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Der zweite Rausch

Der beste Teil des Vollsuffes? Die Mahlzeit danach, findet unsere Autorin.
Von Sina Pousset
  • trinkkolumne hunger jetzt
    Illustration: Lucia Götz

 

Ich trinke, um zu essen. Klar trinke ich auch, um zu trinken. Alkohol ist Selbstzweck beim Feiern. In der Komposition meines perfekten Abends ist Alkohol jedoch nur der Bass.  Der Höhepunkt, das unverzichtbar Drum-Solo, ist das Essen Saufen.

 

Nicht falsch verstehen. Der Alkohol schreibt wirklich sehr schöne Geschichten. Wie die Alex mit der Feli beim Korn-Konzert auf einmal auf die Bühne stürmt und mit zwei Altgläsern aufeinander trommelt, als wäre sie Gründungsmitglied der Band. Wie der Emil bei einer ethanolbeheizten Wette seine Schuhe verliert und stattdessen in Ginas High Heels nach Hause geht, dann ein dicker Wagen neben ihm hält, das Fenster surrend nach unten fährt und der Typ dahinter, um die 60, fragt: „Na, Hübsche, was soll der Spaß denn kosten?“ Wie wir auf dem Nachhauseweg gegen vier Uhr auf einmal in einen Hauseingang stolpern, auf einer Abrissparty landen und dann mit lauter Druffis und dem besten DJ-Duo der Welt in den Morgen feiern. Großartig.

 

Aber, wenn ich ehrlich bin: Genau so großartig war die warme Leberkässemmel mit frittierten Röstzwiebeln danach. Oder die Pfannkuchen mit Nutella, Erdnussbutter und Smarties, die es in meiner ersten WG regelmäßig nach dem Weggehen gab. Ziemlich legendär auch die Spiegeleier mit Speck, die wir zu fünft nach dem Konzert an meinem Küchentisch aßen, als die Vögel schon längst wieder aufgehört hatten zu singen. Ein Freund, noch das Eigelb am Kinn, machte mir an diesem Morgen einen Heiratsantrag.

 

Ist logisch. Denn Suffessen macht glücklich. Der Zustand nach dem Rausch und vor dem Kater ist säuglingsgleich. Im Hirn ist noch nicht viel, außer der Geschmack von warmem Fett und Glück. Kein Wunder, dass man diesen Zustand behalten will, am liebsten gleich für immer. Ich kann mich selbst an Momente erinnern, in denen ich überzeugt war, dass das, was ich gerade für meine Pommes empfinde, von Liebe nicht weit entfernt ist.

 

Das hängt damit zusammen, dass dieses Essen bei halbvollem Bewusstsein verzehrt wird. Anders als der im Vollrausch auf dem Boden mehr zerfledderte als gegessene Burger, an den hinterher höchstens ein verwackeltes Handyvideo erinnert, erlebt man die Restalkoholmahlzeit schon fast wieder als Mitglied der Realität, das zumindest gerade so ein Ei braten kann. Dazu kommt der verklärende Zauber des Alkohols. Und der macht bekanntlich alles besser. 

 

 

Nach dem Suff habe ich nicht nur Hunger. Es ist mehr wie eine T-Rex-hafte Fresslust. Ich will Fett, Salz, Zucker und noch mehr Fett. Am liebsten gleichzeitig. Meine Reserven sind verbraucht, vom Tanzen, vom Nachhauseweg, vom lange Wachbleiben. Es ist das Recht jedes heimkehrenden Betrunkenen, sich das zu holen, was ihm der Alkohol in den letzten Stunden in flüssiger Form ersetzt hat: eine ordentliche Mahlzeit.

 

Ordentlich heißt in dem Fall: die vier bis achtfache Tagesdosis Kalorien. Denn am Küchentisch ist es, als wäre ich nicht nur ein paar Stunden durch die Nacht gestreift, sondern nach Wochen aus der Wüste zurück. Die Suffmahlzeit ist grenzenlos. Alles ist erlaubt. Alles ist nötig. Und alles schmeckt. Die Sinne feiern ihre Rückkehr mit einer Synapsenparty. Wer im Halbsuff isst, der isst endlich mal richtig: wach und gleichzeitig absolut berauscht. Pfannkuchen, Spiegelei, Pommes, Dosenravioli: Es sind die einfachen Dinge, die in diesem Zustand jedem Sternemenü ihre fettigen Stinkefinger zeigen. Ganz ehrlich, hat jemals irgendwas so geil geschmeckt, wie jetzt?

 

Eine Suffmahlzeit ist eben mehr, als nur Genuss. Für Ernüchternde ist sie oft auch Lebensretter. Wem sich von zu viel Mische auf den letzten Metern der Magen umdreht, dem reicht die Currywurst gerade noch rechtzeitig die Hand. „Last night a Döner saved my life“ – genau so fühlt es sich an. Am Morgen (der oft Nachmittag heißt) tritt man in die Küche, auf dem Tisch noch die Überreste der Fressattacke. Ungespülte Pfannen und Ketchupflecken. War da was? Der Genuss flackert auf, kurz und heftig wie Schmerz. Wer dann in die Brötchentüte greift und zubeißt, wird bitter enttäuscht. Die Brötchen, in der Erinnerung warm und frisch, sind trocken und pappig. Der Zauber ist flüchtig.

 

Die Suffmahlzeit bleibt oft die einzig kalkulierbare Konstante des Abends

 

Vielleicht will unser Hirn, dass wir im Halbrausch alles lecker finden. Kohlenhydrate, Fett und Salz werden vom Körper nach Alkoholkonsum tatsächlich dringend benötigt. So dringend, dass es Essen zu einer fast religiösen Erfahrung macht. Nach einer durchzechten Nacht mit geschlossenen Augen in einen Burger beißen, das hat schon bisschen was von Wiedergeburt.

 

Das Seltsame ist, dass kaum einer darüber spricht. Dabei hat jedes Land seine eigene Formel: Cheesy Chips in England, Tacos in Mexiko, Ramen in Japan, Döner überall. Doch nur verwaiste Pfannen und Plastikgabeln erzählen am Morgen danach vom zweiten Rausch der Nacht. Vielleicht sollten wir, statt nur Feierandekdoten auszutauschen, in Zukunft auch mal über Suffessen sinnieren: „Boah, weißt du noch, die Leberkässemmel nach Rajas Party? Die mit den kleinen, karamellisierten Zwiebelchen?“ Ich glaube, es träte auf alle Gesichter ein glückliches, entrücktes Lächeln. Dann wäre auch völlig egal, ob Rajas Party der Rave des Jahrhunderts war – oder eher Engtanz mit Licht an.

 

Dafür liebe ich die Suffmahlzeit besonders: Weil sie oft die einzig kalkulierbare Konstante des Abends bleibt. Alkohol kann Spaß machen, muss aber nicht. Die postalkoholische Mahlzeit bringt es stattdessen immer. Und das gibt mir Sicherheit. Die lang ersehnte Party kann noch so scheiße laufen, am Ende wartet das 39-Cent-Knoblauchbaguette aus dem WG-Ofen. Und so ist Suffessen auch eine Art Versöhnung mit der Welt. Es tätschelt dem Feiernden noch mal liebevoll den Kopf, bevor er erschöpft auf die Kissen sinkt. Es signalisiert: Alles ist gut. Die Nacht ist vorbei. Jetzt stärk dich. Und dann geh verdammt noch mal ins Bett. 

 

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