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Sexismus im Zug

Frauen sammeln unter #ImZugPassiert ihre Erfahrungen. Viele Männer stellen auf Durchzug.
Von Quentin Lichtblau
  • zugfra

"Belästigung? Melden und raus mit ihm nächste Haltestelle. Per Polizei. Ist nicht so schwer", schrieb der österreichische Journalist Hanno Settele am Freitag auf Twitter. Offenbar hatte er mitbekommen, dass die Mitteldeutsche Regiobahn in den kommenden Wochen  spezielle Frauenabteile einführt, die reisende Frauen vor penetranten Anmachen und Übergriffen schützen sollen.

Als Mann wurde Settele wohl noch nie in der Bahn sexuell belästigt. Dass er daher wohl auch nur bedingt darüber urteilen kann, wie "nicht so schwer" man mal eben lästige Typen aus dem Zug werfen kann, mussten ihm im Anschluss andere Nutzer erklären. Auch der Umstand, dass die Bahn in seinem Heimatland Österreich bereits seit 2003 Frauenabteile anbietet, brachte wenig Ruhe in die Debatte, weswegen die Studentin Anna Lehna Bankel unter dem Hashtag #ImZugPassiert dazu aufrief, Erfahrungen mit Sexismus im Zug öffentlich zu teilen. Die Resonanz erfolgte in Form von hunderten Berichten aus dem Alltag in deutschen Bahnwaggons:

 Wie nicht anders zu erwarten, sprang auch die Männerversteher-Seite sofort auf den Zug auf und versuchte mit erwartbaren Statements wie "wahrscheinlich seid ihr alle hässlich und wollt missbraucht werden" oder "mir hat sich auch schon einmal ungefragt eine Frau auf den Schoß gesetzt" gegenzusteuern. Die Frauen seien mal wieder zu sensibel, fühlten sich von Nichtigkeiten gleich "gnadenlos geraped". Viele äußerten sich fürchterlich genervt von einem neuen Versuch der "Feministinnen-PR" , "Männer mal wieder als triebgesteuerte Machoschweine zu beschreiben". 

Leider blieb die Debatte an diesem Punkt zum größten Teil stecken: Menschen weisen auf Diskriminierung hin, andere Menschen stellen die Diskriminierung in Frage oder ziehen sie direkt ins Lächerliche.

Dabei könnte man über Frauenabteile auf einem nicht ganz so hüfthohen Niveau, wie dem der vermeintlichen Männerechtler, durchaus kritisch diskutieren. So brachte der Österreicher Hanno Settele mit einer Anspielung auf die schwarze Bürgerrechtlerin Rosa Parks und die Segregation ja einen durchaus interessanten Punkt in die Diskussion: Sollen Frauen es hinnehmen, dass sie sich wohl oder übel in spezielle Abteile zurückziehen müssen, um sicher und ungestört Zug fahren zu können? Müssten nicht die Belästiger selbst isoliert werden? Doch wie könnte das funktionieren? Sind Frauenabteile nicht nur eine reine Symptombekämpfung, direkt neben der berühmten "Armlänge Abstand"?

Wer aber solche Fragen diskutieren will, sollte das Grundproblem und die hunderten Erfahrungsberichte nicht infrage stellen. Wer wie Settele glaubt, man könne jede Form von Belästigung mit einem kurzen Anruf wegtelefonieren, hat wenig verstanden.

 

 

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