Eine Frau brach in der Schlange vor einem Geldautomaten zusammen. In ländlichen Gebieten laufen manche dreißig Kilometer zur nächsten Bank – nur um diese leer vorzufinden.  

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    Foto: Parth Gupta

Für Alisha ist die Bargeldreform nervig, aber sie leidet nicht darunter. Mehr als zwei Wochen nach Modis Ankündigung stehen noch immer jeden Morgen Schlangen vor den Banken und Bankautomaten in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. Gitter sichern den Zugang zu den Filialen. Freunde geben sich gegenseitig Tipps, wo man gut abheben kann und schicken einander Memes, auf denen die ungültigen Scheine als Klopapier oder Pommestüte benutzt werden. Alisha stand diese Woche drei Mal beim Bankautomat an, um Geld für ihre Miete abzuheben. Ihre Vermieterin will das Geld in bar, auch wenn Alisha es ihr überweisen könnte.

 

Modis Idee macht Steuerhinterziehung also tatsächlich komplizierter – auch für diejenigen, die nichts von ihr haben.

 

Alisha findet das Verhalten ihrer Vermieterin scheinheilig: “Modis Reform zu loben, die Steuersünder zu beschimpfen, und dann alles zu tun, um bloß keine Einkommenssteuer zu zahlen.” Fast achtzig Prozent aller Transaktionen in Indien werden bar abgewickelt, so eine Studie der Boston Consulting Group.

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    Foto: Parth Gupta

In der Altstadt Delhis sitzt Shailesh Kumar Jaiswal auf einem Motorrad, kaut auf einem Streichholz und wartet auf Kunden. Um 15 Uhr ist sein Holzkarren noch voller Kiwis. Vor der Reform habe er pro Tag 30 bis 35 Kiwischalen verkauft. Jetzt sind es fünf bis sechs. “Die Leute haben kein Geld und überlegen genau, was sie ausgeben”, sagt der 18-Jährige. Er zahle mehr, als er einnehme. Die Reform, sagt er, treffe die Falschen: “Schau doch mal in die Schlange, da stehen Arbeiter und Tagelöhner. Das sind doch nicht die großen Steuerbetrüger.” Viele Experten meinen, dass die Bargeldreform tatsächlich nicht die Steuerhinterzieher trifft: Schwarzgeld würde vor allem in Immobilien, Gold und ausländische Bankkonten stecken. 

 

Viele lagern ihr Geld außerdem zu Hause. Nur die Hälfte der 1,2 Milliarden Inder besitzt überhaupt ein Bankkonto. Zwei Drittel der Bevölkerung lebt außerdem nicht in den Metropolen wie Delhi oder Mumbai, sondern auf dem Land, wo es kaum Bankautomaten gibt. Auch wenn Modi behauptet, die Reform würde den Armen zugutekommen, sind es vor allem die Armen, die darunter leiden. Bauern können kein Saatgut kaufen. Chefs können ihre Angestellten nicht bezahlen, am Bahnhof in Delhi fahren viele Saisonarbeiter zurück in ihre Dörfer, weil sie keinen Job kriegen.

 

Inder konnten ihr Schwarzgeld nachträglich versteuern, ohne fürchten zu müssen, strafrechtlich verfolgt zu werden

 

Die Regierung lockerte die Regelung deshalb nach ein paar Tagen wieder, nachdem es zu großen Protesten kam. Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen wurden dazu angehalten, die 500 und 1000 Rupien-Scheine wieder anzunehmen. Bis zum 15. Dezember kann man seine Stromrechnung noch in alten Scheinen bezahlen, bei staatlichen Tankstellen tanken, sein Telefonguthaben aufladen oder Medikamente kaufen.

 

Die Bargeldreform ist einer von vielen Schritten, mit denen Premierminister Narendra Modi – wie vor zwei Jahren angekündigt – die Korruption bekämpfen will. Und es ist der bislang radikalste. Modi hatte zuvor die Bürger aufgerufen, ihr Schwarzgeld zu deklarieren. Bis zum 30. September konnten Inder ihre Einnahmen nachträglich versteuern, ohne fürchten zu müssen, strafrechtlich verfolgt zu werden. Die Behörden nahmen damit nach eigenen Angaben knapp zehn Milliarden Euro ein. 

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    Foto: Parth Gupta

Trotzdem sind viele Inder für die Reform. “Sie fühlen sich als Soldaten, geeint im Kampf gegen Terrorismus und Korruption”, sagt Alishas Mitpraktikant Basit spöttisch. Als Alisha wieder anstand, rief einer: “Modi zindabad!” – Modi hat die Vision. Die Leute klatschten. “Ihr steht Schlange für ein besseres Indien”, ließ die Regierungspartei BJP mitteilen.

 

Hemat Yadav ist anderthalb Stunden mit seinem Roller nach Süddelhi gefahren, um 20.000 Rupien, 276 Euro, einzuzahlen. Ihn stört es nicht, dass er bereits zum dritten Mal ansteht, zwei Mal mehr als vier Stunden. Der 21-Jährige arbeitet als Volunteer für Jugendarbeit in der Stadtverwaltung in Rohini, einem Randbezirk im Norden Delhis. Für die vergangenen zwei Wochen hatte er sich ein Konto bei PayTM eingerichtet, eine Art indisches Paypal. Aber langsam geht sein Geld auf dem Bankkonto aus. Die Bargeldreform ist auch ein Schritt zur bargeldfreien Gesellschaft, die Modi immer wieder als Ziel unterstreicht.

 

“Ich finde die Idee super. Langfristig wird sich unsere Geduld auszahlen”, sagt er trotzdem. In seinem Viertel hätte seine Familie beim Eckladen ihr Gemüse, Milch und Obst anschreiben lassen. Noch zehn bis 15 Tage, dann würde sich die Lage weiter normalisieren. Sein Gehalt von 5000 Rupien bekommt er auf sein Konto gezahlt.

 

Für viele Tagelöhner zahlt sich gar nichts mehr aus. Shafyia, 21, versucht mit ihrer Mutter Geld zu tauschen. “Wir werden hier zum Hungern ausgesetzt”, sagt ihre Mutter. Shafyias Brüder arbeiten beide als Bauarbeiter und wurden von ihren Arbeitgebern in alten 500 Rupien Scheinen bezahlt. Sie gehen wieder nach Hause.

 

Und dann gibt es noch das staatliche Krankenhaus AIIMS (All India Institute of Medical Sciences), vor dem jede Nacht Hunderte Menschen schlafen, die aus ganz Indien zur Behandlung in die Hauptstadt Delhi kommen. Menschen unterhalb der Armutsgrenze müssen nicht für medizinische Versorgung bezahlen. Neben der Hauptstraße warten mehrere Hundert Leute auf ihr Mittagessen, dass von den Sikh-Tempeln kostenlos ausgegeben wird. Mala Davi, 26, lebt seit anderthalb Jahren vor dem Krankenhaus – mit ihrem Mann und den drei Kindern.

 

Sie hat Brustkrebs und macht eine Chemotherapie, heute musste sie zu einer Blutuntersuchung. Es ist Donnerstag, der 24. November, der letzte Tag, an dem man im Krankenhaus noch mit 1000 Rupien Scheinen bezahlen kann. Mala Davi betrifft das nicht. Weil sie gar kein Geld hat. 

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