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"Nach meiner Missionarszeit hielt ich mich für den neuen Papst"

Jared wurde in eine Mormonenfamilie hineingeboren. Jetzt will er aussteigen.
Interview: Charlotte Haunhorst
  • mormone
    Bild: Jessy Asmus

Jared (Name geändert) ist Mitte 20 und war sein Leben lang Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen Letzten Tage", eine Abspaltung des „Mormonentums“ . Deren Lehren basieren auf den Offenbarungen des US-Amerikaners Joseph Smith (1805-1844), welche er vermutlich selbst im "Buch Mormon" niederschrieb.

 

Mit 19 war Jared für zwei Jahre im Ausland missionieren. So wollte es seine Kirche, aus der er mittlerweile aussteigen möchte. Auf Reddit hat er sich deshalb kürzlich einem AMA zu den Mormonen gestellt, als Beweis seiner Identität hat er dort seinen Tempelausweis, also seine Zugangsberechtigung zu dem heiligsten Ort der Mormonen, fotografiert.  Diese Information können wir, wie auch sonst bei Reddit AMAs, nur schwer überprüfen. Wir erreichen Jared am Telefon. 

Auf Reddit nennst du dich "Exmormone", willst allerdings nicht, dass deine Familie etwas darüber erfährt – wie ist derzeit dein Status?    

Vom Kopf her bin ich vollkommen draußen. Aber um den Frieden zu wahren, gehe ich weiterhin jeden Sonntag zur Kirche. Ich wurde "im Bund geboren", meine Eltern sind also auch Mormonen, ich kenne gar nichts anderes. Das macht das Aussteigen schwierig. Nur die wenigsten in meinem Umfeld wissen, wie es wirklich in mir aussieht. Meine Eltern ahnen davon gar nichts. Wenn ich es ihnen jetzt erzählen würde, wären sie sehr schockiert und würden die Schuld in meinem Verhalten bei sich suchen. In der Kirche lernt man nämlich, dass die Eltern für den Glauben der Kinder verantwortlich sind.

 

Was droht dir als Aussteiger?

Ich muss schon mit sozialen Folgen rechnen, wenn auch nicht so hart wie beispielsweise bei den Zeugen Jehovas, wo man ja nach einem Ausstieg komplett ausgegrenzt wird. Ich würde damit das Leben meiner Eltern zerstören. Die Mormonen glauben, dass man nach dem Tod als "ewige Familie" in einem paradiesähnlichen Zustand weiter zusammen ist. Mein Unglauben könnte das verhindern. So nimmt einen die Kirche als Geisel.

 

Wie gehst du mit dieser Situation um?

Das Thema ist natürlich eine massive psychologische Belastung, deshalb denke ich auch über eine Therapie nach. Ich habe Angst, dass ich mein Leben nicht mehr im Griff habe. Der Lebenszweck, der immer selbstverständlich war, wurde mir genommen. Und für diese Situation wurden mir vorher keine Werkzeuge mitgegeben. Denn, dass jemand die Kirche verlassen könnte – darüber durfte man nicht einmal nachdenken.

 

Kannst du mit jemandem darüber reden?

Ich habe bereits das Gespräch mit entfernterer Verwandtschaft gesucht. Aber da bin ich nur auf Unverständnis gestoßen. Auch in der Kirche ist es theoretisch erlaubt, Fragen zu stellen. Aber sie erwarten dann, dass die Fragen sich auf den Glauben beziehen. Sowas wie "Wie kann ich noch stärker nach Gottes Willen leben?". Wenn man hingegen fragt: "Warum wollte unser Gründer Joseph Smith 14-Jährige heiraten?", führt das zu Entsetzen. Darüber spricht man nicht. Aber meine Frau weiß natürlich Bescheid.

 

Du bist also verheiratet.

Ja. Darüber möchte ich aber nicht allzu viel verraten. Nur so viel: Wir haben eigentlich alles richtig gemacht. Wir haben im Tempel geheiratet, nach dem Ritual der Mormonen. Und jetzt haben wir das Glück, dass wir von unserer Einstellung her im gleichen Boot sitzen. Ansonsten wäre es noch härter.

 

"Ich hatte Schweißausbrüche, als ich das erste Mal den Namen unseres Gründers Joseph Smith bei Google eingetippt habe"

 

Was war die Initialzündung für deine Zweifel?

