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„You Are Wanted“ hätte eine spannende Serie werden können

Wenn Matthias Schweighöfer sich nicht so anstellen würde.
Von Victor Redman
  • you are wanted 2
    Fotograf: Stephan Rabold; Amazon

Weit entfernt von seiner gewohnten Lebenswirklichkeit sitzt Lukas Franke in einem sterilen LKA-Büro. Die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben – kein Wunder, denn der Familienvater wird verdächtigt, Mitglied der kriminellen Hacker-Organisation ″Antipode″ zu sein. Nun soll er sogar eine Bombe gebaut haben. Doch Franke ist unschuldig: Er selbst wurde gehackt. Seitdem wird er von Unbekannten erpresst, die im Besitz all seiner Daten sind und jedes seiner Geheimnisse kennen. ″Finden Sie die Geschichte nicht'n bisschen absurd?″, fragt der LKA-Ermittler. Damit trifft er das Kernproblem der ersten deutschen Amazon-Serie ″You Are Wanted″. 

Im Zeitalter der Digitalisierung sind Techno-Thriller, die die Schattenseiten des technologischen Fortschritts aufzeigen, wieder voll im Kommen. Serien wie ″Person of Interest″, ″Mr. Robot″ oder ″Black Mirror″ fesselten weltweit das Publikum und der Hacker-Film ″Who Am I″ schaffte es 2014 nach über 20 Jahren als erster deutscher Thriller an die Spitze der Kino-Charts.

 

Auf diesen Trend baut ″You Are Wanted″ auf. Während die meisten Techno-Thriller Hacker in den Vordergrund stellen, geht die Amazon-Produktion von und mit Matthias Schweighöfer von der anderen Seite ran: Hotel-Manager Lukas ist weder Szene-Insider noch Computer-Nerd. Er käme schon ins Schwitzen, wenn ein Gerät ein Update bräuchte, beichtet er zu Beginn der Serie – ein Statement, mit dem sich bestimmt so mancher Zuschauer identifizieren kann. ″You Are Wanted″ stellt nun die Frage, was passiert, wenn ein Durchschnittstyp zur Zielscheibe krimineller Hacker wird. Die Prämisse ist natürlich nicht neu, aber dennoch interessant. Leider gerät die Umsetzung eher holprig.

Ein Problem hat ″You Are Wanted″ von Anfang an: Die gesamte Serie fußt auf dem, was der legendäre Filmkritiker Roger Ebert einmal als ″Idiot Plot″ bezeichnete: Eine Geschichte, die in fünf Minuten beendet wäre, wenn nicht sämtliche Charaktere in der Geschichte handeln würden wie Idioten. In ″You Are Wanted″ tappen fast alle Figuren in diese Falle: Als Lukas bemerkt, dass er gehackt wurde, geht er nicht etwa zur Polizei, sondern versucht erstmal auf eigene Faust, die Hacker ausfindig zu machen. Sein älterer Bruder weigert sich aus zunächst unbekannten Gründen, ihm zu helfen, obwohl er weiß, dass Lukas' Familie bedroht wird. Die diversen Ermittler, die im Laufe der Serie auftreten, geben sich derart schroff und antagonistisch, dass man meinen könnte, sie hätten es nicht auf die Hacker-Organisation abgesehen, sondern auf Lukas persönlich.

 

Selbst auf die offensichtlichsten Lösungsversuche kommt er nicht

 

Diese Problematik hätte die Serie vermeiden können, indem sie Lukas von Anfang an jede Option außer den Alleingang nimmt. Doch die Folgen des Hacker-Angriffs bleiben über lange Strecken erstaunlich überschaubar: Lukas' Sohn wird über die Webcam des Familien-Laptops fotografiert, Nacktbilder einer angeblichen Affäre werden auf sein Tablet gepusht, und von seinem Konto wird Geld abgebucht – all das ist sicher unangenehm, rechtfertigt aber kaum die Panik, in die er bald darauf verfällt. Sicher hat auch Lukas seine kleinen Geheimnisse, aber von denen weiß der Zuschauer zunächst nichts.

