"Wir müssen an zwei Fronten kämpfen"

Nämlich: gegen Sexismus und Rassismus. Ein Interview zu #Ausnahmslos.
Interview: Nadja Schlüter
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Illustration: Julia Schubert

23 Feministinnen haben ein Statement gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus verfasst, das unter dem Schlagwort #Ausnahmslos online erschienen ist. Bisher haben etwa 400 Frauen unterzeichnet, darunter Manuela Schwesig, Anke Domscheit-Berg und Laurie Penny. Stefanie Lohaus, Mitherausgeberin des Missy Magazins, hat das Statement mit verfasst.

jetzt: Nach Köln gab es es Kritik, dass jetzt keiner einen #Aufschrei startet – ist #ausnahmslos eine Reaktion darauf?

Stefanie Lohaus:  Nein, es ist eine Kritik daran, dass rechte Populisten und Populistinnen feministische Themen für ihre Anliegen missbrauchen. Kübra Gümüsay, Anne Wizorek und Emine Aslan haben das initiiert und uns alle angeschrieben. Am Mittwoch hatten Anne und ich aber schon für Vice über das Thema geschrieben – und der Artikel war tatsächlich eine Reaktion auf diesen seltsamen Angriff, dass es keinen #Aufschrei gab. Der kam ja von den Leuten, die normalerweise sexuelle Gewalt verharmlosen und Victim Blaiming betreiben. Das ist völlig absurd. Es ist eine Kritik daran, dass rechte Populisten und Populistinnen feministische Themen für ihre Anliegen missbrauchen

Es geht euch vor allem darum, dass feministische Anliegen nicht von Populisten und Rassisten missbraucht werden dürfen. Ist das ein gängiges Problem des Feminismus?

Ja, das ist ein Problem. Dieses ganze Narrativ vom „fremden Mann, der die „weißen Frauen“ bedroht, und dass „weiße Männer“ sie verteidigen müssen, ist patriarchal und rassistisch, – in der Erzählung geht es nicht um das, was passieren muss, nämlich strukturelle Änderung und Gewaltprävention. Das System muss so verändert werden, dass niemand Angst vor Gewalt haben muss. Wir müssen also an zwei Fronten auf einmal unterwegs sein: gegen Sexismus und gegen Rassismus.

Ihr kritisiert, dass sexuelle Gewalt jetzt thematisiert wird, weil es vor allem um „Ausländer“ geht. Aber war es nicht eher das Ausmaß der Gewalt, das dafür gesorgt hat, dass das Thema groß wurde?

Spezifisch war an den Taten in Köln die Form der Organisation, also die Formierung von Gruppen, und dass sie dadurch Diebstähle begehen. Das ist etwas anderes als individuelle Übergriffe – aber eben nur von der Form her. Insgesamt ist es sehr schwierig, das Ausmaß der Gewalt einzuschätzen. Denn oft werden Belästigungen einfach nicht angezeigt. Das heißt: Die Anzeigebereitschaft ist in diesem Fall extrem hoch, das sagt etwa auch der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. Frauen fällt es leichter Anzeige zu erstatten, wenn Täter auch medial schon so benannt werden. Es wäre schön, wenn die Anzeigebereitschaft immer so hoch wäre.

Könnte es sein, dass es dadurch langfristig einen positiven Effekt gibt, also die Anzeigebereitschaft in Zukunft generell höher ist?

Das kommt drauf an, ob wir es schaffen, das Thema langfristig zu etablieren. Wenn das Narrativ „Das sind die Fremden!“ gewinnt, dann verpufft die Anzeigebereitschaft wieder. Es hat also viel damit zu tun, wie die Gesellschaft über sexualisierte Gewalt spricht.

 

Darf man dabei nicht über die Herkunft der Täter sprechen?

Doch, man muss sogar sehr genau über die Täter aufklären. Man sollte nichts verschweigen, aber dann eben auch genau sein! Gerade für die Geflüchteten und die Muslime, die jetzt unter Generalverdacht stehen, ist es extrem wichtig, aufzuklären, wer das wer, was deren soziale Hintergründe waren, ob sie schon im Herkunftsland Straftäter waren und so weiter. Und man muss immer im Blick behalten: Der andere Kontext, warum das passiert, ist eben Deutschland!

 

"Man muss sehr genau über die Täter aufklären"

 

Weil die deutsche Polizei versagt hat?

Zum einen das. Und zum anderen, weil nach deutschem Gesetz der größte Teil der Übergriffe keine Straftaten darstellen. Wenn der Täter zum Beispiel alkoholisiert war, ist das für ihn strafvermindernd. Der Diebstahl wird am Ende wahrscheinlich schwerer geahndet. Darüber müssen wir eben auch sprechen: Das ist unser System, das wir geschaffen haben und das nicht von außen gekommen ist.

Ihr stellt Forderungen an alle Bereiche des öffentlichen Lebens. An die Politik, die Gesellschaft, die Medien. Was braucht es vor allem, um die umzusetzen? Zeit? Geld? Bildung?

Alles davon! Das sind sehr komplexe gesellschaftliche Probleme. Unser Forderungskatalog ist lang, aber da stecken viele Erkenntnisse drin, die die feministische Forschung in den letzten Jahrzehnten gewonnen und diskutiert hat. Er ist also auch ein Anlass für alle, diese Erkenntnisse endlich ernst zu nehmen. Anstatt sie immer noch abzutun mit Aussagen wie: „Alles Hysterikerinnen, die sich über einen dummen Spruch an der Bar aufregen!“

 

Läuft es irgendwo schon besser als in Deutschland?

Ja, in den skandinavischen Ländern. In Schweden zum Beispiel ist die Anzeigebereitschaft viel höher als hierzulande. Und die steigt ja, wenn man glaubt, dass man Recht bekommt.

 

Kannst du mir drei Punkte aus eurem Forderungskatalog nennen, die ich als Einzelperson jetzt sofort umsetzen kann?

Die Reflexion von Seximus und Rassismus, also dich selbst zu fragen, wen du für was verantwortlich machst. Eingreifen, wenn du Zeugin sexualisierter Gewalt wirst. Und mutig sein und die anderen, vor denen man vermeintlich Angst haben muss, treffen. Raus aus der Bubble!

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