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Warum Deutschland vom Terror bislang verschont geblieben ist?

Der Soziologe Dr. Nils Zurawski sagt: Weil wir hier offener über den Islam streiten.
Interview: Nadja Schlüter
  • trauer nach terroranschlag carl court getty images
    Foto: Carl Court / Getty Images

Dr. Nils Zurawski ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg und hat derzeit eine Vertretungsprofessur an der TU Darmstadt.

 

jetzt: Herr Zurawski, wieso gab es einen Anschlag in Brüssel – und nicht in Berlin?

Nils Zurawski: Weil es überall passieren kann. Das ist der Kern von Terrorismus, dass er plötzlich und verstörend auftritt. Alles andere wäre Krieg und den haben wir hier nicht.

 

Hatten wir bisher also bloß Glück?

Vielleicht, denn in Bonn war der Zünder kaputt und die Sauerland-Gruppe war zu schlecht organisiert. Die IRA hat damals zu Thatcher gesagt: Ihr müsst jeden Tag Glück haben – wir genau ein Mal.

Aber gibt es einen Unterschied zwischen Deutschland und Belgien, der erklären könnte, warum wir bisher verschont geblieben sind?

Ich weiß nicht, ob Deutschland irgendwas besser macht. Bisher scheint es so. Jedes Land hat eine andere Integrations- und Migrationspolitik und Deutschland ist da auch nicht das leuchtende Beispiel – aber ich glaube, wir haben eine offenere Diskussion über dieses Thema als in anderen Ländern. Klar ist das auch schwierig, man denke nur an den Kampf um Kopftücher, an die Debatte um die Rütli-Schule in Neukölln. Die Diskussion ist extrem kontrovers und wird nicht immer mit schönen Argumenten ausgetragen – aber sie ist offen. In diesem Zusammenhang ist es vielleicht auch nicht nur schlecht, dass Deutschland sich schon immer schwer getan hat in religiösen Fragen.  

 

Wie meinen Sie das?

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal so sagen würde, aber ich glaube, dass es hier mehr Gegenwehr gegen den Islam gibt, hat zu einer breiteren Debatte geführt und möglicherweise einen positiveren Effekt gehabt. Ich sage nicht, dass keine Moschee in Deutschland gebaut werden soll! Aber hier gibt es mehr öffentlichen Diskurs über den Islam und in den werden auch die Muslime selbst stärker eingebunden. Darum gibt es insgesamt eine heterogenere muslimische Gemeinschaft und das könnte ein Gegengewicht zu Radikalisierung sein. Es gibt weniger Nischenbildung und radikale Strukturen können so vielleicht weniger gut entstehen.

 

Wenn sie entstehen, dann in Großstädten. Warum?

Da lässt es sich anonymer leben – Salah Abdeslam lief ja angeblich sogar offen in Molenbeek rum, bevor er gefasst wurde. Das würde auf dem Dorf eher nicht passieren. Gleichzeitig kann man in der Stadt natürlich bessere Netzwerke bilden.

 

Molenbeek gilt jetzt allen als Ort, an dem der Terror entstehen konnte. Ist es ein Viertel wie die französischen Banlieues, die sonst immer als „Nährboden für Terror“ gelten?

Nein.

 

Was ist anders?

Molenbeek ist viel integrierter in die Stadt, allein vom Bau her. Es ist ein Teil der Stadt, nicht ein Hochhaus-Ghetto außerhalb.

 

Und was ist dann das Problem?

Molenbeek hat eine hohe Migrantenrate und die entsprechenden Netzwerke, dadurch ist eine Parallelgesellschaft entstanden. Wobei Radikalisierung nicht in erster Linie was mit Einwanderung zu tun hat, sondern vor allem mit Sozialstatus. Es ist der Aufstand der abgehängten Jugend: junge Männer auf Sinnsuche, denen von radikalen Islamisten ein Angebot gemacht wird. Solche Männer kommen oft aus Problemvierteln – denn sie wohnen dort, weil sie keine Chance haben und sie haben keine Chance, weil sie dort wohnen. Das ist ein Teufelskreis. Salafisten aus Deutschland, die nach Syrien gehen, oder die Täter von Paris haben ja ähnliche Geschichten.

 

Trotzdem: Es gibt hier kein Molenbeek. Zumindest noch nicht.

Man muss schon sagen, dass es Deutschland sozial und wirtschaftlich sehr viel besser geht als Belgien. Und Brüssel hat vielleicht strukturelle Probleme, was Integration und Stadtplanung angeht, aber das ist nicht nur ein belgisches Problem.

 

Hätte man das alles aufhalten können?

Da hätte man früher ansetzen müssen, man hat zu lange weggeschaut. Die Jugend radikalisiert sich nicht erst jetzt, sondern wir sehen die Effekte dieser Radikalisierung. Das Ergebnis von etwas, das schon lange gärt, wird sichtbar.

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