 

Wie man in einer ähnlichen Geschichte die Fallhöhe für den Protagonisten wirkungsvoll steigert, macht Baran bo Odars ″Who Am I″ vor: Nachdem der von Tom Schilling gespielte Nachwuchs-Hacker Benjamin aus purem Ehrgeiz einige strafbare Hacks durchgeführt hat, ist die Polizei für ihn kein möglicher Ansprechpartner mehr. Als die virtuellen Abenteuer ihm über den Kopf wachsen und reale Todesopfer fordern, ist er auf sich allein gestellt, weil er selbst zu tief verstrickt ist, um sich Hilfe zu holen. Hier fiebert der Zuschauer mit und fragt sich, wie es Benjamin wohl gelingen könnte, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

 

In ″You Are Wanted″ ist das Gegenteil der Fall. Das liegt vor allem daran, dass Lukas selbst auf die offensichtlichsten Lösungsversuche nicht kommt. Warum sucht er keinen Spezialisten auf, nachdem das Neuaufsetzen seiner gehackten Geräte nicht den gewünschten Erfolg erbringt? Warum sperrt er nicht seine Konten und Karten? ″You Are Wanted″ bieten keine Antworten auf diese Fragen.

 

Der Ansatz zur Gesellschaftskritik ist interessant, läuft letztendlich aber in Leere

 

Vielleicht soll der Zuschauer aber auch schlicht davon ausgehen, dass jede Gegenmaßnahme, die Lukas ergreifen könnte, ohnehin sinnlos wäre. Die gesichtslosen Hacker, die ihm zusetzen, interpretiert ″You Are Wanted″ nämlich als schier allmächtige Techno-Götter. Jedes System vom Smartphone bis hin zum Berliner Stromnetz kann innerhalb kürzester Zeit von ihnen infiltriert, übernommen und offenbar auch langfristig kontrolliert werden. Immer wieder verweilt die Kamera auf Smartphones, Tablets, Computerbildschirmen und Eingabemasken, die die Charaktere ebenso selbstverständlich nutzen wie wir. Die Serie scheint zu fragen, mit welcher Berechtigung wir uns eigentlich so selbstverständlich bewegen in dieser noch jungen, digitalen Welt. Der Ansatz zur Gesellschaftskritik ist interessant, läuft letztendlich aber in Leere. Lukas ist kein Facebook-Junkie, der jede Facette seines Lebens hashtagged und gedankenlos in die Cloud hochlädt. Die größte Verfehlung, bei der wir ihn beobachten, ist das Öffnen einer offenbar virenbehafteten E-Mail.

 

Wer auf eine Auseinandersetzung mit den Risiken des technischen Fortschritts hofft, ist mit einer Serie wie ″Black Mirror″ wesentlich besser bedient. Die Macher der britischen Anthologie-Reihe versuchen sich vorzustellen, wie bereits existierende Technologie unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren verändern könnte und entwirfen dabei regelmäßig Alptraum-Szenarien: In einer Folge wird der eigene soziale Status allein über Likes in einer App bestimmt, in einer anderen wird ein Verstorbener auf Grundlage seiner Social-Media-Posts als künstliche Intelligenz zu neuem Leben erweckt. Von einer derartigen Potenz bleibt die Technologie-Kritik in ″You Are Wanted″ meilenweit entfernt.

 

Das alles soll nicht bedeuten, dass ″You Are Wanted″ schlecht ist. Die moderne Prämisse, die hohen Produktionsstandards und Zugpferd Matthias Schweighöfer sind klare Pluspunkte. So kann ″You Are Wanted″ mit der internationalen Konkurrenz mithalten – mehr aber eben auch nicht. Wer ″Mr. Robot″, ″Black Mirror″ und Co. noch nicht kennt, für den mag ″You Are Wanted″ ein gelungener, leicht verdaulicher Einstieg ins Techno-Thriller-Genre sein. Alle anderen dürften aber schnell das Gefühl haben, diese Geschichte schon einmal gehört zu haben.

 

 

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