Als ich auf Mission war habe ich ein paar Sachen mitbekommen, die mich stutzig gemacht habe. Zum Beispiel die Sache mit der Polygamie. Das Wort hatte ich vorher gehört, aber mir wurde immer gesagt, das sei lange her. Dann habe ich gemerkt: Das stimmt gar nicht. Zurück in Deutschland habe ich dann gehört, dass immer mehr Leute die Kirche verlassen würden. Das konnte ich nicht glauben und habe angefangen zu googlen. Das klingt jetzt völlig irre, aber: Ich hatte wirklich Schweißausbrüche als ich das erste Mal den Namen unseres Gründers Joseph Smith eingetippt habe. Weil ich ja immer gelernt hatte, dass man sich nicht mit kritischer Literatur auseinandersetzen darf. Und eigentlich war mein Glaube damals ja noch fest. Ich dachte, dass ich so vielleicht Antworten auf die Fragen finden könnte, die zweifelnde Kirchenmitglieder mir irgendwann stellen könnten. Dass ich so der Kirche helfe. Nach ungefähr einem Jahr wurden meine Zweifel allerdings immer stärker. Der Wunsch, die Wahrheit zu kennen, hat vor der Angst vor dem Verlust überwogen.

 

In Deutschland gibt es knapp 40.000 Mormonen, in den USA schätzungsweise 6-7 Millionen. Die Religion ist den meisten hier also nicht sehr vertraut – wie sieht euer Alltag aus?

Im Gegensatz zu anderen christlichen Religionen reicht es bei den Mormonen nicht, sich nur ein bisschen zu engagieren. Nur zweimal im Jahr in die Kirche zu gehen. Es gibt nur alles oder nichts. Jeder typische Mormone betet also mehrmals am Tag, studiert täglich die heiligen Schriften. Sonntags geht man immer in die Kirche. Von Männern wird erwartet, dass sie ab dem 18. Lebensjahr zwei Jahre im Ausland missionieren, für Frauen sind es nur 18 Monate und es ist nicht verpflichtend. Die Kirche ist im Alltag omnipräsent, man redet ständig über Gott. Wenn einem da jemand am Telefon sagt "Ich hatte gerade eine Offenbarung" ist das etwas total Normales. Und es gibt natürlich feste Regeln. Man muss ein Zehntel seines Einkommens an die Kirche abführen und stets loyal sein. Darf keinen Sex vor der Ehe haben, nicht rauchen, keinen Alkohol trinken. Im besten Fall sollte man auch nur unter Mormonen heiraten.

 

Wie war die Schulzeit für dich?

In der Schule war ich der einzige Mormone. Dementsprechend wurde ich in Glaubensfragen oft gehänselt. Anstatt dann zu schweigen, habe ich die Kirche stets verteidigt – so, wie ich es gelernt hatte. Die Kirche liefert einem für jede kritische Frage vorgefertigte Antworten. Später, nach der Mission, konnte ich eigentlich jede andere Religion problemlos auseinandernehmen. Dabei fühlte ich mich insgeheim den anderen überlegen. Ich hatte eine besondere Verbindung zu Gott, war Teil des auserwählten Volkes. Meine "wahren" Freunde waren somit die aus der Kirche. Und auch bei externen Freunden war es mir wichtig, dass die Kirche dort präsent ist. Dass sie wissen, dass ich aus religiösen Gründen nicht rauche, trinke und auch keinen Sex habe.  

 

Wolltest du auch deine Freunde missionieren?

Ja, aber weniger zur Schulzeit. Das begann erst nach meiner Missionarszeit im Ausland. Danach hielt ich mich für einen neuen Papst. Dachte, ich könnte alle meine ungläubigen Freunde retten, indem ich ihnen etwas von Gott erzähle. Heute ist das eher umgekehrt. Jetzt will ich meine Freunde aus der Sekte retten (lacht).

 

Was ist denn der offizielle Auftrag so einer Mission?

Man soll die Menschen zu Christus bringen, was natürlich bei uns bedeutete: Zur Kirche bringen, damit die Zahl der Mitglieder steigt und mehr Leute ein Zehntel ihres Einkommens in dieses Unternehmen stecken. Denn, das muss ich jetzt so hart sagen: Diese Kirche ist wie ein Unternehmen, sie will Geld machen. Die Mission hilft ihr dabei, ihre Mitglieder noch stärker an sie zu binden. Wenn man zwei Jahre lang immer das gleiche über seinen Glauben erzählt, hinterfragt man es irgendwann selbst nicht mehr.

 

Hast du es denn auf der Mission auch geschafft, Menschen vom Eintritt in eure Kirche zu überzeugen?

Ja, das habe ich. Wobei das im nicht europäischen Ausland auch einfacher ist als hier. In Europa erlebt ein Missionar rund zwei Taufen pro Jahr, das sagen zumindest geleakte interne Zahlen. Ich persönlich wäre ohne so ein Erfolgserlebnis in den zwei Jahren völlig depressiv geworden.

