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"Als ich das erste Mal ins Pulse ging, veränderte sich alles"

Im Gay-Club "Pulse" starben mindestens 49 Menschen. Was der Club für seine Besucher war. Und nie mehr sein wird.
Von Friedemann Karig
  • cover pulse dpa cristobal herrera
    Foto: Christobal Herrera/dpa

"Heute geöffnet: 21:00 bis 2:30 Uhr“, sagt Google, wenn man das „Pulse" sucht in Orlando, Florida, USA. Aber der "Pulse Orlando Night Club & Ultra Lounge“, wie der Club offiziell heißt, in dem die tödlichste Attacke stattfand, die die USA seit 9/11 erlebt haben, wird vorerst nicht mehr öffnen. Als Samstagnacht ein Einzeltäter das Feuer eröffnete, starben hier mindestens 49 Menschen. 53 wurden verletzt. Ausgerechnet an einem Ort, der wie viele andere Gay-Clubs im Land als „safe space“ für Schwule und Lesben galt. Ein geschützter Raum. Eine Zuflucht vor einer nicht immer ungefährlichen Welt draußen.

Dieses Draußen sieht bei Google Street View harmlos aus. Ruhig. Und vor allem: sehr amerikanisch. Auf der gegenüberliegenden Seite der zweispurigen Straße liegt ein Dunking Donut. Daneben ein Radio Shack, eine Art amerikanischer Media Markt. Ein Wendy's Fast-Food-Restaurant ist auch da. Direkt neben dem Pulse versorgt eine Tankstelle die dicken Autos, die hier unterwegs sind, mit Benzin. Sehr amerikanisch und sehr friedlich wirkt also diese 1912 S Orange Ave,Orlando, FL 32806,Vereinigte Staaten. So lautet die vollständige Adresse des Clubs in einem Gewerbegebiet, irgendwo im Zentrum der von kleinen Seen durchsetzten Stadt Orlando. 

 

Drinnen, das sieht man auf vielen Bildern, die Betreiber und Gäste vom Club ins Netz gestellt haben, erleuchten rötliche und blaue Flächen sowie dutzende Bildschirme den sonst  dunkel gehaltenen Club. Es gibt eine Tanzfläche und eine kleine Bühne. Eine lange Bar, dahinter unzählige Flaschen. Am "Flashback Monday" gab es Talentwettbewerbe und Travestie-Shows zu 80er-Hits. In einem Video sieht man viele gut gelaunte Männer in Outfits, die konservative deutsche Politiker wohl "schrill" nennen würden. In einem anderen Video twerken zwei weiße Männer mit zwei schwarzen Frauen um die Wette. 3,9 Sterne bekommt der Laden im Durchschnitt als Bewertung. Besonders beliebte Zeiten: ab 23 Uhr. Ein User namens Santiago Manrique gibt vier Sterne und schreibt: „Gute Erfahrung, nettes Ambiente. Je nachdem, wann man da ist, ist die Musik super. Wir gingen am Freitag spontan hin, ohne zu wissen, dass Hip-Hop-Nacht ist. Wir sind keine guten Hip-Hop-Tänzer, aber mein Freund hatte trotzdem eine super Zeit. Ich empfehle diesen Hot Spot.“ Am Samstag, als die Schüsse fielen, war „Latin Night“.

 

Man sieht und hört also von einem Club, wie es ihn fast überall auf der Welt gibt. Aber ein Club ist ja nunmal mehr als eine unterschiedlich geschmackvolle Summe von Einrichtung, Drinks und Musik.

Clubs sind Medien. Sie laden sich mit Bedeutung auf. Sie können kleine magische Türen aus der normalen Welt in eine andere Dimension sein. Dschungel voller Abenteuer. Testlabore für eine bessere Welt. Oder eben Orte, an denen sich sicher fühlen kann, wer da draußen nicht sicher ist.

 

Das Pulse wurde 2004 von Barbara Poma und Ron Leger gegründet. Poma wollte mit dem Club einen sicheren Ort für die örtliche LGBT-Community schaffen. Und an ihren Bruder John erinnern, der an Aids gestorben war. "Wir wuchsen in einer strengen italienischen Familie auf. Schwule wurden nicht gerne gesehen", schrieb Poma auf der Webseite des Clubs. "Aber als John sein Coming-Out hatte, veränderte sich die Dynamik unserer Familie: Von Strenge hin zu Akzeptanz und Liebe." Mit dem Pulse wollte sie einen Club aufbauen, der ihren Bruder Stolz gemacht hätte. Der Name sollte an seinen Herzschlag erinnern, ein Ort werden, "wo er für seine Familie und Freunde weiterlebt."

 

So entwickelte sich das Pulse zu einem "Safe Haven", in dem Schwule und Lesben feiern konnten, ohne angefeindet zu werden. In einem Land, in dem homophobe Übergriffe Alltag sind und Schwule beispielsweise im Bundesstaat Indiana immer noch gesetzlich diskriminiert werden, braucht es leider solche speziellen Orte. Die Institution der "Gay Bar" ist dort mehr als nur eine weitere Ausprägung westlichen Hedonismus. Deshalb ist ein Angriff auf sie auch so doppelt perfide.

 

Das Pulse war ein Rückzugsort für hunderte LGBT-Menschen

 

Ein Sprecher auf einer New Yorker Gedenkveranstaltung sagte: "Ich bin ein schwuler DJ. Eine Gay-Bar war der erste Ort, an dem ich mich wie ich selbst gefühlt habe. Eine Gay-Bar ist der Ort, an dem eine Revolution stattgefunden hat!" 

 

Wie brutal diese Idee im Pulse nun kaputtgeschossen wurde, versteht man, wenn man liest, was Leute dort genau gefunden haben. Ein schwuler Latino, der zehn Minuten entfernt in Orlando aufwuchs, beschreibt seinen ersten Besuch dort so: "Als ich das erste Mal ins Pulse ging, veränderte sich alles. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Leute, die aussahen wie ich, und frei lebten. Ich sah Leute Spaß haben. Ich sah Leute, die ihr Leben feierten." LGBT-Communitys auf der ganzen Welt seien oft gezwungen, Nachtlokale als Rückzugsorte zu nutzen. "Und das Pulse war dieser Ort für mich. Obwohl ich mich gegen den Hass, teilweise von meiner eigenen Mutter, gerüstet hatte, hasste ich mich doch selbst, weil ich schwul war. Im Pulse lernte ich, mich selbst zu lieben. Das Pulse war nicht nur mein Rückzugsort, sondern Safe Haven für hunderte LGBT-Menschen in Orlando."

 

Und damit war das Pulse auch ein typisch amerikanischer Ort. Wo eine Minderheit leben konnte, wie sie wollte. Ein Ort der Freiheit, so amerikanisch wie eben seine Nachbarn Dunking Donuts oder Wendy's. Deshalb nannte Präsident Barack Obama die Attacke, ob terroristisch motiviert oder nicht, einen Angriff "auf die fundamentalen Werte der Gleichheit und der Würde, die unser Land definieren."

 

Samstagnacht um 2:09 Uhr Ortszeit postete jemand auf der offiziellen Facebook-Seite des Pulse: "Everyone get out of pulse and keep running."

Rennt raus in die Welt, vor der ihr hier Schutz sucht.

 

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