 

In deinem AMA auf Reddit sprichst du auch an, dass das Frauenverachtende an der Kirche dich störte. Was genau meinst du damit?

Treue Mormonen würden dir sagen, dass die Frau bei ihnen völlig gleichberechtigt ist. Aber das ist falsch. Die Rolle der Frau ist in der Lehre sehr abwertend verankert. Im großen Erlösungsplan und in den heiligen Schriften taucht sie kaum auf. In der Frühzeit der Kirche waren für Männer auch Vielehen erlaubt, das ging natürlich auf Kosten der Frauen. Auch heute noch müssen Frauen bei den geheimen Tempelzeremonien ihr Gesicht verhüllen. Und bei Eheschließungen kommt das Wort "Liebe" gar nicht vor. Die Frau gibt sich dem Mann hin.

 

Was geschieht in denen von Dir angesprochenen Tempeln?

Es gibt bei den Mormonen normale Gotteshäuser und eben die Tempel. In Deutschland gibt es davon zwei Stück. Der Tempel ist das Ziel eines jeden Mormonen, die meisten haben zu Hause ein Bild von ihm hängen. Man darf ihn erst mit 18 Jahren betreten und um einen "Tempelschein", also eine Zugangsberechtigung, zu bekommen, muss man sich nachweislich an die Regeln der Kirche gehalten haben. Frauen kommen meistens erst für ihre Eheschließung in den Tempel. Was dort drinnen dann genau passiert, wird vor dem ersten Besuch geheim gehalten. Mittlerweile gibt es dazu geleakte Videos, die auf Außenstehende ziemlich absurd wirken müssen. Man zieht dort zeremonielle Kleidung an. Dann zeigen sie einem einen Film über Adam und Eva, die Stimme, die einen über den weiteren Ablauf informiert, kommt stets vom Band. Zuvor erhält man von den Priestern einen neuen Namen. Sie tun so, als sei das eine spontane Eingebung von Gott, tatsächlich haben sie aber eine Liste mit Namen für jeden einzelnen Tag vorliegen, die einfach nur rotieren. Außerdem geben sie einem Passwörter und Handzeichen, mit denen man später angeblich in den Himmel eintreten kann.

 

"Das Wort Atheist fällt mir immer noch schwer auszusprechen" 

 

Wie hast du diese Zeremonie beim ersten Mal empfunden?

Ich dachte, ich sei im falschen Film. Man hat mir eine grüne Schürze umgelegt und einen Hut aufgesetzt, der aussah, wie von einem Bäcker. Nach der Zeremonie hatte ich so viele Fragen, aber aus Schock habe ich zu allem Ja und Amen gesagt. Ich dachte: "Wenn die anderen da mitmachen, muss es schon richtig sein." Später habe ich gelesen, dass manche Menschen bei diesen Tempelzeremonien bereits erkennen, dass sie in einer Sekte gelandet sind. Ich bin hingegen danach immer häufiger in den Tempel gegangen. Auch, um Antworten auf meine Fragen zu finden. Tatsächlich habe ich mich so nur immer mehr daran gewöhnt

 

Was ist dein Plan für die Zukunft?

Ich arbeite noch an meinem Ausstieg. Irgendwann möchte ich aus den Büchern der Kirche gestrichen werden. Ich möchte mit dieser Organisation nicht mehr in Verbindung gebracht werden und sie auch nicht weiter stärken. Dieser Prozess wird sich ziehen. Andererseits, und das gibt mir Hoffnung, befindet sich die Kirche gerade selbst in einer Art Glaubenskrise. Durch das Internet kann man immer schlechter lügen, die Kirche muss da bei vielen Fragen jetzt Antworten liefern. Diese stellt sie teilweise versteckt auf Ihre Webseite. Damit hilft sie aber auch ungewollt den Zweiflern, Unstimmigkeiten zu entdecken. Ich hoffe also, diese Entwicklung führt dazu, dass man untereinander offener über Zweifel spricht.

 

Jetzt, wo du aussteigst – was bleibt vom Glauben?

Eigentlich müsste ich jetzt sagen, dass ich Atheist bin. Aber dieses Wort fällt mir immer noch wahnsinnig schwer. Weil das immer die Bösen waren, die Menschen, vor denen wir uns fürchten sollen. Von daher würde ich sagen: Ich bin Agnostiker. Ich kann derzeit nicht behaupten zu wissen, dass es keinen Gott gibt. An eine Sache glaube ich jedoch, nämlich an das Gute im Menschen, und so konzentriere ich mich lieber auf das Hier und Jetzt statt auf das Jenseits.

 

Eine Übersicht über Sektenausstiegs-Hilfen gibt es unter weltanschauungsfragen.de oder beim Netzwerk Sektenausstieg.  

 

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